Nathan: Pathos raus, Esprit rein

Das Drama ist alt, 1779 brachte es Lessing heraus. Und die Geschichte ist noch älter, sie spielt im 12. Jahrhundert. Doch am Theater Plauen tanzt ein Manager über die Bühne, mit Kurzhaarschnitt und im Business-Anzug. Wie passt das nur zusammen?

Plauen.

Verblüffung und spannende Erwartung setzte bereits angesichts des Bühnenbilds zur Beginn der Premiere von "Nathan der Weise" am Samstag im Vogtland-Theater Plauen ein: Hatte man sich im Tag geirrt, lief jetzt eine dieser flotten neueren französischen Komödien, in der sich großstädtische Paare bis zum Austicken ihr verfehltes Leben und die Schuld der anderen an die Köpfe werfen? Das von Luisa Lange jedoch tatsächlich für Gotthold Ephraim Lessings Text entworfene Spielfeld erschien überaus modern, elegant und klar - frei von Kontaminationen durch sepiafarbene Historienplunder aus dem Theaterfundus - im tatsächlichen und übertragenem Sinne. Ein Ereignis!

Und das virtuos vorgetragene Spiel um Toleranz, Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit, das folgte, begeisterte bis zum Schluss. Pathos und aufdringliche Pädagogik blieben außen vor. Esprit und Lebensnähe triumphierten. So zeitgemäß und unterhaltsam können Lehrstücke sein, die auch für den Unterrichtsgebrauch ortansässiger Schulen auf die Bühne gelangen. Was für eine Überraschung! Das war allen Beifall wert, den es danach reichlich gab.

Die Ausstattungsleiterin des Theaters Plauen Zwickau nutzte für ihr Jerusalem den internationalen Stil heutiger Tage: Daslichtweiße Interieur erfrischte das Auge mit Designer-Mobiliar, mit der Ausstattung wie sie für schicke Büros und vornehme Wohnungen heutiger Tage angemessen wären. Ebenso erfreulich wirkten die zeitgenössischen Kostüme: Business-Anzüge, knapp geschnittene Kleider und nur sparsam verwendete Kopfbedeckung. Turban, Kappe, Kaftan, Mäntel - Fehlanzeige. Orientalisches tauchte eher assoziativ, heutig und eben gleichermaßen elegant auf.

Die Verblüffung wich nicht, als klar war, dass der Manager mit dem Kurzhaarschnitt, der zu Beginn auf der Bühne erschien, doch der reiche Jude Nathan aus Lessings Vorlage war, zurückgekehrt von einer Geschäftsreise: "Er ist es! Nathan! - Gott sei ewig Dank", Daja, eine Christin im Sekretärinnen-Outfit, gezeigt von Anja Schreiber, brachte mit den ersten Worten des Dramas Gewissheit. Es hatte alles seine Richtigkeit.

Roland May stieg mit seiner Regieführung auf virtuose Art auf den von der Optik vorgegebenen Modernisierungsschub ein: Leichtfüßig und temporeich ließ er seine Darsteller agieren. Sie polierten die im Text enthaltene Ironie und Situationskomik auf, ließen die Pointen blitzen wie das Chrom der Büromöbel. Das verwickelte Geschehen, das Lessing im 12. Jahrhundert angesiedelt hatte, sezierten sie mit sorgfältiger Sprachbehandlung und nahmen sportlich die Hürden altertümlicher Formulierungen. Ihren Figuren verliehen sie klare Konturen und plastische Charaktere - allen voran Björn-Ole Blunck als Nathan. Er gab ihn nervös, sorgen- und gefühlvoll, im Bewusstsein der Gefährdung der Existenz. Die berühmte Ringparabel offerierte er frei von Pathos, doch nicht weniger eingängig. Den Gegenspieler verkörperte Gilbert Mieroph, er zeigte einen selbstgerechten Fanatiker, den christlichen Patriarchen: "Tut nichts! der Jude wird verbrannt ..." Das ging unter die Haut und machte klar, dass es in Lessings Vorlage eben doch um nichts geringeres als Leben und Tod ging.

Ebenso spielfreudig agierten die Darsteller in den weiteren Rolle: Daniel Kochs Sultan Saladin erschien als ebenso beweglich wie intelligent. Else Hennigs Sittah, die Schwester des Sultans, wirkte geschäftstüchtig und unsentimental. Helene Aderhold präsentierte ihre Recha kindlich und doch selbstbewusst. Leonard Langes Tempelritter war ein junger Mann zwischen Vorurteil und Offenheit. Jens Hollwedels Derwisch und der von Timon Schleheck gegebene Klosterbruder wirkten als Sympathieträger außerhalb der Hierarchien.

Das alles kam derart farbenreich und spannend über die Rampe, dass selbst nach dem Happy End - auf dem Weg nach draußen - die Verblüffung nicht weichen wollte.

Das Stück

Nathan der Weise, ein reicher Jude zur Kreuzzugszeit in Jerusalem, zog ein christliches Mädchen auf. Nun ist Recha fast erwachsen. Ein junger Tempelritter rettet sie aus dem brennenden Haus ihres Stiefvaters. Der Kreuzritter, ein Gefangener des Sultans Saladin, war zuvor der Exekution nur deshalb entgangen, weil er dem Bruder des Sultans, Assad, ähnlich sah. Nach dem Disput um die wahre Religion und der berühmten Ringparabel werden überraschend verwandschaftliche Verbindungen entdeckt und alles ist gut.

Die nächsten Vorstellungen im Vogtland-Theater Plauen: 25., 18 Uhr; 26., 10.30 Uhr; 27. Februar, 19.30 Uhr; 23. März, 18 Uhr; 2., 19.30 Uhr; 8., 19.30 Uhr; 10., 15 Uhr; 19. April, 19.30 Uhr. Die Premiere im Gewandhaus Zwickau: 13. Mai, 19.30 Uhr.

Tickettelefon: 03741 28134848, 0375 274114648.

www.theater-plauen-zwickau.de

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...