Noch eine Ode an die Freude

Neben zahllosen Romanen aus dem Wilden Westen hat Karl May auch Weihnachtliches geschrieben. Und sich dabei von zwei großen Kollegen inspirieren lassen.

Chemnitz.

"Weihnacht! Welch ein liebes, inhaltsreiches Wort! Ich behaupte, dass es im Sprachschatz aller Völker und aller Zeiten ein zweites Wort von ebenso tiefer wie beseligender Bedeutung weder je gegeben hat noch heute gibt."

Mit diesen Worten beginnt Karl Mays Roman "Weihnacht!" Fantasievoll verbindet er Jugenderlebnisse in Oberfranken und Böhmen mit späteren Heldentaten als Old Shatterhand an der Seite Winnetous im Wilden Westen. Das Bindeglied ist dabei das Gedicht "Weihnachtsabend", das Karl May für einen Gedichtwettbewerb als Schüler "verbrochen habe", wie er schreibt und deutet mit dieser Formulierung die wirkliche Entstehungsgeschichte des Gedichts unfreiwillig an.

Karl May verbüßte von 1865 bis 1868 eine Haftstrafe wegen Diebstahls, Betrugs und Hochstapelei in Zwickau. Dort schrieb er als "Verbrecher" sein Weihnachtsgedicht. Er berichtete später autobiografisch über diese Zeit: "Jetzt nun kam Aufseher Göhler infolge seiner Beobachtung meines seelischen Zustandes auf die Idee, mich in sein Bläserkorps aufzunehmen, um zu sehen, ob das vielleicht von guter Wirkung auf mich sei. Er fragte bei der Direktion an und bekam die Erlaubnis. Dann fragte er mich, und ich sagte ganz selbstverständlich auch nicht nein. Ich trat in die Kapelle ein. Es war gerade nur das Althorn frei. Ich hatte noch nie ein Althorn in den Händen gehabt, blies aber schon bald ganz wacker mit. Der Aufseher ... freute sich noch mehr, als er erfuhr, dass ich Kompositionslehre getrieben habe und Musikstücke arrangieren könne. Er meldete das sofort dem Katecheten, und dieser nahm mich unter die Kirchensänger auf. Nun war ich also Mitglied sowohl des Bläser- als auch des Kirchenkorps und beschäftigte mich damit, die vorhandenen Musikstücke durchzusehen und neue zu arrangieren. Die Konzerte und Kirchenaufführungen bekamen von jetzt an ein ganz anderes Gepräge."

Zu Karl Mays Gedicht "Weihnachtsabend" ist keine Melodie überliefert. Wieso hat er, der ja auch komponierte, sein Werk nicht selbst vertont? Vielleicht hat Karl May die Melodie von einem besseren Musiker übernommen: Von Ludwig van Beethoven - die Melodie zu Schillers "Ode an die Freude" aus der 9. Sinfonie. Es ist zwar nicht sicher, dass Mays Gedicht mit Beethovens Musik als Weihnachtslied gesungen wurde, aber wahrscheinlich. Aus diesem Grunde hat May das Versmaß von Schillers Werk kopiert.

Denkbar sind auch Aufführungen nach Karl Mays Haftzeit. Er wurde wegen guter Führung vorzeitig entlassen, war dann unter anderem als Chorleiter tätig und hatte sicher Bedarf an eingängigen Texten und Melodien für Laienchöre. Das Gedicht "Weihnachtsabend" erschien dem Schriftsteller allemal so wertvoll, dass er es in vielen Werken einsetzte. Streicht man die zehn Strophen, die mit dem Tod eines Gefangenen und weniger mit der Weihnachtsgeschichte zu tun haben, harmonieren Musik und Text ganz im Sinne von Ludwig van Beethoven.

Von seinen insgesamt 16 Strophen finden sich zwei im Kolportage-Roman "Waldröschen" (1882), eine erweiterte Fassung mit 17 Strophen verwendet er in "Der verlorne Sohn" (1884), vier Strophen finden sich in der Handschrift "In der Heimath" (1891/92), eine abgewandelte, gekürzte Fassung ohne Häftlingsstrophen verwendet May in "Weihnacht!" (1897). Der Sachse war großer Beethoven-Fan. So verschickte er 1898 an seinen Freund Max Welte in Dresden eine Ansichtskarte mit dem Beethoven-Denkmal in Wien. Speziell die 9. Sinfonie des großen Tonsetzers hatte es ihm angetan. Mays zweite Frau Karla berichtet über ein gemeinsames Konzerterlebnis: "Beethoven vertrug er nicht im Dilettantenkreis, da verschwand er, aber im Sinfoniekonzert zitterte er bei der Neunten wie Espenlaub, und einmal wurde er regelrecht grob zu Damen, die in der Pause nach einer Beethovensinfonie vom Weinabziehen zu sprechen wagten."

Auch Mays Vorliebe für Schiller, gerade für die Ode "An die Freude", ist gut dokumentiert. May lässt den Orient schillern und seine Westernhelden frei nach Schiller dichten - in schönstem Sächsisch: "Endlich, endlich ist er in Erfüllung gegangen, der schöne Versch aus der Freude, schöner Götterfunken: Deine Zauber binden wieder, Was der Unverschtand geteelt; Frank und Jemmy sind nun Brüder; Unsre Feindschaft ist geheelt!", heißt es im "Sohn des Bärenjägers", und in "Durchs wilde Kurdistan": "Es war nur heißer Wein, ohne alles Gewürz, den sie jetzt kosteten, aber er brachte sie dem ,Seid umschlungen, Millionen!' sehr nahe; sie tranken bereits nur noch aus einem Glase, und der Mutesselim wischte sogar seinem Agha einmal den Bart ab, als einige Tropfen der herrlichen Arznei sich in den Wald desselben verlaufen hatten."

Weihnachtsabend

von Karl May

Ich verkünde große Freude,

Die Euch widerfahren ist;

Denn geboren wurde heute

Euer Heiland Jesus Christ!

 

Jubelnd klingt es durch die Sphären,

Sonnen kündens jedem Stern,

Weihrauch duftet auf Altären

Glocken klingen nah und fern.

 

Tageshell ist's in den Räumen

Alles athmet Lust und Glück

Und an bunt behangnen Bäumen

Hängt der freudetrunkne Blick.

 

Fast ist's, als ob sich die helle

Nacht in Tag verwandeln will;

Nur da oben in der Zelle

Ist's so dunkel, ist's so still.

 

Da erbraußt im nahen Dome

Feierlich der Orgel Klang

Und im majestätschen Strome

Schwingt sich auf der Chorgesang:

 

Darum gilt auch Dir die Freude,

Die uns widerfahren ist;

Denn geboren wurde heute

Auch Dein Heiland Jesus Christ!

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