Naturidyllen mit Widerhaken von der Insel Hiddensee

In Marienberg zeigt der Berliner Maler Harald Hoffmann de Vere zurzeit farbkräftige Impressionen von der Insel Hiddensee.

Marienberg/Berlin.

Es ist ein Spagat der ganz besonderer Art: In Marienberg, am Südende Ostdeutschlands, können Besucher des Kulturzentrums Baldauf-Villa zurzeit künstlerische Eindrücke von einem Ort an dessen Nordende in sich aufnehmen: "Hiddensee - Insel im Farbenmeer" lautet der Titel der dort zurzeit gezeigten Ausstellung mit rund 40Aquarellen und Mischtechniken des Berliner Künstlers Harald Hoffmann de Vere. Der hatte nach eigener Angabe im Zuge eines Arbeitsaufenthalts im Dorfhain bei Dippoldiswalde den Kontakt ins Westerzgebirge geknüpft. "Lichtpfad", "Schafe am Seglerhafen", "Am Dornbusch", "Leuchtturm in Flammen" lauten die Titel der vorwiegend in Aquarell festgehaltenen Szenerien, die bisweilen vor Farbreichtum bersten, starken Kontrasten, Flächen, die wie zufällig gesetzt wirken und gerade deshalb den Eindruck von Authentizität vermitteln.

Hiddensee ist für den 1945 Geborenen eine späte Rückkehr: Im Westen Berlins aufgewachsen, war auch für seine Familie die Ostsee das nächste offene Gewässer - bis mit dem Mauerbau das Hinterland weg war. Die deutsche Teilung hat ihn geprägt. Noch zu Zeiten, als sich dort zwei Weltsysteme gegenüberstanden, bezog er in Kreuzberg ein Atelier in einer Sackgasse am Spreekanal, da, wo sich heute auf der anderen Seite die East Side Gallery mit von internationalen Künstlern verzierten Segmenten der Berliner Mauer befindet. Patroullierende Grenzkontrollboote und andere Zeichen der Teilung waren vor seinem Atelierfenster allgegenwärtig, wie er berichtet. Berlin und die Veränderung der Stadt in den vergangenen Jahren sind denn auch eines der zentralen Themen seiner künstlerischen Arbeit. Ausgeführt zu großen Teilen in Mischtechniken mit hohem Collagenanteil als Ausdruck des steten Wandels: "Ich lebe mein ganzes Leben dort, habe miterlebt, wie die Mauer gebaut wurde, den Kalten Krieg, den Hunger während der Berliner Blockade", berichtet der Maler. Mithin erlebte er den Mauerfall und die Möglichkeit der Rückkkehr in die Erlebniswelten aus Kindheitstagen als Akt der Befreiung.

Und doch sind auch nicht alle seine Naturmotive - die Berlin-Motive sowieso nicht - eitle Idyllen. Eingeklebte Bildschnipsel, die nicht recht zu einer Szenerie unter freiem Himmel passen wollen, setzen manchen seiner Bilder ein kleines "Ja, aber" entgegen wie kleine Widerhaken. Aus der Welt der Industrie, des Kommerz' oder, wieder, der Politik. So findet sich in seinem großen Hochkantbild "Heckenrosen" ein dort wie zufällig festgeklebter oder hängengebliebener Zeitungsschnipsel, der auf einem Foto einen Bus mit DDR-Kennzeichen zeigt. Beim näheren Hinsehen sieht man: Der Bus steht vor einem geschlossenen Schlagbaum und hat zerschossene Fenster. Ein Bilddokument von einer gescheiterten Flucht am Berliner Grenzübergang Invalidenstraße am 12.Mai 1963. Und das in einem Blumenmotiv. Dergleichen kann verstören, zum Nachdenken anregen. Aber was, wenn nicht das, ist Aufgabe der Kunst?

Die Ausstellung "Hiddensee - Insel im Farbenmeer" ist noch bis zum 8. Juni montags bis freitags, 9 bis 12 und 13 bis 18 Uhr in der Baldauf-Villa in Marienberg zu sehen. Informationen zu Wochenend-Öffnungszeiten unter den Rufnummern 03735 22045 und 661783.www.hoffmann-de-vere.de

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