Mit der Kraft des Tanzes

Das internationale Festival "Tanz Moderne Tanz" in Chemnitz ist gestern Abend zu Ende gegangen. Fünf Tage zeigten Ensembles, dass Tanz sehr überraschend sein kann. Ein Genuss - zumindest meistens.

Chemnitz.

Drei durchaus arabisch aussehende Männer tanzen. In der Fußgängerzone. In Chemnitz. Was könnte jetzt passieren? Es ist Freitag, 17 Uhr, die Fête de la Musique, das Musikfest an diesem Tag, ist bereits im Gange, viele Menschen sind unterwegs. Und was machen die, die die Männer tanzen sehen? Viele bleiben stehen, schauen zu, lächeln, zücken Kameras. Es war einer der schönsten Augenblicke des 5. Festivals "Tanz Moderne Tanz", das gestern Abend zu Ende gegangen ist.

Die drei Männer gehören zur französischen Tanzkompanie ACT 2 der Choreografin Catherine Dreyfus. In dem kurzen anmutigen wie humorvollen Stück geht es um den Tanz selbst: Drei Männer versuchen, gemeinsam eine Choreografie zu gestalten. Dass das Stück in der Fußgängerzone gezeigt wird, gehört zu Dreyfus' Konzept: Sie will Tanz unter die Leute bringen, und das muss nicht im Theater sein. In Chemnitz hat das an diesem Nachmittag perfekt funktioniert - der Tanz blockt Passanten in ihrem Fluss, sie lassen sich darauf ein und Nationalitäten spielen keine Rolle.

Dieses Stück zeigt, was das ganze Festival will: Es möchte dem Publikum zeitgenössischen, modernen Tanz nahebringen und verdeutlichen, dass der für alle gemacht ist. Und es wirbt für Toleranz: Die Tänzer kommen aus aller Welt und mit dem Tanz sprechen sie eine Sprache, auf die sich jeder einlassen kann. Sabrina Sadowska, Leiterin des fünftägigen Festivals und Direktorin des Chemnitzer Balletts, organisiert dabei Vielfältiges: Workshops, Radtouren, Open-Air-Aufführungen, Vorstellungen hinter den Kulissen auf der Probenbühne des Balletts im Opernhaus und jeden Abend auf der großen Bühne im Schauspielhaus.

Eines der vielen überzeugenden Stücke dort war "Fake N.E.W.S." der südafrikanischen Choreografin Nelisiwe Xaba am Donnerstag, getanzt von der internationalen Kompanie Cocoon Dance. Der Begriff Fake News, manipulierte Nachrichten, erzählt derzeit davon, was im politischen Machtpoker an Unwahrheiten gebrüllt wird und dass es schwer wird, richtig und falsch zu unterscheiden. Der Tanz löste sich von Politik und Gebrüll und zeigte verblüffende Illusionen: Drei Tänzer bewegen sich liegend in einem weiß umrandeten Viereck auf dem Boden, werden von einer Kamera von oben gefilmt und an die Wand projiziert. Dort sieht der Zuschauer, wie sie sich innerhalb eines weißen Rahmens mühelos bewegen: Sie schlagen Saltos, balancieren, hangeln, stehen Kopf - fesselnde Anblicke, dabei strampeln und rutschen die Tänzer "in Wahrheit" nur auf dem Fußboden herum. Auch überzeugend "Wachtraum", eine deutsch-französische Koproduktion. Das Stück hat die japanische, in Paris lebende Choreografin Kaori Ito für das Chemnitzer Ballett kreiert. Mit Mitteln der Komik und Tragik fragt es, wie Menschen mit Verlusten umgehen. Der ungewöhnlichste Moment: Als Tänzerin Isabel Dohmhardt mit komödiantischem Talent aus dem Stück heraus- und in den Zuschauerraum hineintritt und erzählt, dass sie "diesen Mist" auf der Bühne gar nicht machen will, sondern lieber bei ihrer kranken Großmutter wäre. So wird auch gefragt, was Kunst ist und ob man da alles gut finden muss. Natürlich nicht! Auch nicht beim Festival. Das Stück "Nullstelle" der Choreografin Vera Sander, das laut Beschreibung "eine interkulturelle Begegnung zweier Tänzer" sein soll, zeigt zwei Männer vom Zucken bis zum ekstatischen Tanz - aber ohne erkennbare Bedeutung und durch Wiederholungen ermüdend. Kompliziert auch die Open-Air-Aufführung an der Jakobikirche des französischen Ensembles Ex Nihilo; das Stück "Alexandria warum?" dreht sich mit einem Mix aus zerfaserten Tanzelementen, Video und Sprache um Marseille, Alexandria und Europa. Es erzeugte aber Spannung - das Publikum, das ausharrte, applaudierte begeistert.

Das tiefstrührende Stück aber war ein Eigengewächs auf der Probenbühne im Opernhaus. Emilijus Miliauskas aus Litauen vom Chemnitzer Ballett ließ seine Choreografie "The Call Of Neverland" von fünf Kollegen tanzen. Eine Peter-Pan-Geschichte, die sich im Tanzstück um Fragen der heutigen jungen Generation zum Erwachsenwerden dreht. Großer körperlicher Einsatz, grandiose Mimik, inneres Strahlen. Die Hingabe der Tänzer, insbesondere bei Molly Gardiner und ganz besonders bei Yester Mulens Garcia, war so präsent, dass sich viele Zuschauer am Ende von ihren Stühlen erhoben und tosend applaudierten.

Eine sechste Auflage des Tanzfestivals für 2020 ist in Planung.

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