"Mach' Deinen Tag!"

Die unerschütterliche Optimistin Marianne Sägebrecht spricht über ihren neuen Film mit Pettersson und Findus und erklärt nebenher, warum uns große Herzen weiterhelfen

Die Figur der Beda, der warmherzigen, hilfsbereiten und lebensfrohen Nachbarin der Kinderfilmhelden Pettersson und Findus, erwies sich vor zwei Jahren als Paraderolle für die beliebte bayrische Schauspielerin Marianne Sägebrecht. Der Star aus "Out of Rosenheim" und "Der Rosenkrieg" mischt auch in der Fortsetzung der Geschichte mit. Die heißt "Pettersson und Findus - Das schönste Weihnachten überhaupt" und ist gestern in den Kinos angelaufen. Pettersson, im ersten Teil noch von Ulrich Noethen verkörpert, wird diesmal von Stefan Kurt dargestellt. André Wesche unterhielt sich mit Marianne Sägebrecht über den Umgang mit Gästen, Ängsten, Albträumen - und die Verbesserung der Welt in homöopathischen Dosen.

Freie Presse: Frau Sägebrecht, erinnern Sie sich an Ihr schönstes Weihnachtsfest?

Marianne Sägebrecht: Als ich noch in der Holledau in Bayern lebte, hatten wir drei oder vier Jahre in Folge eine besonders schöne Tafel. Es war ein sehr romantischer, großer Bauernhof mit verschiedenen Zimmern. Mein Ex-Mann lebte damals mit seiner Frau und zwei Kindern in Holland. Die ganze Familie war eingeladen und hat mit bei uns gewohnt. Gefeiert wurde in einem wunderschön dekorierten Raum mit Dachgauben. Meine Tochter hat mit ihrem Ehemann, ihrem Ex-Freund und ihrem Kind an der Tafel Platz genommen, meine Schwester war natürlich dabei und auch Freunde, die ich vor Ort kennengelernt hatte. Dieses Gefühl, zusammen an einem Tisch zu sitzen, mit Menschen, die aus der Situation herausgewachsen und trotzdem Teil der gesamten Sippe geblieben sind, war ganz toll. Ein bisschen wie Arche Noah. Die Gäste blieben bestimmt eine Woche, wir haben gemeinsam Ausflüge gemacht. Ich werde das nie vergessen, es war wunderschön.

War es schwierig, sich an einen neuen Pettersson zu gewöhnen, da er diesmal von Stefan Kurt gespielt wird?

Es ist mit jedem Menschen anders. Man bewegt sich ja immer im Yin- und Yang-Bereich. Und wenn der Partner dann nicht aufmacht, nicht mit einem spielt, dann kann man sich seelisch noch so anstrengen und noch so viel Liebe geben, es hilft nichts. Zwischen Stefan Kurt und mir stimmte die Chemie fantastisch, wie zuvor schon mit Ulrich Noethen. Im ersten Teil ist die Katze Findus gerade erst zu Pettersson gekommen. Er behandelt sie sehr väterlich, er rügt und lehrt sie. Nun lebt Pettersson schon drei Jahre mit Findus zusammen, er hat sich geöffnet. Und nun ist es Findus, der auch Pettersson mal die Leviten liest.

Am Ende des Films bekommt Pettersson eine Menge Besuch. Daran muss sich der Einzelgänger erst gewöhnen.

Das glaube ich auch. Pettersson möchte lieber gar nichts haben. Er ist zu stolz, um zuzugeben, dass er kaum noch etwas im Kühlschrank hat. Seine Nachbarin Beda weiß um diesen Stolz und respektiert das. Und dann kommen die ganzen Gäste, die Beda angespornt hat, und jeder bringt etwas mit. Davon profitieren alle. Pettersson könnte auch "nein" sagen. Aber er taut Stück um Stück auf. Und am Ende tanzt er sogar. Und wenn dann alle wieder weg sind, ist er auch froh.

Deutschland hat im Moment auch viele Gäste.

Das stimmt. Wenn man einen Tisch hat, auf den jeder etwas draufstellt, ist das eine tolle Sache. Wichtig ist, dass jeder etwas kriegt. Die Kinder lieben diese Thematik sehr. Beda sagt im ersten Teil: "Man sorgt sich am besten um sich selbst, wenn man sich um jemand anders sorgt." Es ist verrückt, wie die Kinder diesen Satz aufgenommen haben. Ich habe im letzten Herbst oft in Kindergärten vorgelesen. Und immer wieder haben Kinder diesen Satz angebracht und gesagt: "Gell, Beda?" Sie haben ihn total verstanden.

Bemerken Sie in Ihrem persönlichen Umfeld Unsicherheiten aufgrund der Flüchtlingswelle?

Ich finde die grundsätzliche Haltung, dass wir Menschen helfen, bewundernswert. Was Deutschland geleistet hat, wird in die Geschichte eingehen. In München hat man unglaublich viel geschafft, schon allein logistisch. So viele Menschen haben mitgeholfen. München war ja das Haupttor in die Bundesrepublik. Da kann man nur sagen: Hut ab!

Aber es gibt die Gegenstimmen.

Achtzig Prozent der Menschen sind den Flüchtlingen gegenüber positiv eingestellt. Aber es gibt natürlich die Angst, dass die eigene, religiöse Haltung nicht mehr genug akzeptiert wird oder die eigene Existenz in Gefahr gerät. Für Frauen ist es befremdlich, wenn ihnen die Hand aus religiösen Gründen nicht gegeben wird. Die grundsätzlich andere Einstellung Frauen gegenüber spüre ich zum Beispiel bei Begegnungen im Zug, wenn einem kein Platz angeboten wird. Ich denke dann an den Spruch von Jesus Christus: "Wenn Du weißt, was Du tust, übernimm' die Verantwortung für das, was Du tust. Und vergib denen, die noch nicht wissen, was sie tun." Wenn die Seele in den Kindertagen verletzt wurde, entwickelt sich daraus auch eine bestimmte Handlungsweise, die sich gegen Mitmenschen wendet, demjenigen selbst aber gar nicht bewusst ist.

Wie übernehmen Sie Verantwortung?

Es ist von jeher mein Grundsatz, nicht immer alles auf die Welt und die Politiker zu schieben. Dieses Prinzip von Ursache und Wirkung versuche ich den Menschen liebevollst zu erklären. Wir sind immer auch Verursacher. Aber ich merke, dass Frauen manchmal echt Angst haben. Es gab ja auch Situationen, wie die Übergriffe von Ausländern auf Frauen in Köln, die nicht lustig waren. Man kann nur hoffen, dass sich das über die Zeit, sozusagen homöopathisch, zum Guten wendet.

Sie sind also optimistisch?

Ja, ich glaube fest daran. Wir sitzen hier und haben leicht reden, was man im Vorfeld alles hätte machen müssen. Aber zuerst war die Aufgabe, alle unterzubringen. Und dann bin ich schon der Meinung, dass man diesen Menschen in ihrer Sprache unsere Grundgesetze übermitteln sollte. Man befindet sich in einem Land, in dem man seine eigene Religion leben darf. Da muss man auch Respekt für die anderen Religionen aufbringen, zumindest aber für die zentrale Religion des Landes. Aber alles geht seinen Weg und alles wird immer besser. Und die jungen Menschen sind sowieso weltoffen. Durch sie wird sich vieles ändern. Auch die Lage der Frauen, die zu uns kommen, wird sich verbessern. Aber das sind Jahrhunderte alte Kulturen, das wird Zeit brauchen. Geduld, es wird schon.

Werden Sie, wie Pettersson im Film, gelegentlich von Albträumen geplagt?

Ach, wenig. Für mich sind Träume eine Phase, in der ich sehr viel lerne. Ich versuche zu verstehen, was mir meine Seele damit sagen will. Bevor ich schlafe, stelle ich eine Kerze auf. Ich bete für die Welt und für die einzelnen Menschen in meinem Leben, die Familie und Freunde. Dann gehe ich selbst noch einmal meinen Tag durch. Was ist da passiert, was kann ich noch an mir ändern? Ich freue mich noch einmal über schöne Sachen. Dann mache ich alle Elektrostrukturen aus und kippe das Fenster. Und ich kann schlafen wie ein Murmeltier. Albträume habe ich ganz selten.

Und wenn doch?

Oft kommen sie aus dem persönlichen Umfeld. Wie ein Medium erspüre ich bestimmte Dinge, die sich dort aufbauen. Ich mag nichts weniger als Wahrsagen. Es ist für mich das allerschlimmste, wenn es jemand wagt, auf einen herzugehen und zu sagen: "Du wirst bald sterben!" Das finde ich ganz schlimm. Das Leben als solches geht Schritt für Schritt. Mach' Deinen Tag! Kümmere Dich um das, was heute vor der Tür auf Dich wartet!

In letzter Zeit machen Sie sich vor der Kamera etwas rar. Würden Sie gern mehr arbeiten oder geht das für Sie in Ordnung?

Es passt für mich wunderbar. Ich schreibe meine Bücher und habe meine Lesungen. Für mein Buch "Auf dem Weg nach Surinam" habe ich fünf Monate heftig recherchiert. Die reine Schreibezeit betrug dann fast ein Dreivierteljahr. Das hat mich total ausgefüllt. Ich habe vor einiger Zeit auch in dem Film "Der Kreis" die Mutter eines homosexuellen Jungen gespielt, der Film war international sehr erfolgreich.

Sind Sie ein glücklicher Mensch?

Ich bin in Momenten glücklich, in denen ich anderen Menschen helfen kann. Wenn ich durch eine bestimmte Haltung einem Menschen einen kleinen Impuls gebe und merke, dass derjenige es tatsächlich annimmt und dass sich etwas in eine andere, bessere Richtung entwickelt. Ich bin zufrieden und gelassen, würde ich sagen. Ich habe noch so viele Ideen, wie man noch mehr Verantwortung übernehmen kann. Man darf nicht dasitzen und darauf warten, dass irgendein Anruf kommt. Das habe ich nie gemacht. Und so wie es jetzt ist, bin ich total zufrieden. Der innere Frieden ist das erstrebenswerteste. Man darf nicht zu viel verlangen. Die Welt ist polar, sie ist hell und dunkel. Alles muss ausgeschwungen werden. Man muss da durch, auch durch die schmerzhaften und bitteren Ebenen. Bei meinen Lesungen zitiere ich gern Gandhis Spruch, dass man erst den inneren Frieden finden muss, bevor der Weltfrieden entstehen kann. Dann werden die Leute immer ganz schmallippig. Und dann füge ich hinzu: "Aber bleibt geduldig, das ist alles homöopathisch gedacht! Wir haben noch hunderte Jahre, das wird schon." Dann lachen sie wieder befreit auf.

 

Als Kneipenwirtin auf die Kinoleinwand

Marianne Sägebrecht wurde am 27. August 1945 in Starnberg geboren. Obwohl sie ihre Liebe zur Schauspielerei schon an der Schule entdeckt, startet sie als 16-Jährige zunächst als medizinisch-technische Assistentin ins Berufsleben. Drei Jahre später wird Sägebrecht Ehefrau und Mutter. Sie betreibt das Kleinkunstlokal "Spinnradl" in Starnberg und später die Schwabinger Künstlerkneipe "Mutti Bräu".

Mittlerweile in der Szene bestens vernetzt, betritt Sägebrecht ab 1977 regelmäßig die Bühne des Kabaretts und des Theaters. Percy Adlon, unter dessen Regie sie wenig später mit den Kinoerfolgen "Zuckerbaby" und "Out of Rosenheim" den Durchbruch feiern wird, entdeckt die bayerische Urgewalt 1983 für das Kino. 1989 gibt Sägebrecht in "Der Rosenkrieg" ihr Hollywood-Debüt neben Michael Douglas und Danny DeVito. Bewusst entscheidet sie sich für eine Karriere in Europa und Filme wie "Asterix und Obelix gegen Caesar". Zuletzt veröffentlichte Marianne Sägebrecht das Buch "Auf dem Weg nach Surinam: Autobiografisches und geheime Rezepte aus meinem Zauberkessel". Sie lebt auf dem Land zwischen Starnberger See und Isar. (awe)

 

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

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