Neue Ausstellung im Smac zeigt Macht und Ohnmacht am Toten Meer

Das Archäologiemuseum in Chemnitz zeigt die erste umfassende Ausstellung über 12.000 Jahre Kulturgeschichte in der Nahost-Region. Ein erhofftes politisches Signal aber blieb aus.

Chemnitz.

Das Siegesmal des moabitischen Königs Mescha ist mehr als 2800 Jahre alt, sein Text rätselhaft. Allein über die Fundgeschichte ließe sich ein Buch füllen, das sich wie ein Krimi liest: Ein deutscher Missionar entdeckte den Basaltstein 1868 östlich des Toten Meeres und wollte ihn von Beduinen kaufen. Gleiches hatte ein französischer Gelehrter vor, es kam zum Wettlauf. Der Franzose hatte das Geld schneller zusammen, doch die Beduinen zerstörten den Stein, weil sie glaubten, er berge einen Schatz. Zwei Drittel der Teile kamen nach Paris, ein Drittel nach Berlin. Heute steht das zusammengesetzte Original im Louvre, eine Kopie im Britischen Museum London - und jetzt in Chemnitz.

Die Mescha-Stele ist eines von über 350 Exponaten, die das Staatliche Museum für Archäologie Chemnitz (Smac) in einer neuen Sonderausstellung zeigt. Sie widmet sich dem Toten Meer, einer Grenzregion, die Juden, Christen und Muslimen als Heiliges Land gilt; seit Menschengedenken ein Spielball der Politik. Nun spricht Museumsdirektorin Sabine Wolfram von einer Weltpremiere: Noch niemals zuvor habe es eine Gesamtschau dieser 12.000 Jahre Kulturgeschichte gegeben.

Der Besucher erschließt sich diese Geschichte wie in einem Amphitheater, das den Charakter der Landschaft einfängt, aber auf den ersten Blick vieles verbirgt: Im Zentrum des Raumes ein Relief des Toten Meeres, an dessen Ufer bei minus 430 Meter der niedrigste Punkt der Erdoberfläche liegt. Darum ziehen sich konzentrische Kreise mit Themenpfaden von Wellness über Politik bis Religion, die von innen nach außen an Höhe zunehmen. Man kann sie auf einzelnen Zeitreisen beschreiten - oder im Querschnitt, um Facetten einer Epoche zu erfassen.

Es geht um Ressourcen wie Salz, Wasser und Asphalt. Der römische Geschichtsschreiber Plinius der Ältere beschrieb das Tote Meer wegen der aufsteigenden Erdpechklumpen als Asphaltsee; im Smac wird die älteste Handschrift seiner "Naturgeschichte" ausgestellt. Erzählt wird von der Bäderkultur, sehenswert ist ein türkisblaues, über 3500 Jahre altes Kosmetikfläschchen aus Jericho. Man kann Balsamöl riechen - von Sträuchern, um die einst Kleopatra und Herodes stritten, die vor über 1000 Jahren verschwanden und die später wieder nachgezüchtet wurden. Gezeigt werden Kopien, aber auch echte Pergamentstücke mit Tora-Texten aus den berühmten Höhlen von Qumran ebenso wie Teile eines großen Höhlen-Schatzfundes aus dem Israel-Museum in Jerusalem. Modelle veranschaulichen den Siedlungsbau, per 3D-Brille kann man sich unter anderem in das Innere eines jüdischen Tempels begeben.

Das Tote Meer liegt heute im Dreiländereck Israel, Westjordanland und Jordanien. Das Smac wollte Exponate von allen Ufern, Direktorin Wolfram reiste mit Kurator Martin Peilstöcker nach Jericho, man wollte so auch ein politisches Zeichen setzen. "Das war ein Traum, mit dem wir naiv losgegangen sind", sagt Sabine Wolfram. Die große Politik aber entschied: Die Depots bleiben zu, Funde jenseits von Israel konnten aber aus europäischen Museen beschafft werden. Am Ende war dies genau so, wie das Heilige Land nun in der Chemnitzer Schau beschrieben wird: eine Frage von "Macht und Ohnmacht".

Die Ausstellung "Leben am Toten Meer. Archäologie aus dem Heiligen Land" ist bis29. März 2020 im Archäologiemuseum Smac in Chemnitz zu sehen. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr sowie donnerstags bis 20 Uhr. www.smac.sachsen.de

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