"Kleine große Farm" im Kino: "Menschen treffen die Wahl"

Ökofarmer und Dokumentarfilmer John Chester über die Abkehr von Monokulturen in der Landwirtschaft und die Chancen eines biologischen Gleichgewichts ohne Chemie

Als Regisseur hat John Chester preisgekrönte Dokumentationen über Jockeys und Rockstars gedreht, während seine Frau Molly, eine Food-Bloggerin, ein paar Blumenkübel auf dem Balkon ihrer Großstadtwohnung bewirtschaftete. Mit diesen "Qualifikationen" gaben die Chesters ihrem Leben eines Tages eine dramatische Wendung: Sie erwarben ein ausgelaugtes Stück Ackerland und stellten dort innerhalb einiger Jahre eine mustergültige, nachhaltig wirtschaftende Farm auf die Beine.Chester selbst drehte darüber den Dokumentarfilm "Unsere große kleine Farm", der eben in deutschen Kinos angelaufen ist. Er zeichnet den schwierigen Weg des ungewöhnlichen Familienbetriebs nach. André Wesche hat mit John Chester gesprochen.

Freie Presse: Mr. Chester, Ihr Film ist nicht gerade Werbung für einen Start ins Farmerleben. Er zeigt ja ziemlich deutlich das großes Risiko zu scheitern. War es eines Ihrer Ziele, unrealistische Träumer von diesem Abenteuer abzuhalten?

John Chester: Nein. Ich denke, der Film zeichnet ein realistisches, ehrliches und ungeschminktes Porträt der Mühsal, die Landwirtschaft in Koexistenz mit der Natur mit sich bringen kann. Es zeigt die umfassenden, unendlichen Möglichkeiten, eine Farm in ein biologisch vielfältiges Ökosystem zu integrieren. Unsere Geschichte ist ein Beispiel dafür, welch gewaltiges Potenzial in der Zusammenarbeit mit solch einem komplexen, sich regenerierenden Ökosystem steckt. In den letzten 75 Jahren haben wir die Möglichkeit vergessen oder ignoriert, ohne Chemikalien zu wirtschaften, welche Kollateralschäden und Zerstörung anrichten. Ich wollte eine Perspektive aufzeigen, wie man zur Natur zurückzukehren kann.

Wie oft hatten Sie und Ihre Frau in den ersten Jahren tränenreiche Nächte?

Oh Gott, sehr häufig. Besonders im dritten und vierten Jahr, der wohl härtesten Zeit. Wir wussten nicht, dass die Urbarmachung umso länger dauern würde, je erschöpfter das Land ist und je weniger biologische Vielfalt es dort gibt. Jeder Boden ist anders, und es dauert, bis man ihn erneuern kann. Wir haben nicht damit gerechnet, dass wir erst im fünften oder sechsten Jahr diese Rückkehr der Natur erleben würden, die dann so zielstrebig die Balance zu den Epidemien und Krankheiten wiederherstellen würde, mit denen wir es zutun bekamen. Es gab viele schwierige Unterhaltungen und Streitereien. Wir waren manchmal so sehr mit dem Streiten beschäftigt, dass ich nicht filmen konnte.

Natürlich ist jede Farm speziell. Aber könnte Ihr Modell der biologischen Landwirtschaft grundsätzlich überall funktionieren?

Ich würde es nicht biologisch nennen, sondern erneuerbar. Unsere spezifischen Methoden stehen nicht im Vordergrund, sie würden aber auch nicht überall funktionieren. Was im Allgemeinen funktioniert, ist das Wiederherstellen der biologischen Vielfalt und der Gesundheit des Bodens als Lebensraum. Das Ziel ist eine größtmögliche biologische Vielfalt. Im Wesentlichen ist es die Nachahmung eines gesunden, natürlichen Ökosystems. Diese Methode kann nicht nur in der Theorie funktionieren, sie tut es tatsächlich. Sogar bei einst groß angelegten Monokulturen oder Industriefarmen. Viele Farmen überall auf der Welt setzen die Techniken dazu bereits seit Jahrzehnten ein. Man hat nur selten davon gehört, weil diese Farmer keine Geschichtenerzähler oder Filmemacher sind. Ich habe nur den Teil des Geschichtenerzählens hinzugefügt und das Projekt über eine Zeitspanne von acht Jahren dokumentiert. Viele Farmer hadern aber noch mit den Möglichkeiten der regenerativen Landwirtschaft. Aber sie ist eine Perspektive. Es ist nicht möglich, jeden Farmer wieder davon zu überzeugen, diesen Blickwinkel einzunehmen. Es ist nicht mein Ziel, Farmer dafür an den Pranger zu stellen, wenn sie es nicht tun - es geht mir darum, die Öffentlichkeit zu informieren. Wenn diese daran glaubt, wird sie diese Art von Farmen aktiv unterstützen. Und das bewirkt mehr, als es Politik oder Gesetze tun könnten.

In Deutschland erleben wir einen großen Trend zu Produkten aus lokalem, biologischem Anbau, die Wahrnehmung der Menschen hat sich sehr verändert. Wie würden Sie die Situation in den USA beschreiben?

Die Gemeinschaft, die auf lokale und saisonale Ernährung Wert legt, wächst sehr stark. Unsere Nahrungsmittel sind stets ausverkauft - das ist der größte Indikator für unseren Erfolg. Wir verkaufen alles, nichts landet im Müll. Ich denke, dass in den USA, aber auch in vielen anderen Ländern ein großes Verständnis für die biologischen und ökologischen Auswirkungen besteht, die Farmen auf die Umwelt haben. Selbst oder gerade unter den jungen Leuten. Außerdem schmeckt nachhaltiges Essen einfach besser und ist am nährstoffreichsten. Unsere Gesellschaft versteht, dass Gesundheitsvorsorge eine präventive Entscheidung ist. Qualität und Nährstoffgehalt des Essens spielen dabei eine zentrale Rolle. Die Menschen treffen mit ihrem Geld die Wahl, und sie wissen um den Wert gesunder Ernährung. Ziel ist, durch gute Lebensmittel eine gesunde Darmflora im menschlichen Körper herzustellen.

In Kalifornien können Sie die Auswirkungen des Klimawandels spüren. Fühlen Sie sich manchmal hilflos, weil Sie Ihr kleines Paradies nicht davor schützen können?

Absolut. Nur weil unsere Absichten selbstlos sind, heißt das noch lange nicht, dass wir vor der Vergänglichkeit des Lebens geschützt sind. Unsere Farm hat ja keinen Freibrief, der uns vor Auslöschung durch Naturgewalten schützt. Ich denke aber nicht, dass eine immanente Gefahr für uns besteht - wir sind da wie jede andere Farm. Aber zum jetzigen Zeitpunkt ist es reine Glückssache, wo ein Feuer anfängt und wo die Winde es hintreiben. Zwei der größten Feuer, die es in Kalifornien je gegeben hat, sind nur ein paar Meilen von unserer Farm entfernt ausgebrochen.

Haben die letzten Jahre Sie zu einer demütigen Person gemacht?

Ich glaube, mir wurde oft genug in den Hintern getreten. Dadurch habe ich verstanden, dass der einzige Weg, um die Angst, Sorge, Frustration und Beschämung durchzustehen, in einer respektvollen Demut besteht. Es ist seltsam: Wenn man in die Landwirtschaft einsteigt, fragt man sich, ab wann es in Ordnung ist, sich selbst als Farmer zu bezeichnen. Ich dachte, dass ich die Antwort auf diese Frage eines Tages finden würde. Tatsächlich habe ich festgestellt, dass es in Ordnung ist, die Antwort nicht zu kennen. Ich habe jene Methoden der Landwirtschaft angewandt, die einen erneuerbar und ökologisch denkenden Farmer zu einem Farmer machen: Beobachtung, Kreativität, Demut. Und das an jedem einzelnen Tag. Es ist befreiend zu wissen, dass man nicht alle Antworten hat. Was man beibehalten muss, sind eine hoffnungsvolle, optimistische Sichtweise und Geduld. Man muss tief in die Natur schauen und die Zeit abwarten, die es braucht, um Antworten zu finden. Und man muss mit der Peinlichkeit des Versagens klarkommen.

Der Wolf kommt zurück nach Deutschland, und hiesige Bauern erleiden Verluste, wenn etwa ihre Schafe gerissen werden. Jagen dürfen sie die Räuber nicht. Haben Sie Tipps?

Ich halte es nicht für angemessen, anderen Farmern zu sagen, wie sie zu arbeiten haben. Ich kann nur über meine eigenen Erfahrungen sprechen. Ich musste erst verstehen, was der hiesige Kojote zum Ökosystem beiträgt, um ihn schätzen zu lernen und mit ihm zu arbeiten, anstatt ihn kontrollieren zu wollen. Ich weiß nicht, welche Rolle der Wolf in Ihrer Region spielt, aber er existiert aus einem bestimmten Grund - und ich könnte mir vorstellen, dass dieser Grund übersehen wird. Das ist alles eine Frage der Weltsicht, die man gewählt hat. Wenn man sich nicht für einen breiteren Horizont entscheidet, wird es schwierig, Komplexität und Konsequenzen von Entscheidungen anzuerkennen.

Was erwartet Freiwillige auf Ihrer Farm?

Sie arbeiten sechs Tage in der Woche von 6.30 bis 16 Uhr. Alle Mahlzeiten stammen von unserer Farm. Sie leben auf der Farm und werden für drei Monate verpflichtet. Viele unserer Vollzeitangestellten entstammen dem Freiwilligenprogramm. Wir haben auch ein Lehrlingsprogramm: Nach drei Monaten können Freiwillige in die Ausbildung übernommen werden. Das ist eine bezahlte Vollzeit- und Ausbildungsstelle. Es ist unglaublich, wir hatten hier schon Leute von überall her auf der Welt, auch aus Deutschland. Tatsächlich waren die zwei Deutschen auch zwei der Besten, um ehrlich zu sein. Ihr seid einfach unglaublich effizient. Es gibt so viele junge Leute mit dem richtigen Maß an Hoffnung und Idealismus. Sie haben aber auch ein umfangreiches Wissen, was das Innenleben von Ökosystemen angeht. In ihrem Alter hatte ich das noch nicht.

Wenn Sie zurückblicken: War es verrückt, sich in dieses Abenteuer zu stürzen? Und würden Sie es wieder tun?

Mit dem Wissen von heute würde ich es wieder tun. Wenn ich damals schon gewusst hätte, was ich alles würde durchstehen müssen, dann wäre es keine einfache Entscheidung gewesen. Ich denke, dass wir einen großen Teil unseres Lebens damit verbringen, einen Sinn und eine Bestimmung zu suchen. Es gibt diese eine Sache, die wir oft nicht wirklich verfolgen, die für mich aber die Grundlage für Zufriedenheit und Fröhlichkeit ist. Und das ist die Wiederherstellung unserer Verbindung zur Natur und das Verstehen der Abhängigkeiten, in denen wir leben. Das ist der schönste Pfad zu Sinn und Bestimmung und das am wenigsten erwartete Ergebnis unserer Erfahrung. Dieses "Zurück zur Natur" bewirkt aber auch, dass wir als Farmer uns gegenseitig emotional unterstützen. Wir finden zurück zur Natur und dabei gleichzeitig auch zu unseren Mitmenschen - und das auf eine Weise, die viel komplexer und tiefgründiger ist, als ich es je erwartet hätte.

"Unsere große kleine Farm" 

John und Molly Chester sind irgendwann auf den Hund gekommen: Sie versprachen ihrem Liebling Todd, den sie aus der Verwahrlosung gerettet hatten, ein glückliches Restleben in ihrer Gesellschaft. Als das Tier aber in ihrer Abwesenheit ständig bellt und das Paar deswegen seine Stadtwohnung gekündigt bekommt, stürzt es sich in das Abenteuer seines Lebens: Die Chesters erwerben eine Farm von 81 staubtrockenen Hektar, etwa eine Fahrstunde nördlich von Los Angeles. Sie roden und bewässern und züchten Regenwürmer in Größenordnungen. Tatsächlich wird der Boden urbar und zur neuen Heimat für Tiere und Nutzpflanzen. Doch immer, wenn ein Problem gelöst ist, tut sich ein neues auf: Kojoten töten die Hühner, Vögel und Schädlinge verschlingen 70 Prozent der Früchte, es herrscht große Dürre, oder ein Heer von Nacktschnecken breitet sich aus. Trotz der Unterstützung eines Farmers und vieler freiwilliger Helfer steht der Fortbestand der Farm permanent auf der Kippe.

Aber die Chesters lernen, die Natur zu beobachten. Sie setzen nicht auf chemische Keule oder Abschuss, sondern auf Biodiversität und Selbstregulierung. Schließlich, nach sieben harten Jahren, stellt sich der dauerhafte Erfolg ein. Aber dann naht eines der größten Feuer, die die Region je heimgesucht haben.

Farmer und Regisseur John Chester kam am 3. August 1971 in Baltimore (Maryland) zur Welt. Seit mehr als 25 Jahren dreht der Amerikaner Dokumentarfilme, von denen viele mehrfach ausgezeichnet wurden, unter anderem "Rock Prophecies" über den legendären Rock-Fotografen Robert Knight. 2010 gründete er mit seiner Frau die biodynamische und nachhaltig geführte "Apricot Lane Farm", die man heute besuchen und auf der man als Freiwilliger arbeiten kann. Sie steht im Mittelpunkt von John Chesters Dokumentation "Unsere große kleine Farm", die gestern in deutschen Kinos angelaufen ist. (aws)

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