Mindestens eine warme Mahlzeit am Tag

Der gerade erschienene Briefwechsel zwischen Carlfriedrich Claus und Christa und Gerhard Wolf gibt aufschlussreiche und überraschende Einblicke in das private und künstlerische Leben. Eine Form der Kommunikation, die es so kaum noch gibt.

Chemnitz.

Es war Freundschaft auf den ersten Blick, und diese Freundschaft hielt ein Leben lang und darüber hinaus. Carlfriedrich Claus begegnete Christa und Gerhard Wolf zum ersten Mal im Mai 1971 bei dem Kunstwissenschaftler Lothar Lang. Schon wenige Tage später schrieb Claus aus seiner Annaberger Wohnung über dem Gloria-Kino an die Wolfs: "Es war für mich eine weiträumige Freude, dass wir uns sehen und sprechen konnten. Denn ich bewundere und liebe Ihre Arbeiten seit langem." Er schickte den Beiden Abzüge der Grafik "Eulenspiegel-Reflex", die in ihrer Beziehung noch eine große Rolle spielen sollte.

Wenige Tage später schrieb Christa Wolf ins Erzgebirge einen Brief, der das Werk Carlfriedrich Claus' später prägen sollte: "Ich bin ziemlich sicher, dass Sie zu jedem Blatt oder Zyklus einen Miniatur-Essay schreiben sollten ...". Ein Rat, den Claus befolgte. Von nun an wechselten die Briefpartner, aus denen bald sich duzende Freunde wurden, manchmal wöchentlich, manchmal in größeren Abständen bis 1998, dem Todesjahr des Künstlers, rund 1000 Briefe und Postkarten.

Der größte Teil dieses Austauschs ist jetzt nachzulesen in dem vom Kunstkeller Annaberg und dem Chemnitzer Verlag mit Unterstützung der Stiftung Carlfriedrich-Claus-Archiv an den Kunstsammlungen Chemnitz, der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, der Rosa-Luxemburg-Stiftung und vieler privater Spenden herausgegebenen, großformatigen Band "Nun schauen mich immer mindestens vier Augen an: Der Briefwechsel 1971 - 1998". Auf 400 Seiten, illustriert mit vielen Abbildungen, wird die Freundschaft von drei der wichtigsten Protagonisten der ost- und gesamtdeutschen Kunst und Literatur lebendig. Die drei - wobei aufseiten der Wolfs Gerhard Wolf den Hauptteil der Korrespondenz übernahm - begleiten ihr Werk, indem sie es manchmal kritisch, immer höchst interessiert kommentieren. Gerhard Wolf ist fasziniert von den "ganz neue(n) Möglichkeiten" in den Sprachblättern des Carlfriedrich Claus: die "Möglichkeit der vielseitigen Perspektiven, der mehrschichtigen Transparenz". Claus wiederum verfolgt die Arbeit der Wolfs an ihrem Eulenspiegel-Projekt, Buch und Film, an Essays und Romanen. Sie tauschen sich über andere Künstler und Autoren aus: Erich Arendt, die Clara-Mosch-Gruppe, Gerhard Altenbourg, Günter Uecker. Es geht um Veröffentlichungs- und Ausstellungsmöglichkeiten in der reglementierten Kunstszene der DDR, Förderer unkonventioneller Kunst wie Werner Schmidt, den Chef des Dresdner Kupferstichkabinetts, den Galeristen Klaus Werner. Claus schreibt vom Leben in der Provinz, wo etwa die Besuche des jungen Klaus Sobolewski bei dem Einzelgänger für Klatsch und Tratsch sorgen: "Zudem sei mein Lebenswandel nicht gerade unverdächtig: immer allein, immer zugezogene Gardinen, nie ein Fenster offen, Spaziergänge nur nachts, keine Besuche ..."

Die Wolfs wiederum machen sich Sorgen um die Gesundheit des spartanisch lebenden Eremiten. Am 27. Mai 1972 schreibt Gerhard Wolf dem Freund: "Es gilt also für den guten Carlfriedrich, sich anständig zu ernähren (Vitamine, mindestens eine anständige warme Mahlzeit am Tag, nicht zu viel Kaffee), um weiterhin für sich und andere tätig zu sein." Wenige Tage später verspricht Claus: "Liebe Christa und lieber Gerhard Wolf, herzlichst danke ich Ihnen für Ihren Brief und die 300 (Mark)! Ich denke oft an unser Zusammensein, also auch an die Mahlzeiten, die Sie so köstlich-kräftig bereiteten. Sodass mir die Fragwürdigkeit meiner monotonen Kost immer stärker bewusst wird. Ich mich wohl nun doch endlich aufraffen und mir jeden Tag eine warme Mahlzeit machen werde ... Man kann eben doch nicht nur von Kaffee, Tee, Babysan, 1 Brötchen, Brot, Äpfeln, Haferflocken leben, genauer gesagt: man kann schon, aber um den Preis einer größeren Anfälligkeit. Ich werde Ihren Rat beherzigen und hinsichtlich der Esserei etwas vernünftiger leben!"

Während Carlfriedrich Claus sich in Annaberg einer provinziellen Ignoranz ausgesetzt sah - anlässlich eines Problems mit seiner Wohnung muss er mit Behörden sprechen und schreibt, er habe "an dem nicht unfreundlichen, aber ganz von oben herab geschehenden Verhalten der Amtskommission gespürt, dass sie mich so einschätzte, wie ich in Annaberg allgemein eingeschätzt werde: als armseliger, arbeitsscheuer Kaufmannsgehilfe, als Niete, als Versager rundum: kein Geld, keine Frau, kein Diplom, nicht mal einen Bauch" -, erkennen die Wolfs die herausragende Bedeutung seines Lebens als sprachexperimentellen Selbstversuch auf dem Weg zu einer besseren Welt schon früh und fördern ihn nach Kräften - zuweilen auch finanziell.

Spannend und von prophetischer Weitsicht sind Claus' Reflexionen in der Wendezeit, als ihm bald klar wird, dass dem Ruf "Wir sind das Volk" bereits "jenes schillernde nationalistische Rausch-Moment immanent" sei, dass "mancher Redner jetzt bewusst zu aktivieren beginnt". Die Jahre nach 1990 sind geprägt von gemeinsamen Projekten - Büchern in Gerhard Wolfs Janus-Press-Verlag, Ausstellungen -, worum es auch im letzten Brief vom 17. Mai 1998 geht: "Carlfriedrich, Du wolltest doch im Mai nach Berlin kommen, wegen dem Reichstag ..." - dort werden Claus' Aurora-Blätter gezeigt.

Am 22. Mai 1998 starb Carlfriedrich Claus, erst 67-jährig. Die Trauerrede in Chemnitz hielt Gerhard Wolf. Er war sicher, " ... dass ich, dass wir, ja vieles von ihm noch gar nicht recht oder gar zu Ende gelesen haben ... Seine unaufhörliche Aufforderung, Beschwörung, Ermutigung, ... doch mit ihm in unüberschaubare, nie bisher gehörte, bislang nicht beschriebene Bereiche unseres Hier- und Daseins mit ihm aufzubrechen, vorzustoßen in das, was er Morgenröte nannte. Aurora - immerwährendes Werden im ständigen Ver- gehen."

Buchtipp Carlfriedrich Claus, Christa und Gerhard Wolf: "Nun schauen mich immer mindestens vier Augen an". Chemnitzer Verlag. 406 Seiten. 28,50 Euro.

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