Lenin, Uwe und die anderen

Das Chemnitzer Museum Gunzenhauser zeigt Pop-Art von David Hockney, Andy Warhol und Uwe Lausen - ein sehenswerter Dreiklang.

Chemnitz.

Ernst und etwas entrückt schaut Lenin auf den Mann im Swimming Pool und auf das verliebte Männerpaar - vielleicht hat er es kommen sehen, vielleicht findet der gescheiterte russische Revolutionsführer, dass nun zusammenkommt, was zusammen gehört.

Zusammen gekommen ist es in der aktuellen Ausstellung "Pop" im Chemnitzer Museum Gunzenhauser. Dort zeigt Kuratorin Anja Richter 32 Pop-Art-Schätze aus der Stiftung Gunzenhauser, zum Teil erstmals öffentlich. Die Ausstellung überrascht zum einen wieder einmal mit ihrer Vielfalt, die vor allem auf die Sammel-Leidenschaft und das Gespür Alfred Gunzenhausers für zeitgenössische und zeitgemäße Bildsprachen zurückzuführen ist. Damit trägt die Sammlung tatsächlich, wie Ingrid Mössinger, die Generaldirektorin der Kunstsammlungen, zur Präsentation der neuen Sonderausstellung sagte, dazu bei, die Verluste auszugleichen, die die Chemnitzer Kunstsammlungen durch die Nazis und den Zweiten Weltkrieg erlitten haben. Und der Wert dieses Schatzes sollte tatsächlich nicht nur an Besucherzahlen gemessen werden, zumal Kunst auch von ihrer Langzeitwirkung lebt.

Klug und dämonisch

Zum anderen erweitert die Ausstellung das Bild von der Pop-Art um interessante und ungewöhnliche Aspekte. Pop-Art ist nicht nur ihre amerikanische Spielart - die im wahrsten Sinne des Wortes oft eine Art ist, mit den Auswüchsen der Überflussgesellschaft und des Warenkreislaufs der Massenprodukte zu spielen, sondern sie hat auch ihre ganz eigene britische und deutsche Facette. Andy Warhols Lenin-Bilder reihen sich in seine amerikanischen "Myths" ein, ergänzen diese um einen europäischen Mythos - wie immer man zu ihm stehen mag. Einen Fingerzeig darauf, wie Warhol Lenin sah, gibt, dass er den Mitbegründer der Sowjetunion nicht in einem reinen Porträt darstellt, sondern ihn als belesenen, klugen Mann mit einigen Büchern, dennoch aber auch dämonisch unfassbar zeigt. Im aufreizenden Signalrot und im dunkel leuchtenden Schwarz bekommt Lenin in Warhols Darstellung etwas Bedrohlich-Unheimliches und wird zu einer indifferenten Ikone seiner selbst - kaum anders als er nach seinem Tod in der Sowjetunion dargestellt wurde.

Viel zurückhaltender und einfühlsamer sind dagegen etwa David Hockneys Zeichnungen, die meist gar nicht an die aufreizende amerikanische Pop-Art erinnern, für den dieser Stil ohnehin nur eine Durchgangsstation auf dem Weg des Ausprobierens immer neuer Darstellungsformen war, die sich gleichwohl oft an populären Medien orientieren. So verwendete Hockney später auch Faxgeräte und Tabletcomputer für seine Kunstwerke. Von den in der Ausstellung gezeigten Zeichnungen und Druckgrafiken berühren vor allem die Darstellungen seines zeitweiligen Lebenspartners Peter Schlesinger, mit denen er sich schon Ende der 1960er-Jahre zur Homosexualität bekannte, was bis heute keine Selbstverständlichkeit ist.

Kritische Auswahl

Obwohl Kuratorin Anja Richter, wie sie sagte, bewusst die weniger politischen Werke Uwe Lausens ausgewählt hat, deutet auch die getroffene Auswahl darauf hin, dass Lausen sich kritisch mit seiner Zeit und der bundesdeutschen Wirklichkeit der 1970er-Jahre auseinandersetzte. Der einsame Schwimmer im Swimming Pool etwa genießt seinen Wohlstand offenbar keineswegs entspannt und völlig losgelöst von den sozialen und politischen Umständen seiner Zeit, die ihm gleichwohl näher zu kommen scheinen. Eine riesige, leere Grünfläche um sein Planschbecken suggeriert Distanz und Desinteresse an der Welt. Das wiederum hat der Mann mit der Maschinenpistole in der Hand wohl im Übermaß, für den, "Ende gut, alles gut", der Zweck die Mittel zu heiligen scheint. Es ist verdienstvoll, dass das Museum Gunzenhauser damit an einen der interessantesten und tragischsten deutschen Künstler erinnert, dessen Werk auch heute noch anregt und verstört - was man nicht von allen Pop-Art-Künstlern sagen kann.

Die Ausstellung "Pop: David Hockney, Uwe Lausen, Andy Warhol" ist bis 13. September im Museum Gunzenhauser in Chemnitz zu sehen. Geöffnet Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr.

www.kunstsammlungen-chemnitz.de

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