Mal Puppe, mal Mensch - Untertan als Bühnenstar

Die Inszenierung des Heinrich-Mann-Romans am Staatsschauspiel Dresden überrascht durch beeindruckende Bilder.

Diederich Hessling (gespielt von Jannik Hinsch) mit seinem zweiten Ich, der Holzpuppe Diedel, geführt von Michael Pietsch.

Von Gabriele Fleischer

Einen besseren Zeitpunkt hätte sich Regisseur Jan-Christoph Gockel für seine Sicht auf Heinrich Manns "Der Untertan" gar nicht wählen können. Während die Gesellschaft immer mehr auseinanderdriftet, Hass und Gewalt gesellschaftsfähig werden, hat er einprägsam das Bild des Untertanen für die große Bühne des Staatsschauspiels Dresden geformt. Star der dreistündigen Aufführung, die am Freitag Premiere hatte, ist die Holzpuppe Diedel - perfekt geführt von Michael Pietsch.

Ist es zunächst das Kind "das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt", wie es Mann beschreibt, so wird die mit den Augen rollende und Trost suchende, manchmal bedauernswerte Marionette zum zweiten Ich des Diederich Hessling, den der erst 24-jährige Jannik Hinsch spielt. Er scheint Wolfgang Staudtes eindrücklicher Verfilmung von 1951 entsprungen, so überzeugend agiert er, entwickelt er sich vom Erniedrigten zum machtgeilen Tyrannen. Er nutzt Andersdenkende für seine Interessen aus, lässt sie fallen, schreit, demütigt, zeigt aber auch seine weiche Seite. Warum wird ein Mensch wie Hessling?

Gockel sucht wie der Romanautor Antworten darauf. Keiner wird als Untertan geboren. Im Zeitraffer lässt der Regisseur den Zuschauer teilhaben an der Spurensuche und fängt bei den Wurzeln des Übels an: Hessling als gedemütigtes Kind, das Prügel empfängt und willfährig ist. So gezeichnet steigt er in der Studentenvereinigung auf und wird skrupelloser Fabrikbesitzer. Puppe und Schauspieler tauschen die Positionen. Gockel gelingt es so perfekt, die Zuschauer in die Gedankenwelt des Hessling mitzunehmen. Doch der Regisseur geht weiter. Er zeigt mit Manns Zitaten auch das Perfide, Opportunistische der wilhelminischen Zeit, die alle Schichten ergreift. Wenn der Arbeiterführer Fischer (Sven Hönig) für Momente zum Verbündeten des Ausbeuters wird und der 1848er Demokrat Buck (Torsten Ranft) das Geschäft mit Hessling wittert, gipfeln Zwischentöne in bitterböser Satire. Als Hessling in Drillmanier die Hacken aneinanderschlägt und Buck sagt: "Haben Sie mehr Achtung vor den Rechten" - aber erst nach einer Pause den Satz mit "der Menschen" beendet, braucht es keine Erklärungen. Genau so wenig in der Szene, als in der Gerichtsverhandlung nach dem tödlichen Schuss auf einen Arbeiter Hessling angeklagt ist, weil er als Augenzeuge die Tat rechtfertigt. Die Scheinwerfer richten sich auf das Publikum. Das soll urteilen.

Für einen Moment scheinen all diese Bilder nach der Pause vergessen: Der Untertan sitzt im Publikum. Buck junior alias Lukas Rüppel tritt an den Bühnenrand und setzt zu einer Rede zur aktuellen Lage an. In dem Moment raunt ein Zuschauer: "Das wollen wir gar nicht hören." Das muss er aber, allerdings in Gockels Version, ohne erhobenen Zeigefinger. Der Regisseur bleibt sich treu. "Was gerade in unserem Land passiert, hat nichts mit dem zu tun, was wir wollen. Hessling ist die einzig relevante Figur. Ich möchte sie spielen", sagt der junge Buck, halb zu Hessling, halb zum Publikum gewandt. Als die Puppe schließlich in einem Video durch die Zeiten wandelt, vorbei an Porträts von Kaiser Wilhelm II, Adolf Hitler und Walter Ulbricht, werden die Anspielungen direkter. Dieser Personifizierungen hätte es nicht mehr bedurft. Denn auf der Bühne wird auch so deutlich: Die bitterböse Satire ist ein Spiegelbild. Vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges beendet, sind die Parallelen der Romanhandlung zur Realität erschreckend. Das aber zu beurteilen, überlässt Gockel dem Zuschauer.

 

Das Stück 

 

Diederich Hessling wird nach schwerer Kindheit einer, der nach oben

buckelt und nach unten tritt. Er nutzt Antisemitismus und Angst vorm Sozialismus für sich aus. Heinrich Mann zeigt im Roman "Der Untertan" nationalistische Politik und deutsche Mentalität in der Vorkriegszeit. Er zeichnet eine Gesellschaft, die sich willenlos vom Zeitgeist treiben lässt. (gfl)

Nächste Aufführung: 13. September, 19.30 Uhr, Staatsschauspiel Dresden. Tickets: 0351 4913555.

0Kommentare Kommentar schreiben