Manifeste des Aufbruchs

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Mit den ersten beiden Sinfonien von Robert Schumann wurden die Dresdner Musikfestspiele eröffnet - zunächst per Livestream. Bald sollen Open-Air-Aufführungen mit Publikum folgen.

Dresden.

"Ich schrieb die Sinfonie zu Ende des Winters 1841, wenn ich sagen darf, in jenem Frühlingsdrang, der den Menschen wohl bis in das höchste Alter hinauf und in jedem Jahre von neuem überkommt." So Robert Schumann 1842 in einem Brief an den Komponisten Louis Spohr. Und weiter: "Schildern, malen wollte ich nicht; dass aber eben die Zeit, in der die Sinfonie entstand, auf ihre Gestaltung, und dass sie gerade so geworden ist, wie sie ist, eingewirkt hat, glaube ich wohl."

Diese vor 180 Jahren konservierte Aufbruchstimmung ist dem Eröffnungskonzert der 44.Dresdner Musikfestspiele vom ersten Ton an anzuhören. Ganz der Zeit gemäß begrüßen Dirigent Daniele Gatti und das Dresdner Festspielorchester nicht nur den in diesem Jahr verspäteten Frühling. Die Musikerinnen und Musiker jubilieren im 1. Satz der Sinfonie Nr. 1 B-Dur op. 38, der "Frühlingssinfonie", förmlich ob der Möglichkeit, wieder spielen zu können. Dies zwar zur Eröffnung und für die nächsten vier Konzerte vorerst noch per Livestream, ab Juni dann aber auch mit Open-Air-Auftritten vor Publikum. Dabei waren die laut Veranstalter bis Dienstagvormittag über die eigene Homepage, Facebook und Youtube weltweit erreichten 1800 Zuschauer allemal ein respektabler Auftakt.

Dem lyrischen Zauber, den die Frühlingssinfonie ausstrahlt, tut der publikumslose Auftritt keinen Abbruch. Weich und behutsam, aber auch poetisch klar streift das mit historischen Instrumenten aus der Schumannzeit, darunter ventilloses Horn und hölzerne Traversflöte, ausgestattete Orchester über eine mit zarten Blumen prall gefüllte Frühlingswiese, über die erste Insekten schwirren, während der Mensch sich noch der dunklen Zeit erinnert, die dem Neubeginn vorausgegangen ist. Hier jedoch in der Gewissheit, dass dem Winter der Frühling folgt. Ganz dem Gedicht "Du Geist der Wolke" von Adolf Böttger entsprechend, das Robert Schumann bei der Komposition Pate stand: "Du Geist der Wolke, trüb' und schwer, / Fliegst drohend über Land und Meer, / Dein grauer Schleier deckt im Nu / Des Himmels klares Auge zu. / Dein Nebel wallt herauf von fern / Und Nacht verhüllt der Liebe Stern: / Du Geist der Wolke, trüb' und feucht, / Was hast Du all' mein Glück verscheucht, / Was rufst Du Tränen ins Gesicht, / Und Schatten in der Seele Licht?/O wende, wende Deinen Lauf, / Im Tale blüht der Frühling auf!"

Entstand die 1. Sinfonie in glücklichen Tagen, so begann Schumann die Arbeit an der 2. Sinfonie C-Dur op. 61 unter ungünstigeren Umständen: "Die Symphonie schrieb ich im Dezember 1845 noch halb krank; mir ist's, als müsste man ihr dies anhören. Erst im letzten Satz fing ich an mich wieder zu fühlen; wirklich wurde ich auch nach Beendigung des ganzen Werkes wieder wohler", schrieb der Komponist über die Sinfonie Nr. 2, die eigentlich seine dritte war, denn nach der Ersten hat er 1841 eine weitere komponiert, die erst 1851 als 4. Sinfonie veröffentlicht wurde. Das Festspielorchester spielt die 2. Sinfonie ganz im Sinn des bekehrten, weniger revolutionären Schumann, der 1847 eine "Sektion zur Wahrung klassischer Werke gegen moderne Bearbeitung" vorgeschlagen hatte, auf dass sich der "darstellende Künstler" nicht über den "schaffenden" stellen sollte. Die Konflikte werden im ersten Satz fein herausgearbeitet. Das Orchester präsentiert sich als intime, homogene Einheit in aller instrumentalen Vielfalt, es schmiegt sich förmlich an die Komposition an, gibt sich ihr hin. Gestisch eindrucksvoll leitet Daniele Gatti zwischen sanfter Zurückhaltung und impulsiver Expressivität das Orchester durch den Kampf gegen die Dämonen bis zum zuversichtlich-kämpferischen Ende der 2.Sinfonie, die gleichsam im Versprechen gipfelt, das Schicksal zu zwingen. 3. und 4. Sinfonie wurden am Dienstagabend gestreamt.

Gatti war bereits in Dresden zu Gast. 2018 sah er sich Vorwürfen sexuell übergriffigen Verhaltens ausgesetzt, wurde daraufhin vom Amsterdamer Concertgebouw-Orchester fristlos entlassen, ohne dass die Vorwürfe wirklich geklärt wurden. Nach "konstruktiven Gesprächen" habe man sich "einvernehmlich getrennt", teilte das Concertgebouw-Orchester später mit, und Gatti wurde kurz darauf zum neuen Musikdirektor des Opernhauses in Rom berufen. Dass er zu bedeutendsten Dirigenten der Gegenwart gehört, hat er auch mit den Schumann-Sinfonien in Dresden bewiesen.mit tk

Im Stream Alle Konzerte der Streamingwoche der Dresdner Musikfestspiele sind jeweils zehn Tage nach Ausstrahlung unentgeltlich über Youtube und auf der Festspielseite online verfügbar.

musikfestspiele.com

 

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