Kunst auf Augenhöhe

Seit 100 Jahren betätigt sich die Stadt Chemnitz aktiv als Förderer zeitgenössischer Kunst. Ein Ausdruck demokratischen Selbstverständnisses, der bis heute Bestand hat.

Chemnitz.

Es ist eine verbreitete Erscheinung, Mitte des 19. Jahrhunderts: Ein Bürgertum, das sich in den vorangegangenen Jahrzehnten peu à peu vom Adel emanzipiert hat, beginnt in den großen Städten ein kulturelles Selbstbewusstsein auszuprägen. Dazu gehört, im Nachhall der Aufklärung, die Sinnsuche diesseits von Religion und Herrscherkult. Die bildende Kunst ist da neben Musik und Theater ein Dreh- und Angelpunkt, aus dem heraus in ganz Deutschland Kunstvereine, Galerien und Museen entstehen, die fortan einen Teil der kulturellen Identität Deutschlands ausmachen.

Chemnitz kann in dieser Hinsicht in diesem Jahr im Grunde gleich zwei runde Jubiläen feiern. Ein Verein zur Förderung der bildenden Künste mit dem Namen Kunsthütte wird vor 160 Jahren, am 24. Januar 1860, gegründet. Ein Anfang ist gemacht. Die erste Ausstellung mit Chemnitzer Künstlern findet bereits im selben Sommer statt. Doch zunächst behält der Name "Kunsthütte" den Beigeschmack von physisch greifbarer Wahrheit. Raumnot bei Ausstellungen in diversen Gastwirtschaften und angesichts einer langsam, aber stetig wachsenden Sammlung von Malerei, Grafik und Plastik ist ein steter Begleiter der Arbeit des Vereins.

Bis die Stadt um 1904 beschließt, einen repräsentativen Museumsbau zu errichten. Nicht zuletzt wohl auch als Reaktion auf das Engagement und die Erfolge der Kunsthütte. Die Königliche Gemäldegalerie Dresden leiht ihr 1902 erstmals 21 Gemälde älterer Meister aus: Einen Verein, der derlei erreicht, kann, muss die Stadt ernst nehmen. Das wiederum fördert das Vertrauen der Dresdner: Weitere Leihgaben jüngeren Datums werden bewilligt.

1908 schließlich zieht die Kunsthütte neben anderen Vereinen in das fertiggestellte Museumsgebäude ein. Dennoch werden zunächst nicht die Werke aus der eigenen Sammlung ausgepackt und an die frisch geweißten Wände gehängt. Stattdessen hat man im Vorfeld 200 deutsche Künstler zur Teilnahme an einer Ausstellung eingeladen, die einen möglichst kompletten Überblick über alle damaligen künstlerischen Positionen geben soll. Die Wirklichkeit bleibt hinter diesem hehren Anspruch zwar zurück. Historisierender Realismus und gemäßigter Impressionismus dominieren die 1909 mit dem Museum offiziell eröffnete Ausstellung. Und doch: Auch die jungen Brücke-Künstler und Emil Nolde haben in diesem Kreis ihren anerkannten Platz.

Bei diesem Wohlwollen gegenüber neuem Denken in der Kunst soll es auch elf Jahre später bleiben. Gemäß dem mit der Weimarer Republik eingezogenen demokratischen Selbstverständnis macht die Chemnitzer Stadtverwaltung 1920 aus dem König-Albert-Museum das Städtische Museum. Überdies beschließt sie, eine kommunale Kunstsammlung zu gründen. Ergänzend zur Sammlung der Kunsthütte, aber auf Augenhöhe mit ihr. Unter der Ägide des ersten Direktors Friedrich Schreiber-Weigand entsteht so binnen zehn Jahren eine der renommiertesten Sammlungen für zeitgenössische Kunst in Deutschland.

Mit der Sammlungstätigkeit geht hinsichtlich der Frage, wie man Ausstellungen macht, ein Paradigmenwechsel einher. Bisher hängt auf jeder Wand über-, unter- und neben-einander dicht an dicht möglichst viel bemalte Leinwand. Sicher ist das auch eine Angewohnheit, die aus der Zeit der beengten räumlichen Verhältnisse ins neue Domizil mitgebracht wurde. Nun hängt man die Bilder luftiger, sodass der Betrachters sie einzeln erfassen kann - auf Augenhöhe eben. Man setzt zudem bewusst Hintergrundfarben ein. Erstmals geschieht all das in der XV. Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes, mit der die Städtischen Kunstsammlungen vor 100 Jahren ans Licht treten - im Bewusstsein, dass Kunst in einer Republik eine öffentliche Angelegenheit ist, Lebensfragen diskutiert, die alle angehen. Was hat davon heute noch Bestand? Zum 100-jährigen Bestehen der Städtischen Kunstsammlungen blickt die Einrichtung zurück - auf die damals Maßstäbe setzende Eröffnungsausstellung und auf ihre Sammlung.

Die Serie Die "Freie Presse" stellt bis zum Beginn der Jubiläumsschau regelmäßig ein ausgewähltes "Werk der Woche" aus der Sammlung in ihrem Kulturteil vor.


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