Lang lebe der Kompromiss!

Die eben beendete Fernsehserie "Game of Thrones" hat die Kultur des letzten Jahrzehnts durchgeschüttelt wie kaum ein zweites Filmereignis. Kann uns das Finale der Reihe etwas für die kommenden Jahre mitgeben?

Königsmund/New York.

"Game of Thrones" machte eins vor: Umweltsäue allen Alters haben ausgedient. In den 2020ern wird schlussendlich eintreten, was sich die Öko-Hippie-Stadtkommunen-Fans lange erträumt haben - und was die heftigen Gegenbewegungen der letzten Jahre erzeugt hat. Zumindest, wenn man die Fantasy-Serie als Omen für das kommende Jahrzehnt lesen will, dann ist sie Warnung vor der Klimakatastrophe und Ermutigung für den Kampf um eine gemeinsame Zukunft: Diese Botschaft scheint als Subtext aus der Serie zu sprechen. Und sei das auch nur als zentrales Motiv angenommen, um die vielen Stunden zu rechtfertigen, die man "Game of Thrones" geschaut hat: Das fossile Zeitalter geht zur Neige. Es ist Drachendämmerung - der Winter, oder in unserem Fall der Sommer naht!

Für Unkundige: Wir befinden uns in einem undatierten Zeitalter, das ans europäische Mittelalter erinnert. Dort kämpfen auf dem Kontinent Westeros sieben Königreiche mit sich und einem monströsen Gegner. Von Norden drohen Eiszombies die Mauer zu überrennen, die seit jeher die Reiche schützt. Mit dem nahenden Winter kommen die Frostkreaturen näher und zahlreiche Helden wie Schurken stellen sich ihnen. Weil das als Spannungsfaktor nicht reicht, mischt noch eine exotisch-erotische Herrscherin aus Übersee im Thronstreit mit.

"Game of Thrones" kann für Vieles stehen. Immerhin hat der Kampf um die Mauer die Sehgewohnheiten einer ganzen Guck-Generation verändert - und die finale achte Staffel hinterließ nun ein Loch. Worin bestand der Erfolg, der so viele auch Nicht-Fantasy-Fans begeisterte? Dem Mix aus pseudomittelalterlicher Großbritannien-Geschichte, Softporno und Gespensterfilm heizte besonders das blutige wie undurchsichtige Intrigendickicht ein, das unaufhörlich neue Opfer forderte. Und immer wieder traf es Unerwartete, fiel ein Sympathieträger nach dem anderen.

Darüber hinaus haben sich Glaubenssätze einzelner Charaktere in der Populärkultur festgesetzt. Kostprobe: "Ein Verstand braucht Bücher wie ein Schwert den Schleifstein." (Tyrion Lennister) "Und was sagen wir dem Gott des Todes? Nicht heute!" (Arya Stark) Kein Wunder, dass mittlerweile sogar Ratgeberliteratur fürs Geschäftsleben mit diesen Zitaten mantraartig operiert. Und mit kitschigen Symbolen spart die Serie auch nicht. Wenn zum Schluss der umkämpfte Eiserne Thron im Drachenfeuer schmilzt ("Schwerter zu Pflugscharen"), wer will darin nicht den Ruf nach Weltfrieden erkennen?

Sicher, klischierte Rollen gab's zuhauf. Am Anfang wurde zudem zu sehr die Nackedei-Karte gezogen. Und doch ist die Serie auch ein Symbol der Emanzipation, denn es gab viele starke Frauencharaktere. Man denke an die physisch-psychischen Missbräuche, die Sansa Stark durchstand, ihre taffe Schwester Arya. Der erste weibliche Ritter Westeros taucht auf, und Herrscherinnen in so hoher Zahl sind sowieso selten im Fantasygenre wie im echten Leben. Dieser Aspekt der Geschlechtergerechtigkeit wartet zudem mit einer Erkenntnis auf: Frauen sind keine besseren Menschen - Macht kann jeden und jede korrumpieren. Und: Es gibt Leute, die wollen die Welt einfach nur brennen sehen.

In den "weißen Wanderern", den Wiedergängern aus Eis und Schnee spiegelt sich, dass totgeglaubte Ideen durchaus zurück ins Leben finden können. Das aktuelle Besinnen auf die Sippe, das Zusammenrücken am Herdfeuer von Abstammung und Nation, ist darin zu erkennen. Der Brexit wird überdeutlich, wenn sich im Finale der Norden von den Königslanden abspaltet. Diese Weißen Wanderer stellen auch eine absolut tödliche Gefahr für die Menschheit dar, die einhergeht mit dem Klimawechsel oder besser, diesen einläutet: "Der Winter naht."

Das kann man als politische Allegorie auf das Zeitalter der fossilen Brennstoffe verstehen. Die Wanderer bringen die Kälte mit und bedeuten den bevorstehenden Kollaps der Zivilisation, nachdem das Drachenartensterben fast vollendet ist. Darum sind alle Herrschenden gefragt, zusammen dagegen zu kämpfen. Bleiben sie in ihren einzelnen Machtspielchen verfangen, geht es zu Ende und "spielt es keine Rolle, wessen Skelett auf dem Eisernen Thron sitzt", wie es Zwiebelritter Davos Seaworth ausdrückt. Die anrückenden Toten aus der Erde stellen das Risiko dar, dem sich die Menschheit der Gegenwart ja auch aussetzten, wenn sie ihre technische Welt weiterhin durch das Verbrennen von Fossilien antreibt: Tote Stoffe, die etwas in Bewegung setzen.

Fantasien und Träume sind immer auch Reflexion über ihre jeweilige Gegenwart. In dieser Hinsicht ist "Game of Thrones" die Fabel der Stunde. Der Klimawandel kann nur gestoppt werden, wenn alle Länder zusammen an der CO2-Verringerung arbeiten. Das Hickhack nationalstaatlicher Einzelinteressen wie zuletzt auf der UN-Klimakonferenz in Madrid wird die Weißen Wanderer und ihre Zombiearmee nicht aufhalten. Die Politik muss langfristig und mit globaler Perspektive gestaltet werden, statt die Baratheon-Lennister-Stark-Targaryen-Tyrell-Fehde in immer neuen Kombinationen durchzuspielen. Die finale achte Staffel war unter Fans teils stark umstritten, weil sie mit Gewissheiten der Vorgängerstaffeln brach und zwar unerwartete, aber auch wenig spektakuläre wie teils unbefriedigende Gesamtlösungen bot. Dieser Bruch ist aber nicht nur folgerichtig, sondern der eigentliche große Wurf, feiert er doch den schmerzlichen Kompromiss abseits schillernder Helden.

Alles wird klar: Es geht nicht weiter, Lösungen finden sich nur außerhalb alter Traditionen. Indem der Abschluss von "Game of Thrones" nicht alle Rätsel löst, manches im Ungefähren bleibt, zeigt dieses moderne Märchen aber auch Handlungsfähigkeit auf. Die Zukunft ist offen, also gestaltungsfähig. Man muss nur wollen; gemeinsam. Geschichte wird gemacht!

Die Serie Die achte Staffel von "Game Of Thrones" ist via Warner Home Video auf DVD und Blu-Ray zu haben - wie auch die Staffeln 1 bis 7. Es gibt aber auch Komplettboxen.

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