Musikfest Erzgebirge: Der Grenze zur Magie verdammt nah gekommen

Musikfest Erzgebirge setzt Glanzpunkt mit Bibers "Rosenkranz-Sonaten"

Mayumi Hirasaki - Barockgeigerin

Für Sie berichtet: Torsten Kohlschein

Es gibt stille Stars der klassischen Musikszene, die sind noch mehr als sie scheinen. Ein Beispiel ist die Barockviolinistin Mayumi Hirasaki, neben der Solistentätigkeit Konzertmeisterin im renommierten Ensemble Concerto Köln, seit 30 Jahren führender Klangkörper in Sachen historischer Aufführungspraxis. Am Dienstagabend oblag der Japanerin in der St.-Annen-Kirche im Schwarzenberger Ortsteil Grünstädtel der Hauptpart des Konzerts "Mysterien hören" im Rahmen des Musikfests Erzgebirge.

Auf dem Programm: ein Werk. Eines aber, das es in sich hat. Die Rosenkranz-Sonaten von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 - 1704) für Violine und Basso Continuo, auch Mysterien-Sonaten genannt, bestehen aus 15 Stücken mit Subtext aus dem Leben Jesu Christi, von Mariä Verkündigung über Geburt und Tod Jesu bis zur Krönung Mariä, nebst Epilog für Violine solo, befrachtet mit Zahlen- und Bildmystik. Für den Solisten eine Herausforderung. Denn ab Nummer 2 geht jeder Sonate eine Skordatur, die Umstimmung der Geige, voraus: Aus der Standard-Quintenfolge g-d-a-e wird a-e-a-e, h-fis-h-d, a-d-a-d und so weiter. In Sonate 11 zur Auferstehung Jesu (g-d-g-d) werden zudem die zwei mittleren Saiten im Wirbelkasten so vertauscht, dass zwischen Steg und Saitenhalter ein Kreuz sichtbar wird - und je zwei Saiten im Oktavabstand nebeneinander liegen. Bei keinem Stück also klingt die Geige gleich. Mehrstimmigkeiten werden spielbar, die sonst unmöglich oder kaum zu greifen wären. Bei Nr. 11 zum Beispiel Oktavparallelen. Die logistische Frage löste die Solistin, indem sie zu den drei Teilen des Programms je fünf respektive sechs vorgestimmte Geigen vorhielt.

Mit Christine Schornsheim an Cembalo und Truhenorgel sowie Michael Freimuth an Theorbe und Laute gelang es Mayumi Hirasaki, dem knapp 200-köpfigen, kreisrund um die Musiker in der Mitte des Kirchenschiffs angeordneten Publikum über zweieinhalb Stunden frühbarocke Musik darzubieten, die an Spannung, Empfindungstiefe und Abwechslungsreichtum keine Wünsche offen ließ. Ob man den religiösen Kontext nun mitdachte oder einfach das Klang-Universum in sich aufnahm. Das besteht aus meditativen, taktfreien Passagen, Notenkaskaden, denen der Zuhörer Mühe hat zu folgen, kantablen Sätzen, Variationen, die Gehörtes umdeuten, zerlegen, neu gruppieren. Dabei entfaltet sich ein enzyklopädischer Kosmos dessen, was zur Entstehungszeit des Zyklus in den 1680ern auf der Geige technisch möglich war. Traumwandlerisch in perfektem Zusammenspiel umgesetzt, der Grenze zur Magie verdammt nah.

Eigentlich fast zu viel für einen Abend. Zu viel musikalische Schönheit, um sie in all ihren Details zu erkennen und angemessen zu würdigen. Zumal ein Großteil des nach brutto dreieinviertel Stunden einhellig begeistert applaudierenden Publikums die Sonaten erstmals gehört haben dürfte. Man darf aber annehmen: Das letzte Mal wird es für sehr viele nicht gewesen sein.

Eine Aufzeichnung des Konzerts in Grünstädtel sendet der Deutschlandfunk im kommenden Jahr. Der Termin ist noch offen.

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