Musikschulen im Lockdown: Unterricht am Laptop

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Seit vier Monaten ist an den Musikschulen in der Region coronabedingt Stille eingezogen. Wenn, dann findet Unterricht nur noch online statt. Und die Pandemie hat auch bei den Organisatoren des Wettbewerbs "Jugend musiziert" im Freistaat ein Umdenken erforderlich gemacht.

Chemnitz.

Etwa jeder dritte Schüler der in der Region aktiven Musikschulen in kommunaler Trägerschaft nimmt unter den Bedingungen des Lockdown gegenwärtig keinen Unterricht wahr. Das hat eine Umfrage der "Freien Presse" unter den Einrichtungen ergeben. Die positive Kehrseite der Medaille: Zwischen 60 und 70 Prozent der Schüler halten den Kontakt zu ihren Lehrkräften entweder per Skype sowie durch andere audiovisuelle Online-Kommunikationsplattformen oder per Telefon und lassen sich auf diesem Weg in ihrem Gesang oder Instrumentalspiel unterweisen.

Online - das wiederum muss nicht unbedingt in Echtzeit bedeuten: "Manche Lehrer bieten wöchentlich Videos für ihre Schüler an. Viele Schüler schicken zur Auswertung Videos von ihrem eigenen Spiel zurück an die PädagogInnen", teilt Nancy Gibson, Leiterin der Städtischen Musikschule Chemnitz, auf Anfrage mit. Beide technische Vermittlungsformen würden auch für Kinder in der musikalischen Früherziehung angeboten. In begrenztem Umfang finde auf diesem Weg auch Chor- und Tanzunterricht statt. Per Mitmachvideos für die musikalische Früherziehung arbeitet etwa auch das Robert-Schumann-Konservatorium in Zwickau (RSK), wie Direktor Daniel Kaiser mitteilt.

Da allerdings enden die Möglichkeiten des Internets. So ist reguläre Ensemblearbeit unter den gegenwärtigen Bedingungen nirgends möglich - oder nur vorbereitend, wie Margot Berthold, Leiterin der Musikschule Mittelsachsen sagt: "Ensembles bekommen von ihren Lehrkräften Noten und Arbeitsmaterialien zugesandt, und dann wird im Einzelunterricht am jeweiligen Part gearbeitet. Dann wird das Puzzle zusammengesetzt werden - wenn das denn mal wieder geht."

In großen Teilen ungebrochen bleibt unterdessen offenbar das Bestreben unter den fortgeschrittenen Musikschülern, ihre erworbenen Fähigkeiten mit denen ihrer Altersgenossen zu messen. So sind laut Torsten Tannenberg, Geschäftsführer des Sächsischen Musikrats, nur ein Fünftel der Solisten und Ensembles abgesprungen, nachdem der Wettbewerb "Jugend musiziert" für dieses Jahr nach der Meldefrist noch modifiziert wurde. Aus dem zunächst geplanten Präsenz-Regionalausscheid hatten die Organisatoren um die Jahreswende einen Sachsen-Ausscheid online auf Basis von bis 10. März einzureichenden Videos gemacht. Bei denen soll Smartphone-Qualität ausreichen, um die Latte nicht unnötig hoch zu legen. Bis zum Anmeldeschluss am Sonntag hätten 620 von zuvor 768 gemeldeten Einzelpersonen und Gruppen ihre Teilnahme bekräftigt.

Und das, obwohl, so Tannenberg, "die Bedingungen richtig mies" seien. Es gebe Ensembles, die seit Monaten nicht mehr hätten zusammen spielen können. Auch Solisten, etwa für die dieses Jahr zum Programm gehörende Kategorie Solostreicher und Klavier, müssten seit geraumer Zeit ohne direkte Interaktion mit ihrem Korrepetitor auskommen. Alternativen, so Jörg Leitz, Fachdirektor am Vogtlandkonservatorium, suche man in seinem Haus zum Beispiel in Form von Aufnahmen, die durch die Lehrer eingespielt wurden und als Halbplayback verwendet werden können. "Selbstverständlich haben diese Alternativen ab einem gewissen Leistungsniveau ihre Grenzen", räumt Leitz ein. So lasse sich Musik, die von spontanen Tempoveränderungen und Interaktion der Ensemblemitglieder lebe, mit Playback nicht realisieren.

So prekär die Lage ist - mancher Pädagoge gewinnt dem Online-Unterricht auch Positives ab: "Unsere Schüler müssen jetzt viel selbstständiger arbeiten und theoretische Anweisungen umsetzen, ohne dass man sie regelmäßig an die Hand nimmt - was zuletzt ja schon im Präsenzunterricht nicht mehr gestattet war: Ich kann ja nicht eingreifen, kann keine Finger- und Körperhaltung korrigieren", stellt Annette Schneider fest, die am RSK Mandoline und Gitarre unterrichtet und seit Jahrzehnten viele Schülerinnen und Schüler bei "Jugend musiziert" begleitet hat. Die oft unbefriedigende Klangübertragung beim Online-Unterricht zwinge die Schüler überdies, genauer hinzuhören, ob das, was sie spielen, schon gut klingt oder optimiert werden müsste. Es sei daher auch im Online-Unterricht möglich, mit Schülern Fortschritte zu erarbeiten und nicht nur den Status Quo zu halten. So berichtet Schneider von einer achtjährigen Mandolinenschülerin im ersten Jahr, mit der sie im Präsenzunterricht nicht weiter gekommen sei als bis zum Zupfen leerer, also nicht mit der linken Hand auf dem Griffbrett gekürzter Saiten: "Das Greifen hat sie mit mir erst über Skype gelernt." Von ähnlichen Erfolgen berichteten Kollegen. Was die Hunderte zurzeit aus technischen oder sozialen Gründen abgehängten Schülerinnen und Schüler nicht vergessen macht: "Ich bin traurig über jeden, der im Moment keinen Unterricht erhalten kann", sagt die 54-Jährige. Da ist sie sicher kaum die Einzige.

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