Marc-Uwe Kling mit "Arbeitsgruppe Zukunft": Schrank statt Schublade

"Känguru"-Erfolgsautor Marc-Uwe Kling arbeitet sich mit seiner Band "Arbeitsgruppe Zukunft" am kniffligen Jetzt ab - auf etwas skurrile Weise.

Leipzig.

Understatement? Hat keine Zukunft. Das sagt jedenfalls Michael Krebs, Keyboarder und Sänger der Band "Arbeitsgruppe Zukunft" (AGZ). Noch vor drei Jahren übte sich die Gruppe in Bescheidenheit und gab ihrer Debütplatte den genügsamen Namen "Viel Schönes dabei". Diese Zeiten sind vorbei. Marc-Uwe Kling, Autor der erfolgreichen "Känguru"-Buchreihe und neben Krebs und Julius Fischer einer der drei Frontmänner von AGZ, sagt zum Titel des neuen Albums, das am morgigen Freitag erscheint: "Wir glauben, dass 'Das nächste große Ding' das nächste große Ding wird. Deswegen haben wir es so genannt, damit die Leute das auch verstehen." Aber können die 15 neuen Lieder den vollmundigen Versprechungen auch standhalten?

Eines fällt beim Durchhören direkt auf: Kling, Krebs und Fischer, die sonst mit witzigen Texten auf den Bühnen des Landes unterwegs sind, haben ein breites musikalisches Repertoire auf dem Kasten. Das klingt mal rockig, mal poppig, mal melancholisch, mal brachial, und wird obendrein mit einer Prise Jazz garniert. "Wir passen in keine Schublade. Wir brauchen den ganzen Schrank", sagt Julius Fischer, der anders als die anderen Bandmitglieder nicht in Berlin, sondern in Leipzig lebt und bei Poetry-Slam-Wettbewerben mit selbst geschriebenen Gedichten und Geschichten bekannt wurde. Er hat das stumpfsinnigste Lied des Albums geschrieben - und zwar mit voller Absicht. Mit seinen leeren Worthülsen und einer sich erfolgreich anbiedernden Ohrwurm-Melodie würde sich "Oben" nahtlos zwischen all jene Radio-Dudellieder einreihen, die AGZ auf diese Weise unter Beschuss nimmt. Kleine Kostprobe des Textes: "So wie es klang ist es so wie es klingt, scheißegal was jeder singt. So wie es klingt ist es so wie es klang, lalalala, ein Leben lang." Die Idee, gegen die lächerliche Belanglosigkeit vieler Charthits mit einem lächerlich belanglosen Charthit vorzugehen, hatte Satiriker Jan Böhmermann mit "Menschen, leben, tanzen, Welt" allerdings schon vorher.

Exklusiv könnte die Kleinkünstler-Supergroup hingegen auf den Einfall gekommen sein, die eintönige Trostlosigkeit von Bürojobs in einer Metal-Nummer zu verarbeiten: Die im Alltag unterdrückte Wut über Rückenschmerzen, Programmabstürze und To-Do-Listen wird im Video zu "Büro" mit roher Gewalt beantwortet: Da werden Monitore und Topfpflanzen mit der Axt zerhackt, Rollcontainer in ihre Einzelteile zerlegt und Sitzbälle quer durch den Raum gepfeffert.

Zwar trägt AGZ die Zukunft im Bandnamen, tatsächlich beschäftigen sich die Liedtexte aber eher mit der Gegenwart. Es geht um Smartphones, die in gewissen Situationen besser aus der Hand gelegt werden sollten, um Pendelverkehr oder um das Dilemma von Künstlern und Politikern, in ihrem Schaffen von der Gunst des Publikums beziehungsweise der Wähler abhängig zu sein. Der Song "Rate Me" behandelt die zunehmend unwürdige Jagd der U35-Generation nach Likes und positiven Bewertungen im Internet. "Das ist wohl ein Software-Fehler in unserer DNA", diagnostiziert Krebs.

Gerade Kling hat die Messlatte an seine Werke mit den Känguru-Büchern hoch gelegt. Eine Portion des doppelbödigen Humors der inzwischen vierteiligen Reihe hätte dem Album gutgetan, auch der Biss fehlt an mancher Stelle. Dennoch steht außer Frage: Auch auf "Das nächste große Ding" ist viel Schönes dabei.

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