"Man braucht blindes Vertrauen"

Er gilt als einer der besten Nachwuchsschauspieler Deutschlands: Jonas Dassler - Ein Gespräch über seinen neuen Film "Lomo", die Tiefen des Internets und Vorbilder

Auch wenn er es vielleicht selbst nicht gern hören mag: Schauspieler Jonas Dassler gilt als DER Hoffnungsträger des jungen deutschen Films. Der gebürtige Remscheider gehörte bereits 2015 zum Ensemble des Jugendfilms "Uns geht es gut". Für seine herausragenden Leistungen in den Filmen "Das schweigende Klassenzimmer" und "Lomo" wurde der 22-Jährige im Januar mit dem "Bayerischen Filmpreis" für den Besten Nachwuchsdarsteller geehrt. Auch auf der Theaterbühne ist er regelmäßig präsent. Im Kinofilm "Lomo - The Language of Many Others", der nächsten Donnerstag anläuft, spielt Jonas Dassler nun den orientierungslosen Blogger Karl, der sich in den Tiefen des Internets zu verlieren droht. André Wesche hat sich mit Jonas Dassler über die Verlockungen des weltweiten Netzes, über Vorbilder im Schauspiel und über Reiseziele unter-halten.

Freie Presse: Herr Dassler, momentan haben Sie einen echten Lauf. Wie erleben Sie diese Zeit?

Jonas Dassler: Auf der einen Seite als sehr schön. Natürlich freue ich mich über die Aufmerksamkeit, die man den Dingen entgegenbringt, die ich mache. Auf der anderen Seite ist da natürlich auch Respekt vor dem Trubel.

Was für ein Bild haben Sie sich von dem Blogger Karl geschaffen, den Sie in Ihrem neuen Film "Lomo" spielen?

Für mich war er immer ein Suchender. Karl will den Kontakt zur Realität so sehr, bekommt es aber einfach nicht hin. Er muss erst mal weg aus seinem realen Leben, erst einmal fliehen, um dann wieder den Weg zurückzufinden. Das war es, was ich in Karl in erster Linie gesehen habe. Und ich konnte es gut verstehen.

Es ist heute relativ einfach, sich aus dem wahren Leben in die virtuelle Welt zurückzuziehen. Wäre eine Welt ohne Internet ärmer oder reicher?

Das Internet hat viele gute Seiten. Wir können schneller miteinander kommunizieren und wir können Wissen allgemein zugänglich machen. Trotzdem ist es natürlich auch superschwierig, weil es eine Art Parallelwelt ist. Wie bei jeder Art von Konsum stellt sich hier die Frage nach dem richtigen Maß. Es ist vielleicht nicht unbedingt gefährlich, wenn man sich nur noch im Internet aufhält. Aber es gestaltet das echte Leben sehr schwierig, weil man dann kein Teil seines sozialen Umfelds mehr ist.

Wie sieht Ihr eigener Umgang mit Smartphone und Internet aus?

Ich benutze mein Handy, um zu telefonieren und um SMS zu versenden. Und mein Internet, um E-Mails zu schreiben und zu googlen. Aber es kommt auch vor, dass man auf dem Handy irgendwelche Nachrichten liest oder auf Videos verwiesen wird. Man schaut auf das Gerät und diese Dinge poppen auf. Dann verliert man sich schnell in dieser Welt und plötzlich ist eine halbe Stunde vergangen. Das kenne ich schon.

Karl lässt sich von seinen Followern blind durch die Straßen lotsen. Lässt sich das mit der Kooperation von Schauspieler und Regisseur vergleichen?

Ja, vielleicht. Man braucht als Schauspieler dieses blinde Vertrauen. Man gibt sich dem hin, stellt sich zur Verfügung und lässt sich blind leiten. Ja, das gibt es schon.

Haben Sie in dieser Hinsicht mit Regisseuren nur positive Erfahrungen gesammelt oder wurde das Vertrauen auch missbraucht?

Bis jetzt habe ich nur Gutes erlebt. Es hängt ja auch immer mit der Intensität einer Arbeit zusammen. So ein Vertrauen wächst nicht in fünf Tagen, es entsteht über einen längeren Zeitraum hinweg. Am Theater hat man eine Probezeit von sechs Wochen. Auch bei einem Dreh verbringt man mitunter sechs Wochen gemeinsam. Dann kann auch etwas entstehen. Natürlich treffen beim Film- und beim Theatermachen immer ganz unterschiedliche Charaktere aufeinander. Das sind schon prägende Erlebnisse. Manchmal macht es bei einer solchen Begegnung klick und manchmal auch nicht. Wie in jedem anderen Lebensbereich auch. Man trifft sich und unternimmt den Versuch, zusammen etwas zu schaffen. Es entsteht eine Zweckgemeinschaft, die viel erreichen will. Manchmal geht es auf, manchmal auch nicht. Eine super-negative Erfahrung habe ich dabei noch nie gesammelt, nur Erfahrungen, von denen ich etwas mitnehmen konnte.

"Lomo" wurde umfangreich nachbearbeitet. Hatten Sie eine Vorstellung davon, wie der fertige Film aussehen würde?

Nein, tatsächlich nicht. Im Drehbuch konnte man es erahnen, aber wie es letztendlich aussehen würde, wussten eigentlich nur Regisseurin Julia Langhof und Michal Grabowski, der Kameramann. Ich hatte meine eigene Vorstellung von Karls Welt, aber die unterschied sich deutlich vom fertigen Film.

Nach dem "Klassenzimmer"-Film sieht man Sie nun auch in "Lomo" wieder auf der Schulbank. Wie waren Sie in der Schule?

Ich war so gutes Mittelfeld. Ich bin durchgekommen. Deutsch und Sport waren für mich eine sichere Nummer. Reden und laufen.

Wollten Sie Schauspieler werden, weil Sie der eigenen Identität entfliehen wollten oder weil Sie nach ihr suchten?

Ich glaube, es ist eine Mischung aus beidem. Man steigt als Schauspieler in eine andere Identität und unternimmt eine Reise, um etwas über die eigene Identität zu erfahren. Das ist ein Wechselspiel, das ich sehr reizvoll finde. Man beschäftigt sich nicht aus sich selbst heraus mit sich, sondern aus etwas anderem heraus, einem Text, einer Rolle. Die Zusammenarbeit mit anderen erlaubt Rückschlüsse auf sich selbst.

Was sind es für Figuren, die Sie interessieren?

Es sind nicht nur die Figuren. Manchmal sind es Texte oder Bücher. Ich habe am Theater gerade mit Yael Ronen gearbeitet, und zwar an einer Stückentwicklung. Es ist ein Thema vorgegeben, mit dem man sich beschäftigt, bevor überhaupt eine Handlung oder eine Rolle entstehen. Es gibt kein klares Rollenfeld, das mich besonders interessiert.

Sind Sie eitel?

Bestimmt. Wenn ich probe oder spiele, ist das eine Befreiung, weil man Dinge wie Eitelkeiten dann völlig ablegen kann. Man ist einfach nur noch füreinander da.

Sie haben vor drei Jahren das Abi gemacht. Plötzlich steht man mit der A-Liga als Kollege vor der Kamera. Ist das einschüchternd?

Das sind anfangs sehr besondere Momente. Ich habe mir genau das auch gedacht: Bis vor drei Jahren habe ich davon geträumt, diese Leute überhaupt nur mal zu sehen. Und jetzt arbeite ich teilweise mit ihnen. Das ist natürlich ein riesiges Privileg. Aber es wird auch sehr schnell normal. Man stellt fest, dass man sich ganz normal unterhalten kann. Man kann auf Augenhöhe miteinander sprechen und spielen.

Gleich beim ersten Vorsprechen bei der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin angenommen zu werden, ist keine Selbstverständlichkeit. Gab es einen Plan B?

Nee. Den gab es nicht. Weil es nach so kurzer Zeit gleich geklappt hat, musste ich mir nie über einen Plan B Gedanken machen. Die Idee, zum Vorsprechen zu gehen, war auch nur ein Versuch. Ich hatte gar nicht kalkuliert, etwas zu bekommen.

Hat Ihre Familie Sie immer unterstützt oder hätte sie gern gesehen, dass Sie etwas "Anständiges" lernen?

Sie hat mich immer sehr unterstützt. Das tut sie auch heute noch.

Um eine Frage aus dem Film aufzugreifen: Wo wollten Sie schon immer mal hin?

Ich habe letztens darüber nachgedacht, dass ich gerne mal nach Japan reisen möchte. Irgendwie reizt mich das. Ich bin noch nie so richtig aus Europa rausgekommen. Asien und vor allem die japanische Kultur interessieren mich.

Für die Serie "Die Protokollantin" haben Sie mit Iris Berben, Moritz Bleibtreu und Peter Kurth gedreht, die integre Persönlichkeiten sind. Nehmen Sie solche Kollegen als Vorbilder?

Ich selbst habe nur mit Peter gedreht, er spielt meinen Vater. Definitiv ist er ein Vorbild. Ich kenne ihn schon vom Theater her als diesen "wahnsinnigen" Schauspieler. Ich habe ihn gesehen und bewundert. Es war ein großes Glück, ihn kennenzulernen und mit ihm spielen zu können. Von der Arbeit mit solchen Kollegen profitiere ich am meisten. Ich beobachte sie und höre mir ihre Geschichten an. Da kann man viel lernen.

Haben Sie manchmal Zweifel, ob ein Schauspieler etwas Signifikantes für diese Welt tut?

Diesen Gedanken gibt es schon. Aber diese Arbeit ist signifikant, weil sie ein Stück Kultur aufrechterhält. Ich bezeichne mich selbst nicht als Künstler. Aber die Kunstformen Theater und Schauspiel entstehen immer aus einem Dialog heraus. Und sie laden zu weiterem Dialog ein. Das finde ich ganz wesentlich für unsere Gesellschaft. Den Dialog zu suchen, ist auch in unserer politischen Situation sehr wichtig. Man muss über Sachen reden und viel mehr diskutieren. Ein Film oder das Theater muss nicht, kann aber immer ein Katalysator dafür sein. Impulse setzen, irritieren, kritisieren - all diese Dinge sind möglich.

Jonas Dassler - der begnadete Schauspieler aus dem Nichts

Viel Persönliches weiß man noch nicht über diesen Jonas Dassler, der aus dem Nichts zu kommen schien, um die Welt des deutschen Theaters und Films im Sturm zu erobern. Der Schauspieler wurde 1996 in Remscheid in Nordrhein-Westfalen geboren.

Nach dem Abitur,Dassler war da gerade 18 Jahre jung, sprach er an der renommierten Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin vor, die für ihr strenges Auswahlverfahren bekannt ist. Doch Dassler wurde vom Fleck weg angenommen.

Erste Filmerfahrungen sammelte er bereits 2014, er gehörte zum Ensemble des Jugenddramas "Uns geht es gut". Die erste Hauptrolle folgt in dem Film "Lomo - The Language of Many Others". Auch aufgrund umfangreicher technischer Nachbearbeitungen kommt der Film erst jetzt ins Kino. Regisseur und Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck ("Das Leben der Anderen") verpflichtete den Darsteller zudem für das Großprojekt "Werk ohne Autor". Kinostart ist der 4. Oktober.

Ein größeres Publikum nahm erstmals im DDR-Drama "Das schweigende Klassenzimmer" (2017) von dem jungen Talent Notiz. Zu diesem Zeitpunkt genießt Dassler auch in der Welt des Theaters schon einen ausgezeichneten Ruf, er steht auf der Schaubühne Berlin und spielt am Maxim-Gorki-Theater in Klassikern sowie in neuen und experimentellen Stücken. Die Webseite seiner Agentur verrät über ihn musikalisches Talent: Der Jungstar spielt Schlagzeug, Gitarre und Bass. Er liebt das Snowboarden und das Surfen.

Auch Regisseur Fatih Akin wurde auf den Newcomer aufmerksam. Der Filmemacher hat zuletzt in seinem vielfach preisgekrönten Werk "Aus dem Nichts" Schauspielerin Diane Kruger für den deutschen Film entdeckt. Nun adaptiert Akin Heinz Strunks Bestseller "Der goldene Handschuh". Erzählt wird die Geschichte des Serienmörders Fritz Honka, der in den 1970er-Jahren in Hamburg mehrere Frauen tötete und ihre Leichenteile in seiner Wohnung lagerte. Jonas Dassler hat die Hauptrolle übernommen. Eine neue Herausforderung für einen jungen Mann, dem viel zuzutrauen ist.

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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