Leuchten aus der Kammer

Bei den Salzburger Osterfestspielen liefert die Sächsische Staatskapelle mit Christian Thielemann große "Meistersinger". Das will man sich in Österreich nehmen lassen?

Salzburg/Dresden.

Da die Sächsische Staatskapelle und Christian Thielemann bei den Salzburger Osterfestspielen für den Opernhöhepunkt zuständig sind, steht Richard Wagner quasi von selbst mit auf dem Programm. Seit die Dresdner und ihr Chefdirigent den Platz im Graben des Großen Festspielhauses von den nach Baden-Baden abgewanderten Berliner Philharmonikern übernommen haben, gab es schon einen "Parsifal" und die "Walküre". Die aktuellen "Meistersinger" werden in der nächsten Spielzeit nach Dresden übernommen, wobei die Zukunft der Sachsen an der Salzach nicht mehr so sicher ist wie in den ersten Jahren: Die heimische Politik hat sich nämlich für Nikolaus Bachler als Nachfolger des noch amtierenden Festspiel-Geschäftsführer Peter Ruczika entschieden. Der soll ab 2022 auch als Intendant die "kleinen" Salzburger Festspiele fit für die Zukunft machen.

Das Problem: Thielemann will den Mann partout nicht neben oder gar über sich akzeptieren, was er ziemlich deutlich sagte. Hinter den Kulissen also: dicke Luft. Wenn Thielemann stur bleibt und mit seinem Orchester wieder geht, wäre der Verlust für Salzburg erheblich. Denn der gerade 60 gewordene Dirigent kann nicht nur Wagner (und Richard Strauss) wie kaum ein zweiter. Er beherrscht auch die problematische Akustik des Großen Festspielhauses wie kein anderer. Zum Glück für die Wagnergemeinde beschränkt sich Thielemann mit zackigen Bekenntnissen zum Preußentum auf Interviews: Wenn er am Pult steht, ist nicht der Hauch eines Haudraufs zu spüren. Man kann nur staunen, wie sensibel und geradezu kammermusikalisch man die Nürnberger Handwerksmeister, den zugereisten Ritter und seine Angebetete begleiten und zum Leuchten bringen kann. Und wie man selbst die Prügelfuge, das düstere Dräuen zu Beginn des dritten Aufzugs, den Aufmarsch zur Festwiese oder die Schlussansprache von Hans Sachs im nobel detaillierten Musizieren halten kann, ohne dabei in pathetisches Getöse abzugleiten.

Dass bei dieser Musizierhaltung das Quintett zu einem feingewebten vokalen Hochgenuss wird, versteht sich von selbst. In dieser Bewährungsprobe für jedes Meistersinger-ensemble fügt sich auch die ansonsten allzu dünnstimmige Eva von Jacquelyn Wagner ein. Christa Meyer als Magdalena und ihr David Sebastian Kohlhepp haben auch darüber hinaus stets die nötige Beweglichkeit und vokale Präsenz. Da man sich in Salzburg aus der Spitzenriege der Wagnersänger bedienen kann, ist Klaus Florian Vogt (auch hier) der vokale Wohlfühl-Stolzing vom Dienst. Neben Lohengrin ist der Walther einfach seine Rolle.

Dass einem so grandiosen Sänger wie Georg Zeppenfeld die Salzburger Bühne für sein Hans-Sachs-Debüt offensteht, hat seine Richtigkeit. Er bewältigt diese anspruchsvolle Partie auf hohem Niveau. Dass sich gegen Ende leichte Ermüdungserscheinungen trotz Thielemanns beispielhaft sängerfreundlicher Zurückhaltung einstellen, ist zu verschmerzen.

Und doch bleibt ein kleiner Zweifel, ob er vielleicht nicht doch lieber noch etwas damit hätte warten sollen. Wie er in dieser Rolle wachsen wird, gehört gleichwohl zu den schönen Wagner-Hoffnungen. Die übrigen Meister führt der wotanbewährte Vitalij Kowaljow als Veit Pogner an. Dicht gefolgt von Levente Páll als Fritz Kothner. Adrian Eröd kommt seine Rollenerfahrung als Beckmesser nicht nur vokal zugute. Davon profitiert auch sein Spiel. Er porträtiert den Schreiber ohne Denunziation, darf ihm zubilligen, dass er die Meisterschaft Walthers erkennt und akzeptiert.

Premiere der Salzburger "Meistersinger von Nürnberg" an der Semperoper Dresden ist am 26. Januar 2020.

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