Leidenschaft für Lebensentwürfe

Schauspielerin Nina Hoss will im Film "Pelikanblut" ihrer Adoptivtochter Raya ein behütetes Leben bieten - Einfach ist das nicht und fordert alle Darsteller beim Dreh

Sie war "Das Mädchen Rosemarie", die "Anonyma" und "Die weiße Massai", Christian Petzold schrieb für sie herausragende Frauenfiguren wie "Yella" oder "Barbara", und sie hat dem "Deutschen Theater" Berlin stets die Treue gehalten: Nina Hoss gehört zu den vielseitigsten und gefragtesten Schauspielerinnen ihrer Generation. Nun ist die 45-jährige in "Pelikanblut" als Reiterhofbesitzerin Wiebke zu erleben, deren neue Adoptivtochter Raya ein unfassbar aggressives Verhalten an den Tag legt. Mit Nina Hoss sprach André Wesche.

Freie Presse: Frau Hoss, sehen Sie Wiebke als schwache oder sehr starke Frau?

Nina Hoss: Ich kann das immer gar nicht so einteilen. Sie ist beides. Wiebke wird mit ihren Schwachpunkten konfrontiert, aber als Persönlichkeit gibt sie nicht so schnell auf. Ich würde sie als eine Kämpferin bezeichnen. Wenn sie einmal die Verantwortung für ein lebendiges Wesen übernommen hat, duckt sie sich nicht weg. Sie übernimmt diese Verantwortung, auch wenn es sich um ein schwer traumatisiertes Kind handelt. Sie möchte Raya zu einem guten, freien und behüteten Leben führen. Dieser Weg führt sie manchmal zu einer absoluten Überforderung. Kann man eigentlich noch helfen, wenn man selbst so schwach ist? Wiebke bleibt immer beweglich. Wenn ein Weg nicht zum Ziel führt, nimmt sie eben einen anderen. Sie glaubt an den Menschen und sie glaubt an sich. Das ist ungewöhnlich und großartig! Einer solchen Person würde man doch sehr gern begegnen.

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den beiden Filmkindern?

Regisseurin Katrin Gebbe hat es gut eingefädelt. Die beiden Mädels sind vor Beginn der Dreharbeiten gemeinsam in den Urlaub gefahren. Sie stammen beide tatsächlich aus Bulgarien (Anm.: Wo der Film gedreht wurde) und sind als Freundinnen zusammen an den Drehort gekommen, an dem wir geprobt und miteinander gearbeitet haben. Katerina ist eine sehr begabte Schauspielerin. Sie weiß genau, wann das Spiel einsetzt und sie wirft sich voll hinein. Einen so angstfreien Menschen habe ich eigentlich noch nie erlebt. Sie hat das Urvertrauen, dass alles gut geht. In manchen Szenen musste sie über Grenzen gehen. Um ihr das zu ermöglichen, ohne sie zu traumatisieren, haben wir eine Geschichte erfunden. Sie dachte, sie spielt Raya, die gern Tierärztin werden möchte und verschiedene Übungen und Tests bestehen muss. Manchmal muss sie den Tiger spielen, so entstanden die Rage-Szenen. Sie hat einfach ein Raubtier gespielt. Am Ende der Dreharbeiten haben wir ihr eine Urkunde übergeben und mit allem Drumherum gefeiert. Sie hatte ihr Examen bestanden. Dass auch noch etwas Anderes im Spiel war, hat dieses kluge Mädchen natürlich trotzdem registriert.

Ist Rayas psychisches Krankheitsbild authentisch?

Ja, das gibt es so. Der Körper setzt es nach schweren Traumata als Überlebensstrategie ein. Das Empathie-Zentrum wird ausgeschaltet, damit man sich nicht mehr auf Andere einlässt, die einem bisher nur Schlechtes getan haben. Wenn man nicht mehr so viel empfindet und einem die Anderen egal sind, beschäftigt einen vieles nicht mehr. Das ist natürlich furchtbar traurig. Wiebke will ihr das Vertrauen und den Glauben in die Menschheit wiederschenken. "Pelikanblut" ist für mich aber auch die Geschichte von Wiebke. Sie trägt selbst eine Lücke in sich. Horsemanship-Trainer sind oft Menschen, die durch eine schwierige Kindheit oder Traumata gegangen sind und durch die Arbeit mit den Tieren etwas für sich entdeckt haben. Pferde sind ja Angst- und Fluchttiere. Sie lassen sich nur auf dich ein, wenn sie dir vertrauen. Wenn du ihnen als Herdenführer Sicherheit geben kannst, schließen sie sich dir an. Wiebke hat das erlernt, aber es bleibt diese Lücke, der sie sich stellen muss. Raya fordert sie dazu heraus. Es ist eine Arbeit an dem Mädchen und gleichzeitig an sich selbst.

"Pelikanblut" beinhaltet deutliche Elemente des Horrorfilms. Würde Sie den Film in diesem Genre sehen?

Nein. Aber natürlich spielt der Film mit diesem Genre. Für mich ist es eine Mischung aus Western, Horror und Psychodrama. Für mich war das gerade das Spannende. Das Horrorelement ist stilistisch gewollt, aber auch ganz real begründet. Man weiß nie, was dieses Mädchen als nächstes tun wird. Das Publikum befindet sich gemeinsam mit Wiebke in einem äußerst instabilen Zustand. Am Ende war dieses schrittweise Vorgehen von Wiebke für mich ganz klar.

Der Film wirft die Frage auf, wie weit man sich selbst für einen geliebten Menschen aufopfern würde. Haben Sie sich diese Frage auch selbst gestellt?

Ich schmeiße mich selbst nie so weit in eine Geschichte hinein, dass ich abwägen müsste, was ich selbst tun würde. Trotzdem hoffe ich, dass man aus diesem Film kommt und sich genau diese Fragen stellt. Es liegt etwas Wunderschönes darin, dem Schicksal einer Figur manchmal näher zu sein als dem eigenen. Wie schnell gibt man einen anderen auf, weil er vermeintlich das eigene Leben stört?

Nicht zum ersten Mal erlebt man Sie in "Pelikanblut" zu Pferde. Sind Sie eine Pferdenärrin?

Ich bin es irgendwie geworden. Ich war nie so ein Pferdemädchen, in meinem Zimmer gab es bestimmt keine Pferdeposter. Vor dem Film "Gold" hatte ich einfach keinen Zugang zu Pferden. Ich hatte großen Respekt vor den Tieren, aber ich habe mit einem Cowboy gearbeitet, der Mitte 70 war. Er war voller Respekt, Zuwendung und Liebe gegenüber diesen Tieren. Er hat mir die Sprache der Pferde nahegebracht, bis ich wusste, was sie mir kommunizieren wollten. Das hat mir auch bei Wiebke wahnsinnig geholfen. Ich habe bei einer Hamburger Horsemanship-Trainerin einen Kurs absolviert. Ihr Ansatz war dem des kanadischen Cowboys sehr ähnlich: Man muss erstmal an sich selbst heran, weil die Tiere einen pur spiegeln. Was das betrifft, würde ich bei Wiebke von purer Stärke sprechen.

Tragen Sie eine Sehnsucht nach einem alternativen Leben auf dem Land in sich?

Nein, nicht wirklich. Ich liebe die Natur und brauche es auch immer wieder, dass man raus kann. Aber mir als Kulturmenschen würde die Stadt fehlen. Fragen Sie mich in 15 Jahren nochmal, dann ist es vielleicht anders.

Regisseure sehen Sie offensichtlich als Projektionsfläche für problembehaftete Figuren. Kann man an solchen Rollen trotzdem auch Spaß haben?

Ja, ich habe an jeder Figur Spaß, auch wenn sie mich herausfordert und manchmal zum Wahnsinn treibt. Das sich Beschäftigen mit anderen Lebensentwürfen ist einfach meine Leidenschaft. Ob sie dramatisch, ernst oder komisch sind, ist mir erst einmal egal.

Kann Nina Hoss auch Komödie?

Ja! Es wird nur nicht so oft gefordert. (lacht) Und wenn, dann eher auf der Bühne.

Der Film wurde in Bulgarien gedreht. Was für Erfahrungen haben Sie dort gesammelt?

Ich kannte Bulgarien überhaupt nicht und war sehr positiv überrascht. Sofia ist eine wunderschöne, lebendige Stadt. Fast so, wie Berlin in den 1990-ern. Junge Leute machen Cafés auf, improvisiert und voller Ideen, Stil-Lust und Lebensfreude. Ich habe dort drei wunderschöne Monate verbracht. Es fühlt sich mediterran an, eher griechisch. Das Paar, bei dem wir gedreht haben, sind beide auch Horsemanship-Leute. Sie haben den Film erst möglich gemacht. Eigentlich kann ich nur schwärmen.

Sie haben die TV-Serie "Shadowplay" abgedreht. Worum geht's?

Diese Serie spielt 1946, ein Jahr nach dem Kriegsende in Berlin. Ein Polizist aus New York kommt nach Berlin, um zu helfen, die regionale Polizeistation wiederaufzubauen, die fast nur noch aus Frauen besteht. Zusammen gehen wir auf die Jagd, um den Al Capone jener Zeit aufzuspüren. An dieser Serie fasziniert mich, dass es keine Figur gibt, die nur unschuldig oder schuldig ist. Ich hatte auch noch nicht so viel darüber gehört, wie die Berliner ihre Stadt wieder "lebbar" gemacht haben. Es war eine wahnsinnig komplizierte Welt, vor deren Hintergrund diese Geschichte erzählt wird. (aws)


Nina Hoss 

Die Schauspielerin wurde am 7. Juli 1975 in Stuttgart als Tochter eines Grünen-Politikers und einer Schauspielerin geboren. Schon in Teenager-Jahren stand sie auf der Theaterbühne.

Der Schulzeit folgte ein Studium an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Berlin. Ihre erste Filmrolle spielte Hoss 1996 in "Und keiner weint mir nach". Unter dem Eindruck ihrer starken Präsenz in Joseph Vilsmaiers Drama engagierte Bernd Eichinger sie vom Fleck weg für die Titelrolle seines TV-Films "Das Mädchen Rosemarie", der Hoss bei einem großen Publikum populär machte.

Anfang der 2000er-Jahre begann die regelmäßige Zusammenarbeit mit Regisseur Christian Petzold, die Meisterwerke wie "Jerichow" und "Barbara" hervorbrachte. Von 2014 bis 2017 spielte Hoss eine Nebenrolle in der US-Hitserie "Homeland".

Ab 30. Oktober ist sie in der Miniserie "Schatten der Mörder - Shadowplay" zu sehen, einen Tag vorher geht ihr nächster Kinofilm "Schwesterlein" mit Lars Eidinger an den Start.

 

Die Schauspielerin stand regelmäßig auf den Bühnen des Deutschen Theaters und des Berliner Ensembles, 2005 verkörperte sie die "Buhlschaft" im Salzburger "Jedermann". Die 45-Jährige hat Preise wie die Goldene Kamera, den Silbernen Bären der Berlinale und zwei Grimme-Preise bekommen.

 

Sie ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes, das ihr für ihren Einsatz gegen Genitalverstümmelung und den Schutz des Regenwaldes verliehen wurde.aws

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