Martin Rauch wird zum James Bond des Ostens

Für den Spätherbst kommen bei den Streaminganbietern neue deutsche Serien ins Angebot. Amazon hat mit "Deutschland 86" den Anfang gemacht. Können drei Jahre mehr die Serie puschen?

Chemnitz.

"Deutschland 83" schlug vor zwei Jahren ein - im Ausland. Da wollte der Kölner Privatsender RTL einmal neue, anspruchsvollere Wege gehen, und dann bewegten sich die Zuschauerzahlen deutlich unter den Erwartungen, die Serie geriet zum Beinahe-Flop. Nach 3,19 Millionen Zuschauern der ersten Folge sahen zum Schluss nur noch 1,63 Millionen zu.

Doch im Ausland fand man die Serie um den jungen DDR-Spion "Martin Rauch" top. Die Rezensionen fielen 2015 geradezu euphorisch aus. So bescheinigte die "New York Times" "Deutschland 83" eine erfrischende Perspektive. Mittlerweile darf der 8-Teiler sogar einen international Emmy ihr Eigen nennen. Für deutsche Produktionen gilt sie als Türöffner für den internationalen Markt. Verkauft wurde die Agentenserie in die USA, nach Großbritannien, Kanada, Russland, Australien - insgesamt etwa 40 internationale TV-Sender und Videoplattformen erworben die Rechte zur Ausstrahlung. Dennoch stand die geplante zweite Staffel vor dem Aus, denn RTL zog sich zurück.

Amazons "Prime Video" sprang aber ein und kündigte mit "Deutschland 86" eine weitere Staffel an. Die Schöpfer, Anne und Jörg Winger, hatten mehr Freiheiten und das sieht man der Serie an. "RTL wäre lieber näher an der ersten Staffel dran geblieben, wir wollten etwas radikaler rangehen. Amazon hat uns dabei unterstützt", zeigte sich Anna Winger im Interview mit dem Internetportal DWDL dankbar.

"Deutschland 86" nimmt die Geschichte von Martin Rauch (Jonas Nay), seiner Tante Lenora (Maria Schrader) und ihrer Genossen von der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), dem Stasi-Auslandsdienst der DDR, wieder auf. Auf Moskau kann das Regime nicht mehr bauen. Es herrscht Armut an Devisen. Da werden Ideale schnell mal über Bord geworfen. So werden illegale Waffendeals ausgerechnet mit Südafrika eingefädelt. Im Mittelpunkt dabei zunächst Lenora, die durchtriebene und immer äußerst elegant gekleidete Stasi-Agentin. Schrader läuft hier zur Hochform auf. Für ihre Machenschaften benötigt Lenora ihren Neffen. Der wurde von der HVA nach Angola verbannt und leistet dort an einer Schule Aufbauhilfe. "In der DDR wird mittlerweile gehungert", mit dieser Lüge bewegt sie den eigentlich unwilligen Jonas zum Mitwirken an ihren äußerst dunklen Geschäften. Diese führen ihn über Südafrika nach Libyen, Paris, West-Berlin und schließlich zurück in die DDR.

Teilweise mutet die Staffel wie eine Abenteuerserie an, Martin Rauch wird zu einer Art James Bond des Ostens - allerdings längst nicht so cool, was die Figur glaubwürdiger erscheinen lässt. Er ist sprachgewandt, sichtbar athletischer als in Staffel 1, er muss einstecken, verliebt sich ohne Skrupel in eine schöne BND-Agentin (Lavinia Wilson). Als sie ihm anbietet, mit ihr aus dem Agentensumpf ganz auszusteigen, ist das für Martin eine nachdenkenswerte Option. Längst hat er die Verlogenheit seiner Stasi-Tante und damit auch des Systems erkannt. Auch Nay gibt den jungen und sympathischen Agenten mit viel Spielfreude.

Was die zweite Staffel von der ersten unterscheidet, ist ihr grimmiger Humor, der insbesondere bei den Sitzungen der HVA zutage kommen wird. Ein Highlight dabei ist Anke Engelke, die den weiblichen Schalck-Golodkowski gibt und für Devisenbeschaffung zuständig ist.

Wer vom piefigen DDR-Setting ab- und einige Logikschwächen übersieht, dürfte einigen Spaß an "Deutschland 86" haben. Trotz allen Humors nimmt sich die Serie immer noch ernst genug und thematisiert Zeitphänomene wie die Apartheid in Südafrika, die beginnende Pere-stroika oder den Terror gegen Westeuropa. Im Mittelpunkt bleibt Deutschland, dessen östlicher Teil dem politischen Untergang geweiht ist. Auf die Staffel "Deutschland 89" dürfen sich die Fans von Martin und seiner Tante Lenora schon jetzt freuen.

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1Kommentare
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  • 1
    0
    Freigeist14
    10.11.2018

    Es ist mir schleierhaft ,weshalb die Feuilleton - Seite der FP diesen ausgemachten Blödsinn der RTL-Serie wohlwollend behandelt . Die HVA war zwar dem MfS unterstellt -war jedoch ein völlig legitimer Nachrichtendienst . Und niemals hätte die DDR -auch im verborgenen- mit dem Apartheid-Regime von Südafrika Waffen-Geschäfte getätigt . Das ist keine künstlerische Freiheit -das ist Geschichtsfälschung . Die Drehbuchautoren können doch eine Story schreiben ,wie die DDR Lateinamerika beim Aufbau einer Abwehr aushalf oder Befreiungsbewegungen unterstützte . Aber für die Quote muss eine Räuberpistole zwischen die Werbeblöcke platziert werden .



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