Li Erben: Vom langen Weg einer Frau

Als jüngste Standfotografin des deutschen Films ist sie vor 60 Jahren gestartet. Jetzt hat die Wahlzwickauerin ihre Erinnerungen an das Leben einer emanzipierten Künstlerin vorgelegt.

Zwickau/Paris.

Kultur hat die Kraft, Lebenswege zu beeinflussen, sie in ganz neue Bahnen zu lenken. Unter anderem davon handelt das Buch "Nie gestellt und nie geschönt", mit dem die Fotografin und Wahlzwickauerin Li Erben aus Anlass ihres 80. Geburtstages im vergangenen Frühjahr auf ihr respektables Werk zurückschaut - und darauf, wie alles begann: Irgendwann Mitte der 50er-Jahre ist es, da machen sich die Belegschaft eines Modefotostudios in der schwäbischen Provinz zu einem Betriebsausflug auf ins 180 Kilometer entfernte München. Dort ist zu dieser Zeit die Wanderausstellung "Family of Man" zu sehen - eine bis heute legendäre zum Weltdokumentenerbe gehörende Fotoschau, die 503 Aufnahmen von 273 Fotografen aus 68 Ländern vereint und von einem humanistischen Standpunkt aus ein Porträt der Menschheit in 32 Themen zeichnet, darunter Liebe, Glaube, Geburt, Arbeit, Familie, Kinder, Krieg und Frieden. Zu den neun Kollegen, die sich damals in einen VW zwängen, um diese Schau zu sehen, gehört auch der Teenager Liselotte Erben, damals Auszubildende mit dem Berufsziel Modefotografin.

Auf der Rückfahrt ins heimische Esslingen hat sie diesen Berufswunsch bereits nicht mehr: Jetzt will sie Bildjournalistin werden. Sie will das Leben darstellen so, wie es ist, nicht so, wie es am besten wirkt, um damit Produkte zu verkaufen, die eine Saison später durch neue Kollektionen verdrängt werden - müssen, damit der Rubel rollt.

So beginnt eine beeindruckende Karriere im westlichen Nachkriegsdeutschland: Aus dem Teenager, der vorzeitig seine Lehre als Landesbeste in Baden-Württemberg beendet und 1958 ein Studium am Institut für Bildjournalismus in München beginnt, wird - unter anderem - die jüngste deutsche Standfotografin der bundesdeutschen Filmindustrie.. So viel Anfang ist selten: "Der Engel, der seine Harfe versetzte" von Kurt Hoffmann ist der erste Film, bei dem sie unter der Kamera hockt, um sich beim Dreh für Filmfotos geeignete Momente zu notieren, die dann gleich am Set entstehen. Sie ist 19 Jahre alt - wie die meisten aus der Filmcrew. Ein Zeugnis auch dafür, wie der westdeutsche Film versucht, sich personell vom Erbe der historisch belasteten Ufa zu lösen.

Das Buch zeichnet das Bild einer emanzipierten Frau und ihres Wegs in einer Zeit, die wohlgemerkt, beschränkt auf den Westen, oft als "bleierne" gilt - auch im Hinblick auf das, was Frauen jener Zeit erreichen konnten und was nicht. Aus der Filmfotografie wächst sie heraus, arbeitet für Magazine wie "Brigitte" und "Paris Match", für die sie Menschen wie Friedrich Dürrenmatt und Erich Kästner ins Bild setzt, Giulietta Masina und Federico Fellini, Jane Birkin, Ingmar Bergmann und Peter Handke, arbeitet auch als Regieassistentin und koordiniert Filmprojekte.

Ihr reich illustriertes Buch hat sie ihren beiden verstorbenen Ehemännern gewidmet - dem Filmautor Victor Vicas (1918 - 1985), mit dem sie seit 1968 zusammenlebte, und dem Münchner Architekten Dieter Walz (1941 - 2010), den sie 1991 kennenlernt, 2000 heiratet und mit dem sie im Folgejahr seiner beruflichen Tätigkeiten wegen nach Zwickau zieht. Das Haus, das sie gemeinsam mit ihrem Mann bewohnte und in dem er auch sein Atelier hatte, hat sie vor wenigen Jahren verkauft, wohnt heute in einem Penthouse über der Stadt - wenn sie nicht gerade in Paris weilt, wo sie, wie in Zwickau, einen breiten Freundeskreis hat und gut vernetzt ist.

Buchtipp

Li Erben: "Nie gestellt und nie geschönt - Jamais poseés - jamais embellies". Mirabilis Verlag. Text in Deutsch und Französisch; 176 Seiten; 29 Euro.

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