Meister aller Klassen

Als David Bowie vor fünf Jahren am 10. Januar starb, stellte die internationale Trauerreaktion vieles in den Schatten, was andere popkulturelle Persönlichkeiten je hervorriefen. Woher kommt diese anhaltende Zuneigung, die durchaus über die Ausnahmequalitäten seiner Kunst hinausgeht?

Der Schlüssel führt erst einmal über die Frage, wer dieser Mann war - und für die Antwort ist es wichtig, zu erkennen, wer David Bowie nicht war. Zum einen: Niemals das "Chamäleon", als das man ihn oft bezeichnete. Denn Bowie passte sich nie seinem Umfeld an, im Gegenteil - stets prägte er Vorgefundenes und setzte es in einen neuen Zusammenhang. Zum anderen war der humorvolle Engländer nie ein entrückter Marsmensch, der sich laut einem gängigen Vorurteil zeitlebens hinter Masken und Images versteckte. Weder lebte Bowie zurückgezogener als andere Weltstars, noch präsentierte er lebenslang in der Öffentlichkeit den "Mann, der vom Himmel fiel". Innerhalb seiner Musik ironisierte er das eigene Image etwa mit "Hallo Spaceboy" (1995) oder "Earthling" (1996) ausgiebig.

Nähern wir uns Bowie also am besten über sein überzeugendstes Merkmal: die Einheit zwischen Wort und Tat. Denn er war ein warmherziger Charakter, der Kunst und Mensch gleichermaßen unterstützte, eine Art Samariter des Showbiz - kaum einer tat mehr für andere Kollegen. Tina Turner etwa brachte er nach ihrer Scheidung von Ike zurück ins Geschäft, Iggy Pop zog er aus dem Absturz und Lou Reed rettete er die am Boden liegende Karriere nach dem Velvet-Underground-Desaster. Für Yoko Ono war er treuer Freund und Ersatzvater für Sohn Sean Lennon nach Johns Tod. Seiner Haushälterin vermachte er im Testament eine Million Pfund.

 

Die Kunst: "Das wirklich einzige, was ich jemals besitzen wollte, war die Kunst", sagte David Bowie. Jeder Augenblick seines 50 Jahre umfassenden Katalogs ist eine Ermunterung zu Neugier, Experimentierfreude, Individualismus und dem Beherrschen aller zu sprengenden Regeln. In Note und Zeile erscheint Bowie, als könne er in das Herz des einzelnen Hörers blicken. Deshalb ist es unerheblich, wie alt oder neu ein Bowiesong ist: Zeitlose Strahlkraft lässt diese Musik als ewige Gegenwart jeder neuen Generation zur Entdeckung zurück. Warum das keine Übertreibung ist, hat viele Gründe. Ein paar dafür gibt es hier.

 

"Diamond Dogs" ist der ewige Geheimtipp unter den großen Bowie-Platten. Inspiriert von George Orwell, haucht er dystopische, endzeitliche und zutiefst emotionale Dunkelheit aus, in der die Liebe konstant ums bloße Überleben kämpft. So nimmt der Londoner 1974 bereits alle Kaputtheit vorweg, die spätere Genrewerke wie "Mad Max" ausmachen. Für das entsprechende Soundbild tauschen die Musiker teils ihre Instrumente: Schon Bowies dilettierendes Saxofon ist eine Show. Songwriterisch ist die Platte bärenstark. Neben Hits wie "Rebel Rebel" gibt es große Momente wie "1984" oder "Big Brother". Ewiger Anspieltipp und eine seiner größten Sternstunden ist das finster pochende "Sweet Thing / Candidate / Sweet Thing". Wer dieses dreiteilige Herzstück liebt, hat Bowie verstanden.

 

1000 Facetten: Nach dem Soudtrack zur Mondlandung ("Space Oddity", 1969) erfand Bowie den Glamrock mit und beeinflusste in Berlin die Entwicklung elektronischer Musik. Aber auch Soul, Pop, Psychedelic, Funk, Artpop, Rock, Folk, Hardrock, Singer-Songwriter, Progrock, Blues, New Wave, Gothic-Rock, Chanson, Klassik, Jazz, Fusion, Punk, Ambient, Industrial-Rock, Club oder Dance fügte sein Genie etwas hinzu: Für jedes Glied dieser Kette findet sich ein passender Song. Alles dabei von lieblichstem Zucker bis hin zu fordernden Klangexperimenten. Bowie scherte sich nicht darum, trendy oder verspätet zu sein. Er definierte im Moment des Erscheinens. "Ich bin in keine Musikform hineingeboren worden und habe daher auch keinerlei Stilloyalitäten."

Gleiches gilt für die Bandbreite seines Gesangs. Er konnte quietschen wie ein Hundespielzeug ("Oh! You Pretty Things", 1971), die trunkene Hure spielen ("Amsterdam", 1973), den Macker mimen ("A Big Hurt", 1991) oder den Dandy geben ("Sound And Vision", 1977). Der späte Bowie entwickelte seine Stimme als eigenes Markenzeichen. Spätestens ab "I'm Deranged" (1995) mäandern seine Vocals als graue Eminenzen durch viele Lieder. Ein Stil wie ein Maßanzug, der dem Klangbild ein Quäntchen mystische Entrücktheit einimpft. Er lernte für diese Perfektionierung von Scott Walkers Gesang, den er bewunderte. Bei großen Nachtsongs wie "Sunday" (2002) hört man es deutlich.

 

Der Schauspieler: Bowies Charisma überträgt sich auf seine Filmrollen, wobei ein paar Momente herausstechen: "Der Mann, der vom Himmel fiel" (1975), "Furyo - Merry Christmas, Mr. Lawrence" (1982) und "Begierde" (1982) avancierten nicht zuletzt wegen seiner Präsenz zu Kultstreifen. Am Broadway spielte er 1980 die Titelrolle in "Der Elefantenmensch". Dies jedoch ganz und gar ohne Maske, rein auf Mimik, Gestik und Tonfall begrenzt. Danach spielte er die Hauptrolle in Brecht's "Baal", und auf dem Soundtrack zerrt er den Dramatiker komplett in die Finsternis. Die sinistre Totenklage "The Drowned Girl" garantiert Gänsehaut. Nicht minder intensiv gerieten die Darstellungen historischer Persönlichkeiten wie Pontius Pilatus ("Die letzte Versuchung Christi", 1988), Andy Warhol ("Basquiat", 1996) oder Nikola Tesla ("Prestige", 2006).

 

Der Mentor: Auf vielen Alben von Kollegen, an denen er als Produzent, Songwriter oder Arrangeur mitwirkte, sind legendär - ob nun "Raw Power" (1973) der Stooges, Mott The Hooples "All The Young Dudes" (1972) oder "The Idiot", "Lust For Life" (beide 1977) und "Blah Blah Blah" (1986) von Iggy Pop. Die brillanteste Leistung bleibt dabei womoglich die Gestaltung von Lou Reeds "Transformer". Und sein Duettgesang mit Brian Molko machte "Without You I'm Nothing" von Placebo endgültig zum Jahrhundertwerk.

 

Der Entertainer: Mit dem 80er-Bowie ist es ein wenig wie mit dem 80er-Miles-Davis: Sein Schaffen in dieser Dekade wird unterschätzt. Obwohl sich hier auf den Alben auch mancher Füllsong findet, bleiben genug grandiose Nummern übrig. Mit "Cat People" und dem prophetischen "Time Will Crawl" gelingen Bowie zwei der besten melodischen Rockstücke aller Zeiten. "Loving The Alien" ist ein anmutiger Monolith epischen Pops. Der melancholische Protestsong "This Is Not America" mit Pat Metheny, der sexy drei Minuten-Klopper "Blue Jean" oder das romantische "Absolute Beginners" sind allesamt Zierden ihrer Zunft. Seine einflussreiche Hymne "Let's Dance" geriet zum Gradmesser zeitgenössicher Unterhaltungsmusik. Mit seiner weitgehend unverstanden gebliebenen Band Tin Machine dekonstruiert er all dies 1989 konsequent, nimmt Grunge vorweg, tanzt auf den Trümmern der Yuppie-Ära.

 

Balladen-Bowie: "Lady Grinning Soul" (1973) ist zwar nicht das bekannteste, gleichwohl eines seiner intensivsten Stücke. Eine erotische Lobpreisung der Soulsängerin Claudia Lennear, die auf den Thin White Duke anscheinend ähnliche Wirkung hatte wie auf Kumpel Mick. Jagger hatte ihr bereits "Brown Sugar" gewidmet. Zünglein an der Waage ist hier Mike Garsons großartiges Piano-Arrangement. Mehr Ausdruck geht kaum. Und: Garsons herausragende Tasten-Momente ziehen sich wie ein roter Faden durch Bowies Schaffen. Später gab er oft den ebenso scharf beobachtenden wie mitfühlenden Melancholiker. "Slip Away" (2002) ist eine dieser Killerballaden mit Tiefenberührung.

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11 Kommentare
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  • 0
    1
    neuhier
    09.01.2021

    Wunderbarer Text. Da liest man den Fan, nicht nur einen Autor.