Mehr als schöne Fotos: Wie man sich Freiräume für Abenteuer verschafft

Das Internet hat auch das Reisen massiv verändert: Die Darstellung von Abenteuer in sozialen Netzwerken wird wichtiger als das Abenteuer selbst. Immer mehr Menschen machen sich daher auf die oft trickreiche Suche nach echter Wildnis - vorbei an den Versprechen der kommerziellen Reise-Branche.

Plauen/Chemnitz.

Sommer 2017 im Arches Nationalpark im Südwesten der USA, berühmt für seine Sandsteinbögen. Einer davon, der "Delicate Arch" (deutsch: empfindlicher Bogen), lockt, wenn er abends von der untergehenden Sonne angestrahlt wird, Touristen aus aller Welt an: Rund 300 Menschen tummeln sich auf dem schmalen Felsplateau am Ziel der 2,5 Kilometer langen Wanderung. Wagt es dabei einer, sich für ein Erinnerungsfoto in den Steinbogen zu stellen, wird gebuht und geschimpft - die anderen Fotografen fordern freien Blick. Romantik? Fehlanzeige. Nicht, dass dies der einzige Steinbogen im Park wäre - dort gibt es rund 2000 davon. Aber alle sitzen der gleichen Illusion auf: der eines schönen Fotos. Ohne fremde Menschen. So haben sie es auf der Internet-Bilderplattform Instagram gesehen, und so wollen sie es dort auch selbst hochladen.

Wer so reist, blickt mit jedem Selfie dem Narzissmus tiefer ins Auge. Und ignoriert, was er anrichtet: Um uns ans Ziel zu bringen, blasen Flieger und Kreuzfahrtschiffe aberwitzige Abgasmengen in die Atmosphäre. Vor Ort verbrauchen wir oft knappe Ressourcen, lassen Müll zurück - und zertrampeln die Natur hinter Sicherheitszäunen, weil das Foto von dort aus noch schöner aussieht. Echter. Wilder. Das alles, nur für ein paar Likes? Tourismusverbände und Nationalparks versuchen es noch auf die nette Tour: Island etwa bittet seine Gäste das "Isländische Gelöbnis" abzulegen - also keine Spuren zu hinterlassen.

Für den Abenteurer Mario Goldstein (48) kommen diese Entwicklungen wenig überraschend. Der Vogtländer ist seit über 15 Jahren auf Reisen, schreibt Bücher und hält Vorträge darüber. Dient Reisen heute nur noch unserem Egoismus? "Reisen ist auch nur ein Spiegelbild der Gesellschaft", sagt er, "Die Menschen suchen Bestätigung von außen. Man definiert sich über das Erfüllen von Normen, über Auto, Haus, Karriere ... Aber ich glaube, der Wandel kommt. Wer individueller reist, kommt näher an die Gepflogenheiten eines Landes heran und lernt Demut. Man sieht, wie gut es uns geht. Und trotzdem sind wir nicht das glücklichste Volk der Welt. Da müssen wir für Ausgleich sorgen: Wir müssen den Wohlstand schätzen, aber bescheiden bleiben."

Um an diesen Punkt zu gelangen, brauchte er seine Reisen, erklärt er. Zuerst hatte auch er geglaubt, dass viel Geld ihn glücklich machen würde. Doch das Gefühl, dass etwas nicht stimmte, wuchs. Auf 14 Jahre Unternehmertum folgten sieben Jahre Weltumseglung, eine Fahrt im Wasserwerfer nach Indien, eine Floßfahrt den Yukon hinab und zuletzt Wandern auf dem Grünen Band.

Aktuell organisiert er mit vier Mitarbeitern sogenannte "Freiträumer"-Veranstaltungen in Plauen und Chemnitz - eine Plattform für Reisende mit Live-Reportagen und Bands. Freiräume für Abenteuer haben, mit der Natur verbunden und vor allem glücklich sein, so fasst er heute sein Traumziel zusammen. "Das ist es, was wir mit den Freiträumern vermitteln wollen: Lebe deinen Traum. Nicht jeder muss dazu reisen. Ich denke da an meinen Opa: Er hat in der DDR gelebt, kam also kaum raus. Er hat in seinem Garten gewerkelt, sich auf die Hollywood-Schaukel gesetzt und einen zufriedenen Eindruck gemacht. Da muss man ehrlich zu sich selbst sein: Bin ich zufrieden? Wenn ja - wieso sollte ich etwas ändern? Bin ich es aber nicht: Dann muss ich etwas ändern."

Jedoch: Beim Reisen wie im Leben gelten wir Deutschen als Angsthasen - vor allem vor Veränderungen. Für jedes Wetter packen wir Kleidung ein, gegen jede Krankheit rüsten wir die Reiseapotheke auf. Und damit wir nicht eines Tages eine andere Liege am Pool abbekommen, können wir selbst die vorher buchen.

Am Ende haben viele offenbar doch zu viel Angst, auf eigene Faust zu reisen. Mario Goldstein will den Leuten Mut machen: "Macht es - ich lebe ja auch noch", sagt er und lacht. "Man kann nur Ängste überwinden, indem man sich ihnen stellt. Als ich zum Dalai Lama gefahren bin, musste ich zwei Monate, nachdem Osama bin Laden erschossen wurde, durch Pakistan. Die Medien waren voll mit schlechten Nachrichten. Letztendlich hatte ich eine durchweg positive Erfahrung - ich würde wieder durchfahren." Unterwegs in der Wildnis Kanadas, stellte auch er sich seinen Ängsten: vor wilden Tieren. "Deshalb habe ich gezielt Menschen aufgesucht, die sich mit Wölfen oder Bären auskennen und Verhaltenstipps geben."

Ist im Vergleich das Wandern auf der ehemaligen innerdeutschen Grenze komplett harmlos? Goldstein wollte es herausfinden: "Es gibt dort noch etwa 3000 Minen, die nicht gefunden wurden." Davor schützte er sich, indem er auf dem Kolonnenweg blieb, auf dem früher die Grenzsoldaten patrouillierten. Die Herausforderung war eine ganz andere: "Mich meiner Vergangenheit zu stellen, war dort die größte Überwindung. Ich gehe wieder an die Grenze, die mir mit 15 und 18 Jahren Gefängnis beschert hat - wegen Republikflucht. Man wird durch Mahntafeln überall damit konfrontiert, dass dort Menschen erschossen wurden." Doch seine Neugier überwog. Im Mai geht es wieder los, hoch bis zur Ostsee. Andere Wanderer hat Mario Goldstein nur wenige getroffen, aber viele Naturschützer, die mit dem BUND, dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, das Projekt Grünes Band vorantreiben, viele ehrenamtlich. Dabei lernte er, dass doch vielen Menschen die Natur am Herzen liegt. Der BUND hat rund 585.000 Mitglieder - mehr als CDU oder SPD.

Nach so vielen Jahren auf Reisen ist es das erste Projekt, bei dem Goldstein sich nicht mit einem Transportmittel fortbewegt. Und er musste sich eingestehen: "Ich habe das Wandern lange unterschätzt. Wer wandert, bekommt wieder eine Verbindung zur Natur und sich selbst. Wer einmal tief den Erdduft einer Wiese eingesogen hat, wird sich nicht der Umweltverschmutzung verschreiben." Zudem sind die Hürden geringer: "Es ist eine Reise, die nicht viel kostet. Ich war verhältnismäßig simpel ausgestattet: Gute Schuhe, Jeans, T-Shirt, ein Filzhut gegen die Sonne und ein Wanderstock", erzählt er. Und wundert sich über den Drang nach Funktionskleidung: "Das Denken ist so konfus: Der Mensch sitzt in seinem Büro, will in die Natur und überlegt: Wie schütze ich mich am besten? Und dann kommen solche Querulanten wie ich, die sich sagen: Alles egal - ich mache, was ich will. Man muss auch ein bisschen Vertrauen haben ins Leben."

"Querulanten" wie Mario Goldstein und seine Freiträumer leben eine andere Art des Reisens vor. Eine, in der man Antworten oft nicht dort findet, wo man sie sucht. Eine, in der auch mal etwas schief gehen kann - und die nicht immer so postkartenschöne Resultate liefert wie auf Instagram. Übrigens: Auf einem kleinen Umweg zur "Delicate Arch" kann man Felsgravuren entdecken, die das Volk der Ute vor Jahrhunderten hinterließ. Wer mehr als ein Like sucht, kann immer noch viel sehen.

Der Freiträumer-Tag findet am 11. März erstmals in der Stadthalle Chemnitz statt. Vorträge gibt es dabei von Thomas Huber, Willi Weitzel und Markus Lanz. Vom 23. bis 25. März steigt dann das Freiträumer-Festival in der Festhalle Plauen mit 9 Live-Reportagen, Bands und Workshops. Tickets gibt es in "Freien Presse"-Shops in Ihrer Nähe.

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