Nur das Geld regiert die Welt

Das neue Stück "Freund-liche Übernahme" am Chemnitzer Schauspielhaus erweist sich interaktives Spektakel.

Chemnitz.

Es ist wohl Brecht zu verdanken, dass modernes Theater etwas schafft, was 1000 Buchseiten nicht vermitteln können: Die Bühne macht abstrakte Zusammenhänge aus Politik und Gesellschaft bildhaft erlebbar. In "Freundliche Übernahme", dem neuen Stück am Chemnitzer Schauspielhaus, stehen gerade einmal vier Schauspieler auf den Brettern, die die Welt bedeuten: Nämlich einem überdimensionalen Monopoly-Spielfeld, auf dem sie gegeneinander antreten. "Wusstet ihr, dass dieses Spiel im Jahr 1904 eigentlich als radikale Kritik am Kapitalismus erdacht wurde?", fragt die Stimme aus dem Off. Legt der Brettspiel-Klassiker doch die hässliche Seite des Systems offen: Am Ende kann es nur einen Gewinner geben - und auf der anderen Seite viele verbitterte Verlierer.

Doch es gibt kein Entrinnen: Die vier Spieler sind in ihrem Monopoly-Escape-Room eingeschlossen. Los geht es also, das schnelle Geldverdienen - aus dem Theater-Ensemble treten an: Martin Esser und Patrick Wudtke als Dominik und Cornelius, Lisanne Hirzel und Andrea Zwicky spielen Trudi und Isabelle. Und es kommt, wie es kommen muss: Mit äußerste Hingabe zerfleischen sich die jungen Schauspieler im Spiel gegenseitig - vor lauter Neid und Missgunst. Und das Publikum? Die gerade einmal 60 Gäste, die in den Ostflügel des Schauspielhauses passen, spielen interaktiv mit. Zunächst als "Würfel", indem sie den Spielern Zahlen zurufen - und später auch als Ideengeber.

So kommen dem eigentlich fest gerahmten Stück einige Spontan-Elemente hinzu, bei denen die Improvisationsgabe der Künstler gefragt ist. Der US-amerikanische Regisseur Brian Bell kann mit einiger Erfahrung aus der Offtheater-Szene trumpfen. So wählte er die Monopoly-Metapher nicht nur als Sinnbild für den entfesselten Kapitalismus, sondern auch als offenen Spielraum, in dem nicht jede einzelne Zeile gescriptet ist. Das allein macht riesigen Spaß - denn die vier perfekt besetzten, jung-dynamischen Schauspieler sind mit schnellem Kopf und spritziger Verve bei der Sache.

Clever auch, dass die interaktive Sitzordnung rings um das Spiel-Quadrat das klassische Frontal-Theater kurzerhand auflöst (Bühne: Daniel Unger).

Das Publikum wird eins mit dem Spiel, und das macht Sinn, denn schließlich geht es um das Leben von uns allen: Im durchgetakteten Hamsterrad des mühevollen Geldverdienens kann sich jeder wiederfinden, während der reiche Sieger hoch oben auf dem "Sekt-Thron" seine vermeintliche Überlegenheit feiert, die er doch eigentlich den Fleißigen "da unten" zu verdanken hat. So weit, so systemkritisch: "Gut gemacht!", tönt die Off-Stimme, als die Spieler aufgeben und gegen das ausbeuterische Konzept rebellieren. Das "Höher, Schneller, Weiter" ist gescheitert - doch wie könnte es anders gehen? Was wäre, wenn Geld keine Rolle spielen würde? Wie würde deine Stadt aussehen, wenn du bestimmen könntest? Klare Antwort von Dominik:

"Chemnitz wäre autofrei, überall gäbe es Wasserkanäle und Open-Air-Konzerte." Isabelle würde sich für ethisches Fleisch und weniger Mobbing an Schulen einsetzen. So wird das Stück zur Projektionsfläche für Zukunftsideen, Systemutopien und allerhand Sozialromantik: Was wünschst du dir? Plötzlich plätschern so viele Fantasien, für die im Alltag schlicht keine Zeit bleibt. Es wird quergedacht, über Religion und Kultur sinniert, brüllend komisch herumgeflachst, heiß diskutiert und in Slow-Motion Krieg geführt. Bis die "Tabula Rasa" ganz unprätentiös klarstellt, dass es am Ende doch nur gemeinsam geht: Wertvoller kann Theater kaum sein.

Für die Macher ein voller Erfolg: Das Stück wurde im Rahmen eines besonderen Festivals entwickelt. "Aufstand der Utopien" heißt das Projekt des Chemnitzer Vereins ASA-FF, das zum Nachdenken und Mitgestalten anregen will - unter anderem mit Diskussionsrunden, Konzerten und Lesungen. So konnte das Publikum zur Premiere im Anschluss noch einem Podiumsgespräch mit internationalen Künstlern, Forschern und Aktivisten lauschen - oder auf dem Heimweg über die ganz eigenen Utopien sinnieren. Dieses Stück ist ein echter Geheimtipp: Das Festival feierte gestern zwar sein Finale, doch "Freundliche Übernahme" wird bis Januar noch sechs Mal gezeigt.

www.theater-chemnitz.de

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