Mensch Luther! Im Namen des Vaters

Wer war der Mann, Macher und Mönch, der vor 500 Jahren die Reformation auslöste? Die "Freie Presse" zeigt bis zum Jubiläum des historischen Thesenanschlags am 31. Oktober zu jedem Monatsende eine andere Facette Martin Luthers. Heute: Warum im Glauben des Reformators Schmerz so wesentlich ist.

Mannsfeld. Als er 19 Jahre alt war, konnte der Student Martin Luther wohl nicht anders: Er ging mit der Mode der Zeit. Der Humanismus war ausgebrochen an den Universitäten Europas - jene Idee vom freien Geist, der sich nicht mehr auf Dogmen verlassen, sondern eigene Gedanken entwickeln wollte. Im Denkmuster der katholischen Papstkirche galt es, einem starr gefügten Gerüst von Regeln zu folgen. Diese, einst von Gelehrten und Heiligen aufgestellt, sah man als Garant der Wahrheit - daran zu rütteln galt als Häresie, wenn nicht Ketzerei. Dem setzte die Renaissance nun etwas entgegen: Der denkende Mensch, immerhin erschaffen nach Gottes Ebenbild, suchte seine Wahrheit nach dem Motto "zu den Quellen" selbst, statt sich auf die Auslegung anderer zu verlassen. Luther war begeistert, und tat, was alle taten, die der neuen Freude an der Wissenschaft Ausdruck verleihen wollten: Sie legten sich einen gelehrt klingenden Namen zu. Aus dem Holländer Gerhard Gerhards, später einer der größten Humanisten seiner Zeit, wurde "Erasmus Roterodamus", Erasmus von Rotterdam, und der Martin aus Mannsfeld nannte sich "Martinus Viropolitanus".

Zu Hause wusste man von diesen Eskapaden nichts - und das war für den Moment wohl auch besser so. Vater Hans Luder hatte sich vom Bauer zum Bergbauunternehmer hochgearbeitet. Männer wie er, ein sich langsam bildendes Bürgertum, pachteten die Kupferminen der Adligen und beuteten sie mit ihrem Know-How aus, was zu gewissem Wohlstand führte. In seinem (vermutlich) ältesten Sohn, der sich als klug erwiesen hatte, sah der angesehene Ratsherr vor allem familiäres Humankapital: Er investierte Geld in eine juristische Ausbildung, die dann wiederum dem Familiengeschäft zugute kommen sollte. Hans Luder oder Loder, Lotter, Ludher - die Schreibweise von Namen unterlag einer Flexibilität, die erst durch die spätere Verbreitung von Druckschriften einer selbst zu wählenden Kontinuität wich - konnte selbst nicht lesen, aber sehr gut rechnen: Bildung war die einzige Ressource, über die er seinen Wohlstand steuern konnte. Denn der Adel, der immerhin einen aufwendigen Lebensstil zu finanzieren hatte, bemerkte sehr wohl, wenn ein Geschäft prächtig lief - und nahm sich über Pacht und recht willkürliche Steuern in einem erst rudimentären Rechtssystem einen reichlichen Teil. Nur wer clever zu wirtschaften verstand und sich obendrein in der Juristerei auskannte, hatte da eine Chance.

Lust am Wissen war Luthers Eltern dabei so fremd wie pädagogisches Einfühlungsvermögen: Martin wurde vor allem mit Stock und Peitsche erzogen. Schläge, so schrieb es der Reformator später nieder, waren allgegenwärtig. In der Schule setzte es bei der kleinsten Verfehlung heftige Prügel, sodass der Junge früh an der Liebe Gottes zu zweifeln lernte: Denn so sehr er sich auch mühte - es schien ihm, als würde er stets nur auf das Böse stoßen. Erst im Alter von 13 Jahren erfuhr er erstmals eine andere Behandlung. Das Abitur war noch unbekannt, doch zur Vorbereitung einer akademischen Laufbahn wurde der junge Martin für ein Jahr auf die Schule des Magdeburger Doms geschickt. Dort unterrichtete eine so ungewöhnliche wie eigenwillige Glaubensgemeinschaft, die Vater Luder gewählt hatte, weil ihm das Mönchstum, dass er vor allem mit Abgaben verband, verhasst war: Die "Brüder vom gemeinsamen Leben", bekannt als "Nullbrüder", verzichteten auf Klostergelübde, und statt demonstrativer Weltferne suchten sie ein arbeitsames Leben mit den Menschen. Allerdings wurde auch viel meditiert und Demut geübt - und der damit verbunde Verzicht auf das Besitzstreben, das Luthers Leben bis dahin geprägt hatte, muss dem Heranwachsenden wie ein Licht im Dunkel seines Lebens vorgekommen sein.

Das spätere Studium in Erfurt, das Luther kurz mit den Freiheitsgedanken des Humanismus in Berührung brachte, hatte jedoch eine Art eingebauten Vier-Jahres-Zeitzünder: Ein Doktortitel schien für den talentierten jungen Mann kein Problem, doch je näher er rückte, desto drückender erschien er Luther als die Drohung, im Unternehmen des Vaters künftig Juristen-Frohn leisten zu müssen - ausgerechnet in dem Fach, das ihn am wenigsten interessierte: Luther brannte für Musik, für Philosophie und Theologie. Hans Luder hatte, nicht ganz unüblich damals, keinerlei Ohr für eventuelle Interessen oder Pläne seines Sprosses: Er hatte viel in die Bildung Martins investiert - das musste sich nun rentieren. Um das per Familiengründung zu zementieren, hatte der Vater auch schon eine Braut für den Sohn ausgesucht. Die Lage war also festgefahren, als Martin am 2. Juli 1505 von einem Besuch der Eltern zurückkam - da passierte die Sache mit dem Blitz: Bei Stotternheim, kurz vor Erfurt, geriet der Wanderer in ein heftiges Gewitter, das ihn vermeintlich so sehr in Todesangst versetzte, dass er in einem Stoßgebet der Heiligen Anna schwor, Mönch zu werden, wenn er am Leben bliebe. Die in vielerlei Hinsicht seltsame Geschichte gehört zu den wichtigsten Luther-Legenden und wurde in alle Richtungen ausgeschmückt: War es ein Wink Gottes? Musste Luther miterleben, wie der Blitz einen Mitwanderer erschlug? Oder ist es eher wahrscheinlich, dass der bedrückte Student einen Vorwand suchte, sich aus den Fängen des Vaters zu befreien? Fakt ist, Luther stellte die Sache innerfamiliär gewichtig dar: Leider sei er damit nun an ein Gelübde vor Gott gebunden, das zu brechen eine tödliche Sünde sei. Er könne daher nicht anders, als die Verlobung zu lösen und ins Kloster zu gehen - was den Bruch mit dem wütenden Vater bedeutete. Im Kloster fand Luther jedoch nicht zu Gott, sondern wurde, wie schon in seiner Kindheit, von finsteren Höllenträumen geplagt, aus denen er keine Befreiung fand. Ein in der Bergbau-Familie tief verwurzelter Aberglauben an leibhaftige Dämonen und Teufel tat da ein übriges: Luther verfügte wohl damals über eine mehrfach gebrochene, unschön konditionierte Seele. Nun ist es natürlich sehr spekulativ, den inneren Zustand eines Menschen über eine Distanz von mehreren hundert Jahren zu interpretieren - im Fall des späteren Reformators jedoch gibt es gute Anhaltspunkte, denn kaum jemand hat so genau über sein tägliche Befinden Buch geführt.

Wer jemals eine depressive Episode auch nur leicht durchlitten hat, erkennt dabei schnell die beschriebene Dunkelheit, die namenlose Verzweiflung, die scheinbar keinen Ausweg lässt. Dass Luther das im wörtlichen Sinn als Hölle auf Erden empfand, ist nachvollziehbar. Und wenn dann alles plötzlich abfällt, das Licht der realen Welt den Verstand klärt - was für eine Befreiung! In der Klosterzeit leitete Luther aus dem selbst durchlittenen Schmerz einige der wesentlichsten Grundgedanken seiner Theologie ab - indem er von sich auf alle anderen schloss: Die göttliche Gnade der Erlösung, so seine Erfahrung und Überzeugung, ließ sich nicht durch irgendwelche Übungen oder durch bestimmtes Verhalten erreichen. Man hatte nur die Chance, so fest wie möglich zu glauben - und zu warten. Sühne tat man dabei sehr wohl in der Hölle, jedoch nicht nach dem Tod, sondern zu Lebzeiten.

Auch deren Zweck glaubte Luther nun zu kennen: Die menschliche Seele musste, so wie es ihm widerfahren war, völlig geleert, alles Selbstbewusstsein gebrochen werden. Nur als reine Hülle war der Mensch bereit, als Gefäß Gott aufzunehmen. Mit dieser Sichtweise gab Martin Luther nicht nur den Gedanken des Humanismus vom Menschen als Selbstentscheider auf, sondern auch die Welt: Was zählte, war allein Gott, und der war überall. Unberechenbar, selbst dem eigenen Sohn gegenüber. Jesus, bis dato im katholischen Kontext neben gütigen Heiligen als strenger Vorsitzender des Jüngsten Gericht eher gefürchtet als geliebt, gewann als Schmerzensmann dabei schweres Gewicht. Und: Luthers Theologie entfernte Kirchenrituale als Bindeglied zwischen Mensch und Gott.

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