Max Herre: Drinnen schlummert noch der Kopfnicker

Der Sänger und Freundeskreis-Mitbegründer Max Herre über große Gefühle, kleine Gesten und seine Lust auf Neues

Chemnitz.

Psychedelische Klänge, Samples der DDR-Band Panta Rhei und dann wieder purer Hip-Hop: Am Freitag erscheint das Album "Athen", an dem Max Herre lange gebastelt hat und das voller Überraschungen steckt. Warum Griechenland dem gebürtigen Stuttgarter so wichtig ist, was ihm zu Chemnitz einfällt und wie er heute zu den Klassikern seines Kollektivs Freundeskreis steht, hat ihn Sascha Aurich gefragt.

Freie Presse: Was geht Max Herre durch den Kopf, wenn er an Chemnitz denkt?

Max Herre: Ich denke natürlich sofort an die Bewegung gegen Rechts, die sich dort entwickelt hat und die unglaublichen Dinge, die die Kraftklub-Jungs auf die Beine gestellt haben. Das "Wir sind mehr"-Konzert, Kosmos Chemnitz, Chemnitz Nazifrei - das steht für mich sehr für diese Stadt. Wie schnell nach den Ereignissen 2018 ein starkes Zeichen gesetzt wurde, finde ich absolut vorbildhaft. Außerdem fällt mir der Nischel ein, wenn ich an Chemnitz denke. Dieser Kopf ist mir sehr vertraut.

...auch inhaltlich.

Ja, absolut, auch das.

Wie blicken Sie als ausdrücklich politischer Künstler auf das Bundesland Sachsen?

Mit Sorge. Aber ich will da auch nicht anmaßend rüberkommen. Aus meiner Perspektive kann ich nur schwer nachzuvollziehen, was es bedeutet, zum Beispiel in Chemnitz aber auch vor allem in kleineren Städten in Sachsen politisch aktiv zu sein und sich gegen die neue Rechte zu positionieren. Dazu gehört unglaublich viel Mut.

Sie haben schon immer persönliche Musik gemacht. Auf der neuen Platte sind es allerdings schon fast intime Einblicke in Ihr Gefühlsleben, die Sie den Hörern gewähren. Am beeindruckendsten ist für mich dabei der Song "17. September", in dem es um die Beziehung zu Ihrem Vater geht. Wie ist das Stück entstanden?

Athen ist das Leitmotiv der Platte. Die Stadt ist ein familiärer Ort für mich und ein Ort der Erinnerung, an dem sich ganz viele Geschichten verweben. Mein Vater lebte lange in Athen, es ist seine Lieblingsstadt. Auch als Familie waren wir oft dort. Aus Erinnerungen hat sich dann dieser Song herausgeschält. Es wurde ein Lied über die Dinge, die man sich nicht zu sagen traut. Dafür ist Musik natürlich ein tolles Mittel. Es macht eben einen Unterschied, ob ich mich vor jemanden setze und mit meinen Worten ringe, die mir nicht über die Lippen kommen, weil eine gewisse Scham damit verbunden ist. Oder ob ich eben einen Song habe, in dem ich das transportieren kann. Es war sehr befreiend, dieses Stück zu machen, denn es brannte mir auf der Seele.

Solche Gefühle haben die ganze Platte geprägt, oder?

Viele Songs gehen bei mir und meinem Leben los, auch mit einer gewissen Intimität. Ich würde die Platte aber auch gern als Einladung zum Gespräch verstanden wissen. Für mich öffnet das Album im besten Fall Türen und Fenster zu den Gefühlen der Menschen, die es später hören. An den Reaktionen gerade auf den Song "17. September" merke ich, dass viele Leute auch ihre persönliche Geschichte darin wiederfinden. In meinen Augen soll Musik auch genau das erreichen. Kunst soll ja nicht nur Nabelschau sein, sondern eher ein Exempel für Gedanken, Muster und Prozesse aller anderer Leben auch. Für mich als Hörer macht gute Musik aus, dass sie eine emotionale Seite in mir öffnet, die mich mit meiner ganz persönlichen Gedankenwelt verbindet. Und es wäre das Schönste, wenn mir das mit meiner Musik auch gelingt.

Auf der Platte singen Sie gemeinsam mit Ihrer Frau Joy Denalane die schmerzvolle Ballade "Das Wenigste". Der Song ist so etwas wie eine realistische Bilanz 20 Jahre nach dem gemeinsamen Hit "Mit Dir", oder?

Ich finde das Stück vor allem versöhnlich. "Mit Dir" und alles was damit verbunden ist, zog auch eine Überhöhung unserer Beziehung nach sich. "Das Wenigste" sagt: Unsere Beziehung ist nicht perfekt.

Wenn Sie live auftreten, geht das Publikum bei den Freundeskreis-Klassikern immer noch unglaublich ab. Ich hatte im Sommer bei einem Konzert in Leipzig den Eindruck, dass Sie dieses Hip-Hop-Kopfnicker-Ding eher mit einem Augenzwinkern bedienen. Stimmt dieser Eindruck?

Ja, absolut. Ich liebe Hip-Hop immer noch, das ist mein Ding, darin bin ich groß geworden. Und trotzdem ist es ein Genre, das unglaublich mit Pose verbunden ist. Und wenn mir dann auf der Bühne dieser Max begegnet, in dem das so drinsteckt, dann lächle ich manchmal über ihn. Aber das beinhaltet keine Wertung, sondern ist einfach nur witzig. Ich versuche immer, unverstellt und natürlich Musik zu machen. Und wenn dabei gleichzeitig dieses hip-hop-typische Performer-Gen in mir durchkommt, gibt es dann diese Schmunzel-Momente. Ich erlaube mir, mich musikalisch nicht mehr festzulegen, und ich hoffe, dass es mir auch mein Publikum erlaubt. Meine Musik bewegt sich zwischen verschiedenen Welten, auf jeder Platte mehr. Und trotzdem ist es Musik, die aus dem Hip-Hop kommt.

Wie muss man sich angesichts dieser Vielfalt den Musikfan Max Herre vorstellen? Im einen Moment in der Vinyl-Sammlung nach Gil Scott-Heron kramend, dann wieder gestreamten Cloud-Rap im Ohr?

Das kommt schon hin. Damit mich etwas packt, muss da was drin sein, das mich öffnet. Und musikalisch muss es sein. Ich denke nicht in Genres oder Kategorien. Ich bin Fan, und so begegne ich Musik auch. Nur zu verwalten, was ich schon kenne, würde mir nicht reichen. Ich bin unheimlich begeisterungsfähig, mir macht es Spaß zu entdecken. Das ist ja das Schöne an Musik: Sie kann 50Jahre alt sein, Du hast sie aber einfach noch nie gehört, und deshalb ist sie neu für Dich. Der Schatz an Musik ist ja nahezu unendlich.

Im Konzert Max Herre spielt am 25. März 2020 in der Stadthalle Chemnitz. Tickets sind in allen "Freie Presse"-Shops erhältlich.

 

Zur Person Max Herre

Bekanntwurde der gebürtige Stuttgarter Ende der 90er mit dem Lied "A-N-N-A" vom Debütalbum seiner Band Maximilian und sein Freundeskreis. Bisheriger musikalischer Höhepunkt seiner Solokarriere ist die "MTV Unplugged Kahedi Radio Show", eine monumentale Live-Best-of-Platte mit zahlreichen Gastmusikern wie Gregory Porter und Sophie Hunger, die im Jahr 2013 erschien.

Herre prägte den deutschen Hip-Hop unter anderem 1993 als Mitbegründer der Kolchose, einem Zusammenschluss von Stuttgarter Künstlern.

Der 46-Jährige lebt heute mit der bekannten Soul-Sängerin Joy Denalane in Berlin, das Paar hat zwei gemeinsame Söhne.

Das Video zum Song "Das Wenigste"

 

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