Literatur kann Leben verkürzen

John Grisham lässt in "Das Manuskript" einen Thrillerautor sterben und nimmt die Fäden aus "Das Original" wieder auf.

Mit Anwälten kennt John Grisham sich aus. Er selbst war mal einer. Als er an seinem ersten Buch "Die Jury" (1989) arbeitete, stand er morgens noch um fünf Uhr früh auf, um zu schreiben, bevor er ans Gericht ging. Nachdem er die Filmrechte für seinen zweiten Justizthriller "Die Firma" (1991) dann für 600.000 Dollar an Paramount Pictures verkauft hatte, gab er seine Anstellung auf, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. "Der größte Traum von Anwälten ist es, aus ihrem Beruf auszusteigen", erklärte John Grisham damals, "sie träumen von einem großen Honorar, einem Homerun, um mit dem Geld etwas anderes machen zu können."

Und schon sind wir mittendrin im neuen Roman des gerade 65 gewordenen Bestsellerautors, der in mehr als 40 Sprachen übersetzt wird und zu den erfolgreichsten der Branche gehört. Auch in "Das Manuskript" gibt es einen Anwalt, der seinen Job an den Nagel gehängt hat und Schriftsteller geworden ist. Mit dem Geld, das er erhielt, nachdem er einen seiner Mandanten ans FBI verpfiffen hat, weil der illegal Waffen an den Iran und Nordkorea lieferte, kauft dieser Nelson Kerr sich ein Häuschen auf Camino Island, jener vor der Küste Floridas gelegenen fiktiven Ferieninsel, die Leser von John Grisham bereits aus seinem 2017 erschienenen Roman "Das Original" kennen. Auch die Figuren um den windigen Buchhändler Bruce Cable, der auf der Insel einen Buchladen betreibt, sind weitestgehend identisch.

Während Büchernarr Bruce damals in den Raub eines wertvollen Originalmanuskriptes von F. Scott Fitzgerald verstrickt war, wird er nun Zeuge, wie eben jener besagte Thrillerautor Nelson Kerr ermordet wird. Nachdem es zunächst aussieht, als wäre er während des aufziehenden Hurricanes "Leo" von einem Ast erschlagen worden, vermuten Bruce und seine Kumpels Bob und Nick, die wie er ein Faible für Kriminalromane haben, dass der Täter den Mord nur wie einen Unfall habe aussehen lassen und den Sturm dazu benutzt habe, um seinen Mord zu tarnen. Das perfekte Verbrechen? Weil die Provinzpolizei mit der Sache überfordert scheint, nehmen die drei die Ermittlungen bald selbst in die Hand und beauftragen sogar aus eigener Tasche ein Detektivbüro. Hat das neue Buch von Kerr etwas mit dem Mord zu tun? Das unveröffentlichte Manuskript scheint gestohlen worden zu sein. Wollte jemand verhindern, dass der Titel erscheint?

Stimmungsvoll führt Grisham in die Geschichte ein und zeichnet den Zirkel von schrulligen Schriftstellern, der sich regelmäßig in Bruce Cables Buchhandlung "Bay Books" trifft. Die fröhliche Geselligkeit aber wird durch den aufziehenden Sturm gestört, der bedrohlich über der Szene liegt. Die Figuren sind, wie immer bei dem 1955 in Jonesboro/ Arkansas geborenen Grisham alles andere als überzeichnet. Immer schon ging es ihm mehr um den Plot und um Spannung als um Psychologie oder eine Metaebene. Trotzdem entstehen eindrückliche Charaktere, die sich nicht so einfach in "gut" und "böse" unterteilen lassen, wie das bei so manch anderem seiner Bücher der Fall ist. 34 Thriller hat der Amerikaner geschrieben. Dazu ein paar Jugendbücher und Erzählungen. Jedes Jahr kommt mindestens ein neuer Titel dazu. Erst im Frühjahr sind "Die Wächter" erschienen. Immer stürmen die Bücher die Bestsellerlisten.

Grisham versteht es, lebensechte Dialoge zu schreiben, was einen immer mehr ins Buch hineinzieht. Da sieht man ihm die etwas konstruierte Handlung am Ende gerne nach. Es dauert nicht lange, dann haben die Freunde um Bruce herausgefunden, dass der ermordete Kerr über Missstände in der Pflegebranche recherchierte. Er hat herausgefunden, dass Altenheime das Leben von dementen Patienten künstlich in die Länge ziehen, um bei den Angehörigen länger abzukassieren. Stammt der Mörder aus dieser Branche? Oder handelt es sich doch eher um längst vergessen geglaubte Rechnungen, und ein illegaler Waffenhändler steckt dahinter? John Grisham ist ein Profi und weiß, wie er die Story erzählen muss, um die Spannung hoch zu halten. Literatur kann Leben verkürzen, sagt uns sein neues Buch. Nicht, weil sie tödliche Folgen hat. Sondern weil sie ein hervorragendes Mittel gegen Langeweile ist. Grisham zu lesen, heißt, der realen Welt zu entfliehen.

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