Laubsägearbeiten eines Literaturnobelpreisträgers

Samuel Beckett gilt als einer der wichtigsten Literaten des 20. Jahr- hunderts. Nun ist eine frühe Erzählung von ihm erschienen: Hält "Echos Knochen" den hohen Erwartungen stand?

Paris.

"Sie ist ein Albtraum. Einfach fürchterlich persuasiv. Sie macht mich ganz kribbelig", schreibt Lektor Charles Prentice über die Erzählung "Echos Knochen". Weil die zehn Texte, die Samuel Beckett ihm für den Zyklus "More Pricks Than Kicks" geschickt hat, noch kein Buch ergeben, hat Prentice den Schriftsteller gebeten, ihm noch eine Erzählung zukommen zu lassen. Als die ihn erreicht, kann er damit rein gar nichts anfangen: "Es tut mir wirklich leid, und es ärgert mich, dass ich so begriffsstutzig bin", schreibt er an Beckett. "Macht es Dir was aus, wenn wir sie weglassen - das heißt, ,More Pricks Than Kicks' in der ursprünglich von Dir gelieferten Gestalt bringen? ,Echos Knochen' würde, da bin ich mir sicher, das Buch eine Menge Leser kosten."

Beckett gibt sich einsichtig: Der Band erscheint 1933 ohne die Erzählung, erst 2014 wird sie auf Englisch veröffentlicht. Jetzt liegt sie erstmals in einer deutschen Übersetzung von Chris Hirte vor - und auch der räumt ein, dass er zunächst Probleme mit diesem Stück Literatur hatte, "das voller Rätsel, Brüche und Ungereimtheiten steckt". "Was man nicht versteht, kann man nicht übersetzen", gibt er im Nachwort zu. Zuerst habe er sich tief in den Beckett'schen Kosmos einarbeiten müssen. Was ihm gelungen ist, wie seine profunden Anmerkungen beweisen. Trotzdem erschließt sich der Text schwer und ist eher etwas für Literaturwissenschaftler - orientiert sich Beckett bei der Konzeption doch an Dantes "Göttlicher Komödie" sowie an Ovids "Metamorphosen" und streut dazu noch jede Menge Zitate aus der Bibel, von Augustinus, Rousseau und Mystikern wie Robert Burton, Jeremy Taylor oder Thomas von Kempen ein.

Nachdem Belacqua, der Held des ursprünglichen Buches, gestorben ist, kehrt er in "Echos Knochen" zurück und durchläuft eine Höllenfahrt. Er wird von einer Dirne verführt, vom zeugungsunfähigen Lord Gall darum gebeten, ihm zur Vaterschaft zu verhelfen - und schaut schließlich dem Totengräber dabei zu, wie er sein Grab aufbuddelt.

Beckett verweigert sich dem herkömmlichen Erzählen und schreibt in einem akkumulativen Stil, der im Sinne Sigmund Freuds Impulsen aus dem Unbewussten folgt. "Echos Knochen", so der Herausgeber Mark Nixon in seinem ausführlichen Nachwort, sei "ohne Zweifel stärker auf Allusionen errichtet, stärker joyceanisch als jeder andere frühe Beckett- Text, sowohl verbal als auch strukturell." Die Bedeutung der Erzählung hält er für evident, weil sie das fehlende Glied in der Entwicklung des Nobelpreisträgers während der 30er-Jahre sei und mit ihren Dialogen die Keimform von Dramen wie "Warten auf Godot" (1952) bilde.

Nachdem der 1906 in Dublin geborene Beckett das Trinity College verlassen und sein erster Roman "Traum von mehr bis minder schönen Frauen" 1932 von mehreren Verlagen abgelehnt wurde, setzte er auf Erzählungen. Weil er nicht genug Material für einen Band hatte, fing er an, aus Versatzstücken des abgelehnten Romanes Erzählungen zu basteln. Er selbst nennt diese Texte "Laubsägearbeiten" und sieht in ihnen ein Zugeständnis an den Markt. Deswegen beharrt er auch nicht auf "Echos Knochen": Die hohen Erwartungen, die ein bisher unveröffentlichter Text von Samuel Beckett weckt, kann dieses Buch daher nicht einlösen. Vielmehr zeigt es einen jungen Autor auf dem Irrweg. Wenig später begann Beckett in London eine Psychoanalyse. Er fing an, auf Französisch zu schreiben und verordnete sich mehr Strenge und Klarheit. Mit Erfolg.

Das Buch Samuel Beckett: "Echos Knochen". Suhrkamp Verlag, 123 Seiten kosten 24 Euro

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