Leipziger Lyrik: "Wir spielen in der Bundesliga"

Verleger Andreas Heidtmann über seinen sächsischen "Poetenladen", seinen Glauben an Gedrucktes und Probleme beim digitalen Buch

Andreas Heidtmann ist einer der innovativsten Verleger Mitteldeutschlands. 2007 ging er mit seinem Label "Poetenladen" an den Start. Inzwischen genießt sein Leipziger Editionshaus deutschlandweit Renommee und kann eine stattliche Titelvielfalt vorweisen. Ulf Heise hat mit Andreas Heidtmann gesprochen.

Freie Presse: Sie stammen aus dem Rheinland - wie verschlug es Sie nach Leipzig?

Andreas Heidtmann: Ich bin am Niederrhein geboren, habe in Köln und später in Berlin studiert. Von Berlin nach Leipzig war es ja nicht mehr ein so weiter Schritt. In Berlin betätigte ich mich bereits als Lektor, ehe ich aus familiären Gründen nach Leipzig zog.

Was brachte Sie auf den Gedanken, einen Verlag zu gründen?

Eine 2005 ins Leben gerufene Internetplattform für Literatur. Das Netz bot damals viele neue Möglichkeiten, man sparte Druck- und Satzkosten, war nicht auf traditionelle Vertriebswege angewiesen. Ich konnte mich auf redaktionelle Aufgaben konzentrieren. Es entstand ein Forum, das mehr als 1000 Autorinnen und Autoren beherbergte. Der Erfolg der Website bestärkte mich darin, erste Anthologien zu drucken. Bald gesellten sich Lyrikbände, Erzählungen und Romane hinzu. Dank des Portals hatte der Verlag in der Szene sofort einen guten Ruf.

In Ihrem Verlagsprogramm geben sich Koryphäen wie Uwe Kolbe oder die in Chemnitz geborene Kerstin Hensel ein Stelldichein. Wie gewinnt man solche wichtigen Künstler?

Der Verlag fokussiert sich auf bestimmte Felder, um erfolgreich zu sein. Er funktioniert als reiner Literaturverlag und publiziert Gegenwartstexte mit den Schwerpunkten Kurzprosa und Lyrik. In diesen Genres spielen wir in der Bundesliga. Es ist relativ einfach, dies in Sachen Lyrik zu tun, weil große Publikumsverlage kaum Interesse an auflagenschwacher Lyrik zeigen. Auch renommierte Autoren sehen, dass es unter den unabhängigen Verlagen ebenbürtige Alternativen für ihre Publikationen gibt. Sie müssen dort nicht, wie ein Suhrkamp-Autor mir sagte, bei schlechten Umsatzzahlen geduckt durch die Hintertür hinausgehen.

Wie schwierig ist es, Lyrikbände an den Mann zu bringen?

Sicher war es nie leicht, obwohl ich staune, wie gut sich manche Gedicht-Anthologien verkaufen. Schwieriger sind Einzelbände. Hier heißt es, mit jenen zu reden, die sich in den Medien für Lyrik stark machen. Ihre Zahl scheint leider zu schwinden, aber mit den Jahren findet man engagierte Ansprechpartner.

Hilft in diesem Zusammenhang die Kooperation mit der Kulturstiftung Sachsen bei Ihrer überregional stark beachteten Reihe "Neue Lyrik"?

Ja, natürlich. Nicht nur experimentelle Debüts sind unter marktwirtschaftlichen Aspekten schwer zu realisieren, vor allem wenn man schöne Bücher machen möchte. Dank der Förderung der Kulturstiftung entstehen ästhetisch gestaltete Bände, die man gern in die Hand nimmt und die ihrem Inhalt gerecht werden.

Sie arbeiten von Anfang an bimedial, das heißt, Sie drucken Bücher und stellen zugleich Texte online - bewährt sich dieses Modell?

Einerseits gelang es mir dank der digitalen Möglichkeiten, die Basis für einen unabhängigen Verlag zu schaffen. Lange profitierte der Verlag davon, denn es schien so, als sterbe der Print-Sektor aus. Aber inzwischen sind die Wachstumsraten im digitalen Bereich geschrumpft, zumal die Menschen bemerken, dass ihre ersten digital erworbenen Bücher schon technisch veraltet sind. Bücher, die im Poetenladen-Verlag entstehen, sind dagegen auch in 100 Jahren tadellos lesbar. Für digitale Editionen gilt das nicht, weil die Technik rasant fortschreitet. Die Zukunft gehört dem gedruckten Buch - im wahrsten Sinne des Wortes.

Ursprünglich waren Sie selbst Autor und verfassten Kurzgeschichten, die sich sogar in Schulbüchern finden. Haben Sie das Fabulieren zugunsten des Verlages völlig aufgegeben?

Fragen Sie mich in drei Monaten noch einmal.

2010 sind sie für Ihre Verdienste mit dem Förderpreis zum Lessing-Preis des Freistaates Sachsen geehrt worden. Fühlen Sie sich mittlerweile als Sachse?

Als Verleger und Literat hat man es leicht, wenn man sagt: Die Sprache ist mein Zuhause. Ich habe mich in meinem Leben bisher immer dort zu Hause gefühlt, wo ich wohnte. Wenn Heimat das ist, wo man sich am besten auskennt, wäre es nach 20 Jahren wohl die kulturreiche Gegend, die man Sachsen nennt.

Andreas Heidtmann

Der Verleger wurde in Hünxe am Niederrhein geboren. Er studierte Klavier in Köln, Germanistik und Philosophie in Berlin; ist Musiker, Komponist, Autor, Verleger und Herausgeber sowie mehrfacher Preisträger. 2005 gründete er das Webportal "poetenladen", 2007 den gleichnamigen Verlag, in dem auch die Literaturzeitschrift "poet" erscheint.

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