Neànder: Die roten Fäden

Die Gitarristen der Casper-Band haben eine Instrumentalband auf die Beine gestellt: Neànder ist dabei eine gut getarnte Sensation. Warum, zeig man nun live.

Chemnitz.

Eigentlich, sagt Jan Korbach, habe man bei der Bandgründung schon jemanden am Mikrofon gewollt: "Wir haben ein Demo unseres ersten Songs ,Møder' herumgeschickt, um einen Sänger oder eine Sängerin dafür zu finden. Die meisten Freunde haben dann aber gesagt, dass das Stück auch ohne Gesang bereits gut funktionieren würde", sagt der Gitarrist: "Da haben wir eine Weile nachgedacht und es dann dabei belassen."

Eine weise Entscheidung, denn mit Neànder entstand so die wohl spannendste deutsche Instrumentalband seit Long Distance Calling: Die vier Berliner Musiker nutzen den Freiraum, den der im Rock eher seltene Verzicht mit sich bringt, als wirkliche Spielwiese. Wo die allermeisten "stimmlosen" Bands nach wenigen Minuten vor allem dadurch langweilen, dass sie in herkömmlichen Songstrukturen einfach die Gesangslinien durch Solomelodien diverser Instrumente (gern: E-Gitarre!) ersetzen, hat dieses Quartett einen spannenden anderen Ansatz: Die Musik des kürzlich veröffentlichten Debüt-Albums "Neànder" ist ein schillerndes Panoptikum, mit dem die Musiker bizarr schwerelos von einer Stilistik in die nächste schweben, Brüche dabei aber gekonnt vermeiden. Von Doom bis Postrock, dann wieder Indie oder Blackmetal, dann schimmert traditioneller Hardrock durch: Die Band ist nicht zu fassen, trotzdem aber eigenwillig homogen. Die Mix-Methode sind vor allem die Gitarristen lange gewöhnt - Korbach spielt wie Michael "Michbeck" Zolkiewicz in der Liveband des Rappers Casper, dessen Songs ja ebenso aus Stildurcheinander bestehen. Dort aber hält die raue Stimme das Ganze zusammen - bei Neànder dagegen haben die Musiker eine wundersame Eigen-Tragkraft aufgetürmt: Sie verweben skizzenhafte Hommage-Splitter von Mercyful Fate über Get Well Soon bis zu Deafheaven bis in ihre überlangen Songs, die eine fantastische Klangarchitektur bilden und einen sagenhaften Sog erzeugen. So unspektakulär das Konzept in der Beschreibung wirken mag, so gewaltig ist die Wirkung. Das Debüt tönt schlicht sensationell. Zwei Tricks dabei: Nichts ist in Jam-Sessions zusammengesucht, alles an dicken roten Fäden durchkomponiert. Und: Man beherrscht die Kunst der Reduktion, verzichtet oft auf Soli und pflegt simple Leads. Korbach: "Uns kommt es auf Atmosphäre an. Ausgeklügelte Akkorde sind da meist die bessere Wahl." Das wird nun aus dem Probekeller für die Bühne zurückübersetzt: Neànder absolviert gerade die ersten Konzerte der Bandkarriere. Abgeklärte Profis im frischen Nachwuchsband-Modus? Ein Fest!

Im Konzert: Neànder tritt am Freitag im Loco-Club Dresden auf. Am Samstag ist die Band beim Mushroom-Garden-Festival im AJZ Chemnitz.

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