Mike Rutherford: "Mein Glas ist immer voll"

Der frühere Genesis-Hauptsongschreiber über späte Karriereambitionen, den Brexit und ein mögliches Comeback von Genesis

Mike Rutherford hat mit Genesis über 150 Millionen Platten verkauft. Mit seiner Zweitband Mike + The Mechanics konnte der britische Gitarrist, Bassist und Songschreiber ("Land Of Confusion") in den vergangenen 34 Jahren weitere zehn Millionen Tonträger absetzen. Deren aktueller Longplayer heißt "Out Of The Blue" und enthält neben neuen Songs auch alte Hits in zeitgemäßen Arrangements. Olaf Neumann sprach mit Mike Rutherford.

Freie Presse: Mr. Rutherford, ist "Out Of The Blue" - wie der Titel besagt - wirklich zufällig entstanden?

Mike Rutherford: Nun, alle Songs kommen irgendwie unerwartet zu einem. Ich arbeite immer mit Beats, Loops und Bass-Pedal. Wenn ich dann einen bestimmten Sound oder eine Atmosphäre gefunden habe, schreibe ich dazu eine Melodie und einen Beat. "What Would You Do" zum Beispiel hatten wir ursprünglich für unser letztes Album geschrieben, aber nicht fertiggestellt. Irgendetwas stimmte daran nicht. Jetzt haben wir den Titel umgeschrieben - und ich finde, er klingt perfekt.

Möchten Sie Ihre Fans überraschen?

Ich glaube, das dürfte schwierig werden. Ich gebe mir selbstverständlich immer die größte Mühe beim Songschreiben, aber ich bin, wer ich bin. Ich werde jetzt nicht versuchen, mich komplett neu zu erfinden. Ich habe eigentlich nur ein Ziel: Ich möchte genau die Musik machen, die in mir schlummert. Würde ich das machen, was andere hören wollen, hätte ich als Künstler verloren. Aber wenn das Ergebnis anderen gefällt, macht mein Beruf mehr Spaß.

Mike + the Mechanics existieren inzwischen seit 34 Jahren. Welche Stellenwert hat diese Band für Sie?

Schauen Sie sich einmal die anderen Leute von Genesis an: Peter Gabriel hat eine Solokarriere, auch Phil Collins. Und ich habe damals Mike + The Mechanics gegründet. Für mich ist das eine ganz besondere Band, weil sie zwei Sänger hat. Andrew und Tim sind so vielseitig, weil sie neben Mike + the Mechanics eigene Karrieren verfolgen. Tim singt gerade die Hauptrolle in "Phantom der Oper" im Londoner Westend und Andrew hat bereits zehn Soloalben veröffentlicht. Und unser Schlagzeuger Gary Wallis hat mit Pink Floyd, Tom Jones und Rod Stewart gearbeitet. Es ist schön, mit solch fantastischen Leuten Musik zu machen.

Anfangs sind Mike + The Mechanics nicht sehr oft aufgetreten. Warum ist das mit der aktuellen Besetzung anders?

Nun, damals hatte ich einfach viel weniger Zeit für solche Dinge. Ich nahm abwechselnd Platten mit Genesis und mit Mike + The Mechanics auf. Wenn du in zwei Bands spielst, hast du immer das Gefühl, die Zeit rennt dir davon. Und nun arbeite ich ausschließlich mit Andrew und Tim, die beide ausgesprochene Live-Performer sind. Konzerte sind heute viel wichtiger als damals. Wir spielen unfassbar oft, weil es uns einfach Spaß macht. Mit Andrew und Tim auf einer Bühne bin ich immer sehr relaxt. Dieses Jahr werden wir auch wieder mit Phil Collins auf Tour sein.

War das Phil Collins' Wunsch?

Nein, es war die Idee unseres Managers. Er managt auch Phil. Ich glaube, Phils Fans werden uns mögen. Wir haben es vorletztes Jahr auch schon ein paar Mal getan. Ich muss sagen, es macht wirklich Spaß.

Dieses Jahr steht das 50. Jubiläum von Genesis an. Sind irgendwelche Aktivitäten mit der Band geplant?

Nein, nicht wirklich. Wir machen jetzt erst einmal diese Tour und dann sehen wir weiter.

Aber es würde Spaß machen, mit Genesis zu spielen?

Definitiv! Im Moment sind zwar keine konkreten Aktivitäten mit Genesis geplant, aber wir sind alle in guter Verfassung. Man soll niemals nie sagen!

Können Sie nachvollziehen, dass Phil Collins aus dem Ruhestand zurückgekehrt ist?

Sogar sehr gut. Wenn man mal seinen Zeitplan in den 80er- und 90er-Jahren mit seinen heutigen Aktivitäten vergleicht, dann ist er jetzt viel glücklicher als damals.

Wird man mit den Jahren entspannter, was die eigene Karriere angeht?

Ich weiß es nicht. Ich liebe es nach wie vor, Songs zu schreiben und mich musikalisch in verschiedenen Richtungen zu bewegen. Ich werde nächstes Jahr 70, aber ich habe noch Träume. Als Musiker brauche ich die direkte Reaktion des Publikums. Ich mag es auch, wenn meine Songs im Radio gespielt werden.

Kürzlich spielten Sie eine Studiosession mit Christopher von Deylen alias Schiller. Wie war das?

Schiller hat Aufnahmen in unserem Studio in England gemacht, zusammen mit unserem Drummer Gary Wallis. Die beiden kennen sich schon sehr lange. Gary rief mich an und meinte, ich solle doch mal zum Probehören vorbeikommen. Ich habe dann meine Gitarre genommen und für Schiller was eingespielt. Ein sehr sympathischer Mann übrigens!

Kennen Sie noch andere deutsche Künstler?

Herbert Grönemeyer. Unser Toningenieur arbeitet auch für ihn. Ich habe auch von Udo Lindenberg gehört. Und wie heißt noch mal die berühmteste deutsche Rockband in meinem Alter?

Die Scorpions!

Yeah! Ich bin ihnen ein paar Mal begegnet. Das sind nette Leute.

Sie haben ein Buch über sich und Ihren Vater Captain Rutherford geschrieben. Es heißt "The Living Years: The First Genesis Memoir".

Es ist keine klassische Bandbiografie, sondern eine Erinnerung an meinen Dad. Er wurde 1906 geboren und hat zwei Weltkriege miterlebt. Aber er konnte nicht darüber sprechen. Seine ganze Generation war dazu nicht fähig. Mein Vater war immer sehr höflich und irgendwie auch weise, aber er war einfach unfähig zu kommunizieren.

Würden wir jetzt miteinander sprechen, wenn Ihr Vater Sie nicht unterstützt hätte?

Wahrscheinlich schon. Ich wollte schon als junger Mann beweisen, dass ich in meinem Metier gut bin. Meine Eltern hatten anfangs überhaupt keine Vorstellung davon, was ich da so treibe. Ich gründete eine Band und spielte Popmusik. Alles, was ich tat, wirkte auf sie sehr befremdlich und erschien ihnen als nichts Gutes: etwa lange Haare und Drogen! Aber mein Vater merkte schnell, dass ich und meine Freunde besessen waren von Musik. Deshalb hat er uns immer ermutigt, weiterzumachen. Das war unser Glück. Wenn man Kinder hat und sieht, welche Leidenschaften sie entwickeln, dann kann man als Vater nicht Nein sagen.

Wie haben Sie Ihre eigenen Kinder erzogen?

Ich habe ein viel engeres Verhältnis zu ihnen als mein Vater zu mir. Als meine Kids noch zur Schule gingen, habe ich sie in den Ferien immer mit auf Tour genommen. Aber heute machen sie ihr eigenes Ding.

Wie denken Sie über den Brexit?

Ich habe fürs Bleiben gestimmt. Die EU zu verlassen ist eine verrückte Idee. Die gegenwärtige Situation ist total irre. Keiner hat einen Plan. Wenn wir mit Genesis früher von Frankreich nach Deutschland wollten, mussten wir mit unserem gesamten Equipment durch den Zoll. Das war extrem aufwändig und langwierig. Ich hoffe, dass das nicht wiederkommt. Der Brexit ist einfach eine dumme Idee.

Was darf nicht fehlen, wenn Sie auf Tour sind?

Da gibt es eigentlich nichts Besonderes. Das Wichtigste sind die Menschen, für die wir spielen. Ich möchte in glückliche Gesichter blicken.

Was ist das Beste an Ihrem Job?

Dass ich mein Hobby zum Beruf machen durfte. Ich bin jetzt seit 50 Jahren Musiker! Für die einen ist das Glas halb voll, für die anderen halb leer. Mein Glas ist aber immer voll.

 

 


Mike Rutherford

Der Musiker wurde am 2. Oktober 1950 in Guildford als Michael John Cloete Crawford Rutherford geboren. Mit acht Jahren bekam er seine erste Gitarre geschenkt, mit neun spielte er in der Band The Chesters.

Im Alter von 15 Jahren gründete er mit Tony Banks und Peter Gabriel die Gruppe Genesis, die er mit seinem unorthodoxen Stil prägte. Rutherford wurde zu einem der Hauptsongwriter der Prog-Rock-Legende und schrieb die Texte für Hits wie "Land Of Confusion", "Follow You Follow Me" und "Throwing It All Away".

In den frühen 1980ern nahm er zwei Soloalben auf; 1985 gründete er das Nebenprojekt Mike + The Mechanics. Für die Single "The Living Years" wurde er 1988 mit dem prestigeträchtigen Ivor-Novello-Award ausgezeichnet. Bis heute sind neun Studioalben erschienen.

Rutherford lebt mit seiner Ehefrau Angie in der südenglischen Grafschaft Surrey. Das Paar hat drei Kinder. oln

 

 


Im Konzert

Mike + The Mechanics spielen unter anderem am 12. April im Berliner Admiralspalast und am 18. April in der Georg-Friedrich-Händel-Halle in Halle (Saale). Karten gibt es in allen "Freie Presse"-Shops in Ihrer Nähe. Das Konzert am 11. April im Kulturpalast Dresden ist ausverkauft.

www.freiepresse.de/meinticket

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