Neuer Podcast zur Ost-Debatte: Honeckers Fürsorge und Kohls Blüten

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Wenn über die DDR und ihre Folgen gesprochen wird, geht man zwecks Erklärung häufig von einer totalitären Diktatur aus. Warum dieses Bild eher schief ist, erklärt die erste Podcast-Reihe der "Freien Presse".

Was hat sie nur gemacht aus den ostdeutschen Menschen, diese DDR? Immer wieder, wenn heutige Entwicklungen etwa in Sachsen, Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern erklärt werden, wird versucht, diese auf die "Diktatur des Proletariats" im kleineren deutschen Staat nach dem Zweiten Weltkrieg zurückzuführen. Die Blickwinkel dabei sind oft einseitig und zeigen meist die Sicht bestimmter Interessensgruppen. Selten kommen dagegen Forscher zu Wort, die sich rein wissenschaftlich mit dem komplexen und oft widersprüchlichen Innenleben des DDR-Systems befassen, das ja nicht nur eine politische Komponente hatte, sondern ebenso eine kulturelle und eine soziale.

Bereits im Frühjahr 2020 hat die "Freie Presse" dazu ein dreiteiliges Interview mit zwei Experten veröffentlicht, die sich mit aufwendigen Forschungsarbeiten der DDR gewidmet haben: Der Historiker Prof. Dr. Gerd Dietrich, Jahrgang 1945, arbeitete vor der Wende an der Akademie der Wissenschaften - nach 1989 war er der einzige Akademiker mit Ost-Laufbahn, der an der Berliner Humboldt-Universität Zeitgeschichte lehren durfte. Mit seiner dreibändigen "Kulturgeschichte der DDR" hat er ein Standardwerk der Forschung über das Land verfasst. Der Jurist und Staatsrechtler Dr. Maik Weichert ist dagegen 1977 geboren. Er hat mit einer umfangreichen Arbeit zu "Kunst und Verfassung in der DDR" promoviert und dabei viele ambivalente Verflechtungen zwischen Staat und Gesellschaft offengelegt.

Da mit der These des CDU-Politikers Marco Wanderwitz, Ostbeauftragter der Bundesregierung, zur "Diktatursozialisierung" der Ostdeutschen als Erklärung für die Wahlergebnisse der AfD die aktuelle DDR-Sicht erneut in die Schlagzeilen geriet, diskutiert die "Freie Presse" das Thema nun nochmals ausführlich in einem mehrteiligen Podcast, der viel Spannendes zum Diktatur-Charakter dieses Staates zutage fördert. So gibt es etwa laut Dietrich drei verschiedenen Phasen der DDR-Diktatur: Zuerst eine "Mobilisierungsdiktatur", eine "Erziehungsdiktatur" und eine "Fürsorgediktatur" - letzter mit dem Ziel, durch eine von Staatschef Erich Honecker proklamierte "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" die Bedürfnisse der DDR-Bevölkerung mit Konsum zu befriedigen. Vieles von der offiziellen DDR-Ideologie, so führt dazu Weichert aus, war dabei für die meisten Menschen nur reine Folklore: Der Rückzug in die private Nische sei im täglichen Leben faktisch ähnlich leicht gewesen wie im Westen.

Woher also kommt also die heutige Unzufriedenheit vieler Ostdeutscher? "Die Bürger der Bundesrepublik konnten nach dem Krieg nur für die Demokratie gewonnen werden, weil es das Wirtschaftswunder gab", sagt Dietrich. Diesen Weg hatte Helmut Kohl 1990 mit den "blühenden Landschaften" ebenfalls versprochen - dann aber so bedingt gehalten wie Honecker seine Wohlstandsvisionen: Eine doppelte Erfahrung, die sicherlich viele Bürger prägte ...

Podcast Von der Reihe "Geteilte Ansichten - Die DDR in Deutschland" ist soeben die erste Folge mit dem Titel "Wir sind die Diktatur!" erschienen. Zu finden ist sie auf allen gängigen Podcast-Portalen - und hier.

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