Macht Hochkultur?

SKD-Generaldirektorin Marion Ackermann über Chancen für Ausstellungsmacher bei der Rückeroberung des öffentlichen Raumes

Dresden.

Die Kunsthistorikerin Marion Ackermann zieht als neue Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) erste Bilanz: Nach fast fünf Monaten im Amt fordert Sie, dass Museen eine stärkere Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen. Wie das genau aussehen soll? Tim Hofmann und Tino Moritz haben bei Marion Ackermann nachgefragt.

Freie Presse: Genügen Ihnen nicht die Schätze, die die Staatlichen Kunstsammlungen vorzeigen können?

Marion Ackermann: Grundsätzlich nimmt die Hochkultur gerade im Moment eine wichtige Rolle ein, denn Museen, die dafür stehen, bieten einen Schutzraum: Wir können eine andere Art von Öffentlichkeit ermöglichen, eine, die die Komplexität und Ambivalenz von Geschichte aufzeigt. Dieser geistige Raum kann Menschen einen Austausch ermöglichen, wie er in der Gesellschaft gerade nicht mehr überall funktioniert. Ich war ja viele Jahre in Düsseldorf tätig, da ging es stärker um die Kunst selbst als um die Künstler. Dort war es mir wichtig, achtsam zu sein, dass wir nicht als Museum in ein geschlossenes Selbstbestätigungssystem geraten und, dass wir stattdessen unsere Relevanz immer wieder aufs Neue beweisen und auch selbstkritisch sein müssen. Die aktuelle Krise ist aber ja gerade auch eine der Intellektuellen: Viele haben es nicht für möglich gehalten, dass in so kurzer Zeit vor allem in europäischen Ländern Rechtspopulismus aufblüht.

Halten Sie diesen für ein Bildungs- oder ein Kommunikationsproblem?

Das Thema ist komplizierter, als viele bisher dachten. In Frankreich beispielsweise wurden in den vergangenen Jahrzehnten extrem viele öffentliche Bibliotheken geschaffen, wurden Sammlungen für zeitgenössische Kunst dezentral angesiedelt, um sie möglichst vielen Menschen, auch in brisanten Stadtteilen, zugänglich zu machen. Offenkundig hat das aber nicht das gebracht, was man erwartet hatte. Die Aggression vieler Menschen, die sich "abgehängt" fühlen, richtet sich gerade gegen kulturelle Einrichtungen. Doch Rückzug, das Nachlassen der Bemühungen um alle, ist keine Option, nur weil wir im Moment keine Antworten haben!

Bisher wirken Museen als eine wichtige Säule der sächsischen Hochkultur ja eher als Schatzbewahrer, wogegen die Theater als die zweite sich solchen Fragen eher stellen. Muss da aus Ihrer Sicht ein Ausgleich her?

Ja, das zeitgenössische Theater verfügt über gute Methoden, um den Diskurs in der Gesellschaft anzuregen oder um alte Stoffe in neuer Brisanz zu präsentieren. Aber ich finde ja, dass es die Stadtbibliotheken sogar noch mehr als Theater geschafft haben, einfach gute, demokratische, enthierarchisierte Orte für die Menschen zu werden, gerade auch für Geflüchtete. Die Museen können zwar über Ausstellungen auch einiges bewirken. Doch inzwischen verlangt man ihnen mit Recht mehr ab.

Könnte es ein Weg sein, durch unterhaltsamere Themen Besucher zurückzugewinnen? Ihr Dresdner Vorgänger Martin Roth hatte mit dieser Strategie am Victoria and Albert Museum in London viel Erfolg, er hat Retrospektiven zu David Bowie oder dem Modeschöpfer Alexander McQueen ins Haus geholt ...

Man hat es in England geschafft, Schulklassen und Familien in größerem Maße in die Museen zu bekommen als wir hierzulande. Events können ein Mittel sein. Was aber wichtiger ist: Das V&A hat es geschafft, die Nachbarschaft zu mobilisieren, vor allem über soziale Netzwerke haben Menschen aus dem gleichen Stadtviertel, die bis dahin nichts mit dem Museum zu tun hatten, das Haus plötzlich als Aufenthaltsort für sich entdeckt. Grundsätzlich gilt: Jede Kultur hat einen anderen Kunstbegriff. In Deutschland spielt Idealismus immer noch eine große Rolle. In England gibt es dagegen eine Tradition des Pragmatismus. In Mittel- und Südamerika wiederum ist Kultur stark sozial orientiert - da ging es auch in den Museen um den Kampf gegen Analphabetismus oder Kriminalität, manche dieser Häuser in der Tradition der brasilianischen Architektin Lina Bo Bardi beziehen Menschen aus der Nachbarschaft dort über Werkstätten, Küchen oder Sporthallen ein.

Museen sind vor allem auch Symbole. Verlieren diese heute nicht an Kraft, weil jeder etwas anderes darin sieht oder sehen will?

Um es mit dem früheren Dresdner Theaterintendanten Wilfried Schulz zu sagen: Wir haben uns alle in den Knoten eines Netzes verfangen, jeder sitzt an einem anderen Knoten, dazwischen aber tun sich Zwischenräume auf. Das einzige, was wir nun tun können, ist zu versuchen, die Knoten zu lockern und die Zwischenräume wieder zu betreten. Diese Zwischenräume könnten die öffentlichen Plätze sein oder die Plattformen, die wir bieten können. Dabei arbeitet Kunst mit Symbolen, aber eben auch mit Bedeutungsoffenheit.

Sind Ihnen Sachsens Museen familienfreundlich genug?

Für Dresden muss ich eine Lanze brechen. Hier ist mir eine große Familienfreundlichkeit aufgefallen. Das fängt bei Konzerten der Philharmonie an, in die man auch mit kleinen Kindern gehen kann. Das ist viel besser als ich es an anderen Orten erlebt habe. Das hat damit etwas zu tun, dass man sich hier in allen Gesellschaftsschichten sehr stark mit der Kultur identifiziert. Gleichwohl können wir auch als SKD da noch mehr tun. Am Wochenende müssen Familien in unsere Häuser strömen und sich wohlfühlen können. Dazu gehört nicht nur das Kunst-Anschauen, sondern auch Service, Freundlichkeit, Niederschwelligkeit. Schon mit Anfang 20 habe ich mich für eine lebendige, zukunftsgerichtete Vermittlung von Kunst stark gemacht. Was kann man unabhängig vom Zwangsverband der Schulklasse oder der Familie tun? Kinder müssen als eigenständige Wesen angesprochen werden. Es zählt immer der Einzelne. Mit den Maßstäben der Wirtschaft lässt sich das nicht messen.

Sie haben vor ihrem Start als SKD-Chefin gesagt, dass gerade in "komplizierten Städten" mit viel Frustration und Unzufriedenheit Kreativität besonders gedeihen kann. Sind Sie davon nach viereinhalb Monaten in Dresden immer noch überzeugt?

Ich bin nach wie vor extrem euphorisch und fasziniert von dieser Vielschichtigkeit. Symptomatisch für den Zustand der Stadt fand ich schon ganz am Anfang zwei öffentliche Diskussionen. Einmal hat Marlene Dumas ihr Altarbild für die Dresdner Annenkirche verteidigt. Dabei kamen alle Seiten zu Wort, sowohl die befürwortenden Kunstliebhaber als auch die Kritiker, die das Altarbild vermutlich schon deshalb ablehnten, weil es von einer nicht von hier stammenden Künstlerin kommt. Zwar war der Tonfall bei manchen ein bisschen aggressiv. Aber das war zu Brücke-Zeiten sicher auch nicht anders. Ich nehme es als Zeichen einer lebendigen Stadtkultur, so soll es ja auch sein, jedenfalls solange es nicht in verbale oder physische Gewalt umschlägt. Die ganze Kombination - die Situation im Moment, dieser Aufruhr, dieser Umbruch und zugleich die Schwerkraft des seit 500 Jahren tradierten Erbes und die hohe Kreativität - ist eine Herausforderung. Dresden ist für mich gerade einfach auch genau der richtige Ort.

Hat Dresdens Ruf durch Pegida & Co. keinen schweren Schaden genommen?

Natürlich hat es das. Es ist nicht zu ertragen, wenn Menschen wieder rechte Parolen rufen oder sogar den Holocaust leugnen. Aber dass sich das alles nur in Dresden konzentrieren soll, in der Tat ein Bashing stattfindet, das ist eher ein deutsch-deutsches Problem. Im Ausland hat Dresdens Ansehen nicht so sehr gelitten. Nach meiner Wahrnehmung, bestätigt durch den Austausch mit meinen internationalen Kollegen, wird die Stadt immer noch sehr geliebt und ist extrem interessant für Forschende und Künstler aus aller Welt. Sie sehen die Stadt als Modellfall. Genau wie ich.

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