Theater um das Recht auf Nichtbelästigung

Unter dem Titel "Mit freundlichen Grüßen Eure Pandora": zeigt das Staatsschauspiel Dresden ein Stück weiblicher Selbstermächtigung.

Dresden.

"Ich möchte in einer Welt leben, in der ich mich nicht ständig damit beschäftigen muss, Frau zu sein." In diesem Schlusssatz gipfelt der Abend. Jeder und jede hat das Recht, ohne Einschränkung Mensch zu sein. Und nicht nur Mensch zweiter Klasse, weil sie das deformierte, andere Geschlecht ist. Zur Frau wird man gemacht, erfährt man am Staatsschauspiel Dresden in einer eindrucksvoll-mitreißenden Inszenierung. Laura Naumanns "Mit freundlichen Grüßen Eure Pandora", in der Uraufführung inszeniert von Babett Grube, ist eine revueartige Patchwork-Botschaft aus dem Reich des Mythos, die gewitzt mit Jahrtausenden Patriarchat abrechnet.

Fünf Spielerinnen performen das Potpourri von Einzelszenen und treten zugleich in Rollen auf, die historische bekannte Namen tragen wie Eva oder Salome. Ihre gemeinsame Geschichte begreift man aber erst zum Ende hin, und für den Abend ist die egal. Denn es braucht keinen roten Faden, sind doch das szenische Ineinander von Anklage und Ermutigung, Kritik an Machtverhältnissen und das Einfordern von Gerechtigkeit für sich stark genug. Das alles findet vorm ebenfalls auf der Bühne sitzenden Publikum statt, denn die Frauen erobern sich hier und jetzt den öffentlichen Raum, nachdem sie zu lang zum Kochen und Kinderhüten weggeschlossen waren.

Das Zusammenspiel von klugem Text und fünf großartigen Spielerinnen schafft dichte 90 Minuten, in denen von Liebe bis Hass, Wut- und Freudentränen alles dabei ist. Mit Verve buchstabieren die fünf die Ikonografien von Weiblichkeit zwischen Hure und Heiliger, von Popkultur bis Wissenschaft durch. Immer wieder erscheint die Frau dabei als das Andere. Sie wird vergöttert und als unberührbar tabuisiert, geschunden und geschändet, verbannt und verbrannt. Regisseurin Babett Grube schafft griffige Bilder für die Übersetzung auf die Bühne. Zu Beginn treten die Spielerinnen als Perchten, wilde Frauen in Fellen auf, die die ungezügelte weibliche Natur darstellen. Für eine Hochzeitsszene wird ein Scheiterhaufen in Stellung gebracht: an eine Spielerin angelehnte Holzlatten, während sie sich als Pfahl gen Himmel streckt. Zur Geburt hüpfen blutige Bälle und Luftballons von der Decke.

Pünktlich zur Feier von 100 Jahren Frauenwahlrecht, dem Anlass für das Auftragswerk an Laura Naumann, wird so auch dem Ignorantesten deutlich, dass in puncto Geschlechtergerechtigkeit noch einiges getan und wohl erstritten werden muss. Stärkste Momente der Produktion sind ein chorischer Nein-heißt-Nein-Vortrag und eine schier endlose Aufzählung von Belästigungserlebnissen. Die fünf blättern in einem imaginären Fotoalbum und schildern sich gegenseitig ihre Erlebnisse à la: "Da bin ich zwölf, und das Bild zeigt, wie der Sportlehrer mich beim Bockspringen berührt - aus Versehen natürlich." "Hier bin ich mit 16. Beim Tanzen berührt mich ein Fremder am Hintern. Hier bin ich 30, tanze und werde am Hintern berührt." Etcetera p. p. Minutenlang zieht sich diese Anklage hin und macht einfach zornig. Der chorische Vortrag dessen, was Frauen genau meinen, wenn sie "Nein" sagen, macht durch seine Intensität direkt betroffen. Klarer kann man das Recht auf Anerkennung und Nichtbelästigung nicht formulieren. Vieles ist zu tun, bis sich der eingangs zitierte Schlusssatz bewahrheitet. Aber über das Frauenwahlrecht wurde einst auch gelacht.

Weitere Aufführungen von "Mit freundlichen Grüßen Eure Pandora" am 26. Januar sowie am 2. und 12. Februar im Kleinen Haus 2 des Staatsschauspiels Dresden. Kartentelefon 0351 4913555.

www.staatsschauspiel-dresden.de

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