Lehrstücke in sinnlicher Abstraktion

Der Klarinettist Jimmy Giuffre entwickelte in den 60er-Jahren einen bemerkenswert kühlen Gegenentwurf zum Swing. Eine neue CD macht diesen Reiz erfahrbar.

Dallas.

Jazzherausgeber tun gut daran, immer mal wieder den Rückspiegel auszuklappen, um sich zu vergewissern, was mal war. Das schafft Orientierungsbojen im Meer aus gegenwärtigen Hypes und Trends - als Maßstäbe, an denen man messen sollte, was gerade ist. Damit hat der Schweizer Plattenproduzent Werner Uehlinger auf seinem Label Hat Hut Records schon manchen Schatz gehoben. Nun ruft er mit "Ezz-thetics" eine neue Reihe aus, und mit der legt er einen famosen Start hin, indem er an den Beginn der 60er-Jahre führt. Im Jazz war was los in jenen Jahren zwischen West- und East-Coast und über diverse Brücken hin und zurück zwischen Amerika und Europa. Ornette Coleman hatte unter dem Signum Free Jazz den Oberbegriff für Neues geprägt und mit Leben gefüllt, Miles Davis und John Coltrane definierten den modalen Jazz, um von dort bald anderswohin aufzubrechen, Bill Evans definierte einen neuen Impressionismus für sein Piano-Trio, und Charles Mingus übertrug manches von dem allen auf ein größeres Bandformat. Es war die vielleicht bewegteste Aufbruchszeit des Jazz überhaupt.

Und dann gab es da noch den Klarinettisten und Saxofonisten Jimmy Giuffre (1921-2008) aus Dallas. Er war kein Unbekannter, hatte er doch den Charakter der Woody Hermans Band mit dem Four Brothers-Sound der vier Tenorsaxofone wesentlich mitkreiert. Seit Mitte der 50er-Jahre baute er in wechselnden Besetzungen sein Triospiel auf und aus, wobei dessen Hauptcharakteristika eine neue Form der Intellektualität und die absolute Gleichberechtigung der Musiker waren. Alle hatten gleichermaßen melodiöse und rhythmische Funktion, sodass er irgendwann auf Schlagzeuger verzichtete, weil er für deren übliche Funktion keine Verwendung mehr hatte. "Ich bin der Ansicht, dass der stampfende Rhythmus es unmöglich macht, den wirklichen Klang von Blasinstrumenten zu hören oder sich auf Sololinien zu konzentrieren", fand er. Sololinien sollten bei ihm allen gleichermaßen vorbehalten sein in improvisatorischer und kompositorischer Verschränkung. Das ergab eine Jazzkammermusik, mit der er seinen Westcoast-Cool-Jazz neuer ernster Musik annäherte.

Verkopft war Giuffres Musik dennoch nicht - eher ein Gegenstück zum hochexpressiven Energiespiel jener Jahre. Das belegt ein nun von Hat Hut Records veröffentlichter Konzertmitschnitt aus dem Jahr 1961, auf dem der Klarinettist mit Pianist Paul Bley und dem Kontrabassisten Steve Swallow seine swingfreie wie somnambule Musik im österreichischen Graz auf einer Europa-Gastspielreise präsentierte. Es ist nicht nur ein Dokument, sondern bietet elf Lehrstücke dieser diszipliniert unekstatischen und doch so wundervoll spontanen Musik. Mit bestechender Sensibilität der Interaktionen wird hier neues Terrain ausgeschritten und Jimmy Giuffres Absicht zu voller Blüte geführt.

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