Nachruf auf einen spät Entdeckten

Karl-Heinz Adler ist tot. Die von ihm mitentwickelten Betonformsteine waren in der DDR allgegenwärtig. Als Konkreter Künstler musste er lange auf Anerkennung warten.

Dresden.

Noch vor wenigen Jahrzehnten dürfte es kaum einen (Ost-) Deutschen gegeben haben, der noch nie ein "Werk" von Karl-Heinz Adler sah. Sein mit Friedrich Kracht in den 1960er-Jahren entwickeltes und patentiertes "Betonformsteinprogramm für die plastisch-dekorative Wandgestaltung" wurde in vielen Städten der DDR, vor allem in Neubaugebieten, zur optischen Verschönerung von Fassaden, Spielplätzen und Brunnen angewandt.

Der Erfolg dieses Baukastenprogramms aus geschwungenen, durchbrochenen, quadratischen Steinen, das die Plattenbautristesse der DDR aufhübschte und nicht zuletzt dem Künstler Adler den Lebensunterhalt sicherte, muss ihm Lust und Last zugleich gewesen sein. Denn so sehr seine Ideen für die "Kunst am Bau" gefragt waren, so sehr wurde seine freie Kunst viele Jahre lang behindert. Denn Adlers Konzept der Konkreten Kunst passte nicht in den befohlenen sozialistischen Realismus.

Geboren 1927 im vogtländischen Remtengrün, lernt Karl-Heinz Adler zunächst Musterzeichner, studiert dann an der Kunstschule in Plauen. 1944 bis 1953 ist er Student, zunächst an der Hochschule für Bildende Künste in Westberlin, danach in Dresden. Dort gehören Hans Grundig und Wilhelm Rudolph zu seinen Lehrern. Doch Adler folgt nicht deren Weg einer figürlich-gegenständlichen Kunst, sondern wendet sich bald der Erforschung der Farbe und ihrer Wirkung auf verschiedenem Material sowie reinen geometrischen Formen zu. Dabei gelingt ihm, ebenfalls schon mit Friedrich Kracht, die Entwicklung einer haltbaren Silikatkeramik, die besonders für farbige Glasuren geeignet ist. Pablo Picasso und Fernand Léger, die ebenfalls mit Keramiken arbeiten, erfahren von Adlers Entdeckungen, laden ihn 1957 nach Frankreich ein, hätten ihn sogar gern dort gehalten, wie Ingrid Mössinger, die ehemalige Generaldirektorin der Kunstsammlungen Chemnitz, in einer Laudatio für Karl-Heinz Adler erinnerte. Doch der Künstler kehrt nach Dresden zurück. Auf Anerkennung für seine über Jahrzehnte konsequent verfolgten subtilen Farbschichtungen, Form- und Raumexperimente muss er dort lange warten. Erst 1982 bekommt er eine Einzelausstellung in der von Werner Schmidt (der auch Carlfriedrich Claus förderte) geleiteten Galerie Dresden-Mitte, selbst 1987 werden seine Arbeiten für die Kunstausstellung der DDR noch wegen "mangelnder Qualität" abgelehnt. Ein Schicksal, das er mit den anderen Konkreten Künstlern der DDR, etwa Horst Bartnig, teilte.

Mit der politischen Wende sollte sich dies ändern. Eine Ausstellungsinitiative, an der unter anderen Rupprecht Geiger (Werke von ihm sind gerade im Museum Gunzenhauser zu sehen), Hermann Glöckner und eben Karl-Heinz Adler beteiligt waren, machte unter dem Motto "Position Konkret" darauf aufmerksam, dass sich im Osten wie im Westen Deutschlands auch abstrakt-konkrete Kunst entwickelt hatte. Diese und viele folgende Ausstellungen - auch in den Kunstsammlungen Chemnitz - machten Adler bekannt. Für den bolivianisch-schweizerischen Schriftsteller und Mitbegründer der Konkreten Poesie, Eugen Gomringer, war Karl-Heinz Adler einer "der Besten"; er habe "europaweit geholfen, das Bild der Konstruktiv-Konkreten Kunst durch neue Sichtweisen zu erweitern". Für Karl-Heinz Adler selbst hatte seine Kunst - so reduziert sie auf Farbe, Form und Material ist - immer auch eine gesellschaftliche Dimension: "Meine Konzepte ... greifen den Gedanken der Relativität auf. Sie sind offen für Veränderung, auch für den Zweifel." Und damit werden sie bleiben. Karl-Heinz Adler starb am Sonntag im Alter von 91 Jahren.

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