Melancholische Denkgebirge in den Kunstsammlungen Chemnitz

Eine Ausstellung würdiget die Künstlerfreundschaft zwischen Carlfriedrich Claus und Bernard Schultze - zwei Brüder im Geiste, die sich dennoch deutlich unterscheiden.

Chemnitz.

"Gefährlicher Streifzug" heißt das eindrucksvollste Bild von Bernard Schultze in der aktuellen Ausstellung in den Kunstsammlungen Chemnitz: Zahllose Bleistiftstriche auf einem etwa zweimal einen Meter großen, auf Leinwand aufgezogenem Blatt Papier bilden eine Art fiktive, aufgebrochene Landschaft, Täler und Höhen, Verdichtungen und offene, gelöste Flächen.

Wie eine intuitive, formlose, melancholische Denklandschaft wirkt das in einen schlichten, weil dem Künstler nicht wichtigen Rahmen gefasste Bild. Es könnte seine Entsprechung in George Steiners Erkenntnis haben, dass "Denken traurig macht", weil es die Menschen zum Zweifeln verführt, weil es unberechenbar, unendlich und doch unvollständig bleibt. Weil es uns manchmal nicht hilft, wenn wir erklären wollen, warum Menschen sind, wie sie sind, warum die Einen ihrer Unzufriedenheit Luft machen, indem sie anpacken, helfen, Missstände beseitigen, die Welt allen verbessern wollen, Andere, indem sie das Kreuz, das alle zu tragen haben, dort machen, wo es Menschen trifft, die andere ausgrenzen, aussperren, demütigen. So wird Denken zum "Gefährlichen Streifzug".

Dies ist dem Bild Bernard Schultzes nicht eingeschrieben, aber es war dem Künstler bewusst, der, 1915 geboren, das Trauma des Zweiten Weltkrieges erlebt hatte, in dem sein gesamtes Frühwerk verlorenging. Die Wunden, die Krieg und Faschismus Erde und Menschen zugefügt haben, bleiben gegenwärtig, auch in jenen dem Informel zugerechneten, gegenstandslosen, oft wild farbigen Werken, mit denen Schultze berühmt wurde - und die Claus auf ihn aufmerksam machten. Dieser Künstlerfreundschaft ist die aktuelle Ausstellung in den Kunstsammlungen gewidmet. Schultze wollte sich dem Unbewussten ausliefern, "so passiv sein wie möglich, möchte mit jedem Schritt in eine unvorhergesehene Situation geraten, eine gewisse Form der Trance."

Carlfriedrich Claus arbeitete gerade an seinem "Automatischen Tagebuch", ebenfalls intuitiv aufgezeichneten Bewusstseinsströmen. Sie erfuhren voneinander 1956 über eine Berliner Galerie, in der Arbeiten sowohl von Schultze als auch von Claus ausgestellt wurden. Bis 1975 wechselten sie Briefe, von denen in der Ausstellung leider nur wenige Ausschnitte zu lesen sind. Doch die Zeilen deuten an, mit welcher Intensität die beiden Künstler die Arbeit des anderen verfolgten: "... an dieses schmerzhaft brennende Problem rühren deine Plastikbilder gleichermassen", schreibt Claus, "die Unerlöstheit, die Pein, die schweigend schreiende Qual der Erde, der immer neu vom Menschen verwundeten, der erbarmungs-, (ahnungs) los immer neu erstickten, der nur als Ausbeutungsding ihn interessierenden, seiner Erde."

Mit den "Plastikbildern" sind die "Migofs" gemeint, dreidimensionale Objekte, mit denen Bernard Schultze seine Malerei ins Räumliche erweiterte. Zwei von ihnen sind in Chemnitz zu sehen. Schultze hat einige Arbeiten Claus gewidmet, die zum Teil vom Annaberger Eigenbrötler beeinflusst scheinen. Und er schrieb ins Erzgebirge: "... lebe und webe weiter in Deinem großartigen Geist-Reich inmitten dieser wunderbaren Natur". Die Ausstellung zeigt anschaulich anhand gut gewählter, zum Teil selten zu sehender Arbeiten die Verwandtschaft im Geiste der beiden Künstler - aber auch ihre Unterschiede. Während Claus seine Selbsterforschungen als Grundlage der Weltveränderung fortsetzte und sich dabei immer weiter vom "Bild" als Ergebnis dieser Denkarbeit entfernte, ging es Bernard Schultze letztlich immer um dieses Bild, aber eines, das über sich selbst hinausweist, wobei er mitunter auch deutliche Kritik an gesellschaftlichen Zuständen, etwa am Vietnamkrieg, übte. Die Briefkontakte zwischen Claus und Schultze brechen 1979 plötzlich ab - wegen "politischer Differenzen", sagt Kuratorin Brigitta Milda, die mit dieser Ausstellung einen weiteren Schatz aus dem von ihr umsichtig betreuten Carlfriedrich-Claus-Archiv hebt. Gleichzeitig ist die Schau ein Stück gelebte Städtepartnerschaft, denn die Arbeiten von Bernard Schultze stammen vor allem aus der Stiftung Kemp, die ihren Ort im Kunstpalast der Partnerstadt Düsseldorf hat. Dort sind zur Zeit Leihgaben aus Chemnitz im Rahmen einer Ausstellung zur DDR-Kunst zu sehen. So abrupt wie der Briefwechsel endet die Ausstellung nicht. Es schließt sich unter dem Titel "Auf grünem Grund" abstrakte Malerei nach 1945 aus den Beständen des Museums Gunzenhauser und der Kunstsammlungen an. Eine kleine, aber namhafte Auswahl an Gemälden, unter anderem von Ernst Wilhelm Nay, Emil Schumacher, Fritz Winter, und Willy Baumeister, erinnert an den Siegeszug der abstrakten Malerei in Westeuropa, der nach dem Zweiten Weltkrieg von der CIA finanziell gefördert wurde, um den figürlichen Darstellungen des sozialistischen Realismus wie der nazistischen Kunst etwas entgegenzusetzen.

Die Ausstellung zur Künstlerfreundschaft von Bernard Schultze und Carlfriedrich Claus ist bis 27. Oktober; "Auf grünem Grund" ist bis 2. Februar 2020 in den Kunstsammlungen Chemnitz zu sehen. www.kunstsammlungen-chemnitz.de

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