Nostalgisches Vergnügen: Die Renaissance der Autokinos

Autokinos erleben in Deutschland aufgrund des neuartigen Coronavirus einen Boom. Allein in Nordrhein-Westfalen gab es zuletzt mehr als 20 Neugründungen. Und auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen entstehen zunehmend mehr solcher Freiluftkinos.

Leipzig (dpa) - Die Corona-Krise sorgt für einen Boom der Autokinos. In Sachsen hat sich ihre Zahl mittlerweile von drei auf sieben erhöht. Zu den Standorten Leipzig, Geyer und Langenhessen sind nun auch Chemnitz, Dresden (2) und Görlitz hinzugekommen. In Sachsen-Anhalt und Thüringen gibt es Pläne für einige neue Autokinos.

In den sächsischen Autokinos finden jeweils 200 bis 300 Fahrzeuge Platz. Da das kulturelle Leben weitestgehend zum Stillstand gekommen ist, erfreut sich der Filmgenuss in der Sicherheit des Autos großer Beliebtheit: «Unsere Besucher sind sehr dankbar und glücklich, dass sie wieder etwas unternehmen können», sagt der Betreiber der Autokinos in Dresden und Görlitz, Toni Heide.

Auf bis zu vier LED-Leinwänden zeigt Heide täglich Blockbuster und Klassiker, der Ton wird per UKW an die Autoradios gesendet. Die Bühne kann aber auch anders genutzt werden: Vor kurzem gab die Band «Gestört aber GeiL» ein Doppelkonzert. Es gebe Anfragen für Gottesdienste und Live-Podcasts sowie von Komikern, sagt Heide. Die Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden sei «sehr zielorientiert und wohlwollend» verlaufen. Ein drittes Autokino wolle er in Bautzen eröffnen, weitere Standorte seien in Aussicht. «Bis wann unsere Kinos geöffnet sein werden, da sind wir sehr flexibel.»

Am Dienstag wurde ein weiteres Autokino im Dresdner Ostragehege eröffnet. Auch liegen Pläne für ein zweites Parkplatzkino in Leipzig vor. Dort gibt es bereits seit 2002 ein Autokino auf der Alten Messe.

In Sachsen-Anhalt ist das Angebot weniger groß. Dort war der Betrieb von Autokinos durch die Corona-Schutzverordnung bisher untersagt. Mit der seit Montag geltenden Verordnung ist dies nun möglich, solange entsprechende Hygienemaßnahmen eingehalten werden. In mehreren Städten gibt es nach Angaben der künftigen Betreiber bereits Pläne für Autokinos, unter anderem auf der Magdeburger Messe sowie auf dem Flugplatz Borstel nahe Stendal.

In Thüringen sind derzeit zwei Optionen für das nostalgische Kinoerlebnis vorhanden. In der vergangenen Woche öffneten die ersten Autokinos in Hohenfelden und Erfurt. Sie bieten 160 und 400 Stellplätze. Von Mittwoch bis Sonntag läuft täglich ein Film, vor allem Blockbuster und Komödien. Weitere Autokinos sind auch in Thüringen in Planung: Laut Landesmedienanstalt wurden bislang zwölf Genehmigungen erteilt.

Länger bestehende Autokinos profitieren ebenfalls vom Bedürfnis nach Unterhaltung. Laut Jörg Nicolai, Betreiber der Autokinos in Leipzig und Geyer, ist die Nachfrage sehr groß: «Unsere Veranstaltungen sind schon Tage vorher ausgebucht.» Auch das Programm wurde erweitert: Liefen im Jahr zuvor zwei unterschiedliche Filme pro Woche, sind es aktuell zwölf. Um die Sicherheitsabstände zu wahren, musste Nicolai die Anzahl der Stellplätze halbieren. Zudem ist der Verkauf von Speisen und Getränken nicht möglich, Tickets sind ausschließlich online verfügbar.

Klassische Kinos sind seit dem 16. April deutschlandweit geschlossen. Der Hauptverband Deutscher Filmtheater (HDF) warnte zuletzt vor einer Insolvenzwelle. In einer internen Umfrage gaben 58 Prozent der Kinobetreiber an, trotz staatlicher Hilfen nur noch zwei bis drei Monate durchhalten zu können. Der Branchenverband fordert weitere finanzielle Unterstützung sowie eine schnelle Wiedereröffnung.

Das Autokino ist in erster Linie ein US-amerikanisches Phänomen. Ein erstes Kino mit Autostellplätzen wurde 1915 in New Mexico eröffnet. Das erste offizielle Autokino entstand 1933 in New Jersey. In den folgenden Jahren wurde das Filmvergnügen auf den Parkplätzen immer beliebter: 1958 gab es rund 4000 Autokinos in den USA. Danach ging die Zahl kontinuierlich zurück. In Deutschland wurde das erste Autokino 1960 in Gravenbruch bei Frankfurt am Main eröffnet, das bis heute existiert. 1977 entstand das erste und einzige der DDR in Zempow in Brandenburg.

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