Netflix-Serie "Das Hausboot": Männerfreundschaft an der Flex

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Die deutsche Netflix-Serie "Das Hausboot" erzählt von einem schwimmenden Schrotthaufen, den Youtuber Fynn Kliemann und Sänger Olli Schulz zum Juwel ummodeln: Das Wrack ist Schauplatz für eine Geschichte über zwei Chaoten, die sich zusammenraufen.

Hamburg.

Olli Schulz will auch mal richtig anpacken. Also holt er an der weißen Falttür in dem vergammelten Hausboot aus - und schlägt ins Leere. Weil Fynn Kliemann die Tür wie beim SEK-Einsatz längst rausgerissen hat. Rumms. Der Blick von Olli Schulz: unbezahlbar. Fast möchte man Mitleid haben.

Diese Szene ist typisch für die vierteilige Serie "Das Hausboot", die seit voriger Woche beim Streamingdienst Netflix läuft: Zwei Chaoten, die sich vorher kaum kannten, haben sich zusammengetan, um ein altes Hausboot aufzuhübschen, das sich aber schnell als schwimmender Schrotthaufen herausstellt. "Ein Überraschungsei, gefüllt mit Scheiße", formuliert es Fynn Kliemann. Ihn hatte Olli Schulz ins Boot geholt, nachdem der im Sommer 2018 in der Bild-Zeitung las, dass das Hausboot von Gunter Gabriel verkauft werden soll. Jener verstorbene Country-Schlagersänger, dessen Namen die meisten Kliemann-Fans wohl noch nie in ihrem Leben gehört haben. Dass 100 Leute vor ihnen das Ding nicht haben wollten, feiern die beiden freudig als ihr Glück. Naiv würde es wohl besser treffen. Zuschauerinnen, die hier und da den Kopf schütteln, kann man beruhigt sagen: Es sind zwei Jungs, die ein Spielzeug gefunden haben. Lasst uns dabei zugucken.

Zwei Jahre lang bauen die beiden das Hausboot um, das sie erst entrümpeln und dann entkernen müssen, bis am Ende nichts bleibt als die Hülle. Am Ende wurde locker eine halbe Million Euro investiert und ein Rückzugsort für Bands inklusive kleinem Studio und Sonnenterrasse geschaffen - mit einem Ziel: "Gemütlich muss es sein". Heimlicher Star ist der junge Bootsbauer Max Luth, der den blauäugigen Männern erst beispringt und ihnen dann den Hintern rettet. Vor allem auf der Werft kann selbst ein Fynn Kliemann noch was lernen: Der 32-Jährige ist mit seinen schrägen Heimwerker-Videos auf Youtube unter jungen Leuten ein Star, hat inzwischen zwei richtig gute Musikalben veröffentlicht und zieht in seinem "Kliemanns-Land" irgendwo in der norddeutschen Pampa eine Art Bastion für Bastler und Selbstverwirklicher hoch. Wenn er Leute für seine Werbeagentur sucht, sagt er: "Lebenslauf ist egal, Bock haben müsst ihr." Olli Schulz, 47 Jahre, der als Musiker auf der Bühne steht und mit Jan Böhmermann im Podcast "Fest & Flauschig" wirklich unterhaltsam ist, wirkt dagegen mit seinem schütteren Haar wie der Typ aus der Schule, der mit den Coolen abhängt, um selbst cool zu sein. Gelingt ihm so gar nicht - da rettet ihn auch das "Bibi-und-Tina"-Shirt nicht. Wenigstens merkt er es selbst - und Kliemann geht, sonst nicht seine Art, höflich darüber hinweg.

Auch wenn Schauspieler Bjarne Mädel (Kumpel von Olli Schulz) und Fernsehkoch Tim Mälzer (kurzzeitig als Geldgeber im Visier) in der Doku auftauchen, hangelt diese sich eng an den beiden Hauptdarstellern entlang. Zwar ist der Jüngere so verrückt und großschnäuzig, wie man ihn kennt. Doch es ist Olli Schulz, der mal pullern muss, wenn die nächsten Eimer Sand aus dem Boot geschleppt werden müssen, und der Samstagmorgen erst auf die Baustelle kommt, wenn Kliemann und seine Helfer, eine Truppe aus Freunden und befreundeten Handwerkern (über die Bezahlung wird vor der Kamera nicht gesprochen), schon einige Quadratmeter Stahl durchgeflext haben. "Hab' schließlich familiäre Verpflichtungen, der Fynn hat ja noch keine Kinder", sagt Schulz. Die Rolle als Finanzminister übernimmt Fynn Kliemann aber auch, und geht seinem Geschäftspartner dabei ständig auf den Zeiger. Das mündet in einen großen Streit, den die Doku aber nur in der Versöhnung einfängt.

Abseits dessen ist die Serie (Regie: Regina Schlatter, Produzent: Tim Schäfer) aber filmisch extrem gut, weil nahe umgesetzt - inklusive chaotischer Instagram-Videos und pöbelnder Whatsapp-Nachrichten sowie einer derben Sprache, die Männer unter sich offenbar nicht lassen können. Dennoch ist die Doku sehenswert und witzig, ohne prollig zu sein. Wer ein Quatschfass wie Fynn Kliemann hat, der braucht keinen Sprecher aus dem Off. Auch die Musik kommt von den beiden. Am Ende des Projektes sagen sie, ihre Beziehung fühlt an wie bei einem Paar, das nach einer Woche Kennlernzeit ein Kind bekommen hat.

Die beiden trennen 15 Jahre. Und Welten. Doch: Sie probieren es miteinander und mit diesem Stahlmonster, das Geld frisst. "Ganz lange war es dumm und jetzt ist es richtig gut, dass wir das gemacht haben. Und so ist vieles im Leben", stellt Fynn Kliemann fest. Wer wissen will, wie die junge Generation tickt, warum ihnen die Vision wichtiger ist als ihre Frisur, den wird die Serie erhellen. Die anderen lernen immerhin, dass Sonnencreme auf der Haut hilft, die Farbe nach dem Streichen zu lösen, und dass am Schweißbrenner Sauerstoff und Acetylen immer in richtigen Reihenfolge abgedreht werden sollten, wenn man nicht in die Luft fliegen will.

Die Serie "Das Hausboot" mit Fynn Kliemann und Olli Schulz ist beim Streamingportal "Netflix" zu sehen.

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