Momentaufnahmen aus der Welt von gestern

Der Schriftsteller und Verleger Klaus Walther weigert sich standhaft, seine Memoiren zu schreiben. Mit Geschichten aus seinem Leben lässt er ahnen, wie interessant die sein könnten.

Chemnitz.

Der 1937 in Chemnitz geborene Klaus Walther hat in seinem Leben vieles gemacht - fast alles hatte mit Literatur zu tun. Abgebrochenes Journalistikstudium, dann Studium der Literaturwissenschaften am Literaturinstitut Leipzig, Lektor beim Mitteldeutschen Verlag, Kritiker, Verlagsgründer, Mitglied im Schriftstellerverband der DDR, später im Sächsischen Schriftstellerverband, PEN-Mitglied, Vorsitzender des Landesverbandes des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Er besitzt mit rund 25.000 Bänden wohl eine der größten Privatbibliotheken Deutschlands. Literatur ist seine Passion. Im Zuge des Sammelns, des Schreibens, des Recherchierens, des Kritisierens ist er vielen Autoren persönlich begegnet. Er hat fast die gesamte DDR-Literaturgeschichte persönlich miterlebt, war später in Sachen Literatur unterwegs von Japan bis in die USA, von Island bis Italien.

All das müsste eine wunderbare Autobiografie hergeben - doch bisher weigert sich der Zwönitzer Ehrenbürger standhaft, sie zu schreiben. Umso mehr machen die "Geschichten aus meinem Leben" unter dem Titel "Wie ich mit Carl Gustav in Kyoto ein Bier trank" Lust auf die ungeschriebenen Geschichten dieses Lebens.Der Titel des jetzt erschienenen Büchleins lässt schon ahnen, was Klaus Walther am besten kann: Anekdoten erzählen, hinter deren Fassade etwas vom Wesen der Literatur durchscheint; in den zufälligen Begegnungen des Lebens das Allge-meine und das Besondere sehen. Der Band erzählt in reichlich zwanzig Texten von Begegnungen mit dem Nobelpreisträger Halldor Laxness, mit dem späteren lettischen Staatspräsidenten Lennart Meri, dem schwedischen König Carl Gustav, mit Ernst Jünger, Erik Neutsch, mit Konstantin Paustowski und Walther Victor. Walther erzählt über seine "Freunde, die Poeten", auch über seine Stasi-Spitzel, die er mit Nachsicht behandelt. Und er erzählt davon, dass an seinem Geburtstag sogar einmal ein Mord geschah, über den er befragt wurde.

Walther geht mit den Protagonisten seiner Anekdoten kaum kritisch ins Gericht - es dominieren Freude, oft eine Freude des Entdeckens, und Verständnis, Kenntnis und Erkenntnis über die Besonderheiten des Schreibens, das Genießen von Literatur. Er kann gut erzählen und Geschichten auf den Punkt bringen - etwa die, in der sich Erik Neutsch das gesamte (und teure) Grimmsche Wörterbuch kauft - nur wegen eines Wortes, das gar nicht darin steht.

Am aufschlussreichsten aber ist ein kurzer Lebenslauf, den er an den Schluss des Bändchens stellt. Darin macht er keinen Hehl aus seiner Liebe zum Genuss - von guten, wenn möglich sehr alten Büchern, gutem Wein, gutem Essen. Es sind Erinne-rungen wie aus der Welt von gestern, die schon Stefan Zweig beschrieb. Eine Zeit, in der Menschen an die Macht des Wortes, der Literatur glaubten, sich mit Worten stritten, aber auf der Straße die Hand gaben. Eine Zeit, in der wir uns noch darin einig waren, dass es nicht okay ist, den Hitlergruß zu zeigen. Erinnerungen auch daran, wie wenig wir zum guten Leben brauchen: "Ich lebe mit meiner Familie und den Familien meiner Kinder unter einem Dach, vielleicht ist das mein größtes Lebensglück ... Ich weiß, dass die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte ... Ich lebe gern."

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