Nur mit Schlägel und Eisen

Weihnachtszeit ist Bergparadenzeit. Der Schauwert für die prächtigen, farbenfrohen und musikalischen Umzüge ist hoch und lockt jedes Jahr tausende Besucher ins Erzgebirge. Dabei kann man jedoch schnell übersehen, welch schweres Schicksal diese historische Berufsgruppe zu erleiden hatte.

Chemnitz.

Morgen werden sich in Annaberg-Buchholz etwa 1100 Trachtenträger zum letzten Mal in diesem Jahr zu einer großen Bergparade versammeln. Im Dezember war Hochkonjunktur dieser erzgebirgischen Tradition, die mittlerweile zum immateriellen Kulturerbe zählt. Die Deutsche Unesco-Kommission hat sie unlängst in das entsprechende Verzeichnis aufgenommen und damit vor allem das Mitwirken bergmännischer Musikvereine gewürdigt.

Es ist ein Pfund, mit dem sich wuchern lässt - obwohl die Geschichte unrühmlich startete. Dienten die ersten "Paraden" im Mittelalter doch nur der Huldigung der Obrigkeit. Wie dem auch sei, die heimischen Tourismusportale weisen geflissentlich auf die über 15 Bergparaden und -aufzüge in der Region hin. Zigtausende Besucher sehen den Akteuren in ihren schmucken Habits beim Marschieren und Musizieren zu. Und wenn in Annaberg-Buchholz schließlich das Steigerlied, die offizielle Bergmannshymne, von Bergmännern und Besuchern aus ganz Deutschland geschmettert wird, sind Emotionen spürbar, die sich allein vom Singen der eher harmlosen Textzeilen wohl nicht erklären lassen. Es ist vielleicht eine gemeinschaftliche Erinnerung, ein kollektives Bewusstsein oder zumindest eine Ahnung von dem, was das Bergmannsleben in der ungeschminkten Realität wirklich bedeutete.
"Mit Schlägel und Eisen treibt ein Ganghäuer einen Stollen in den Berg, die Arbeit zehrt an den Kräften, denn das Gestein ist sehr hart", schilderte der Begründer der modernen Geologie, Georgius Agricola (1494-1555), mit viel Empathie für die Bergmänner deren Tätigkeit. "In einer Schicht schlägt er dreißig Meißel stumpf. Und wie langsam es vorwärts geht. An einem Tag kommt der Ganghäuer um eine Fingerkuppe voran. In einem Monat reicht der Vortrieb von der Fingerspitze bis zum Ellenbogen." Agricola war voller Bewunderung und Respekt für die Bergmänner, deren Image damals ganz offensichtlich nicht das Beste war: "Viele sind der Meinung, der Bergbau sei etwas Zufälliges und eine schmutzige Tätigkeit und überhaupt ein Geschäft, das nicht sowohl Kunst und Wissenschaft als körperliche Arbeit verlange".

Doch die Sache verhalte sich ganz anders. Der Bergmann müsse in seiner Kunst die größte Erfahrung besitzen, um den nutzbaren Berg oder Hügel zu finden. "Sodann müssen die Erzgänge, die Klüfte und die Verwerfungen des Gesteins ihm bekannt sein. Bald muss er die vielfachen und mannigfaltigen Erdarten, die Arten der Lösungen, der Edelsteine, der gewöhnlichen Steine, des Marmors, der Felsen, der Metalle und ihrer Mischungen und sodann die Art und Weise erkennen, wie jedes Werk unter der Erde zu vollbringen sei", so Agricola über die Bergmänner, die damals zumeist noch allein ihr Tagewerk verrichteten. Der Erzbergbau und auch die Steinkohleförderung im Zwickauer und Oelsnitzer Revier haben entscheidende Impulse für eine beeindruckende wirtschaftliche Entwicklung im heutigen Sachsen ergeben. Einst große Unternehmen wie die Maschinenfabrik Richard Hartmann aus Chemnitz oder die Zwickauer Maschinenfabrik verdanken ihr Entstehen vor allem dem Bergbau. "Alles kommt vom Bergbau her" ist ein einfacher, aber treffender Satz, der eben an die Wurzel jener Entfaltung geht, die Sachsen bis zum Zweiten Weltkrieg zur wohlhabendsten, innovativsten und kulturell lebendigsten Region in Deutschland gemacht hat.

Doch der Preis, den der Bergmann zahlen musste, war hoch und bitter. Und das bereits sehr früh. Paracelsus (1493-1541), ein schweizerisch-österreichischer Universalgelehrter befasste sich auch mit dem Bergbau und dessen gesundheitlichen Folgen für die Bergleute. Die auftretenden schweren Missbildungen von Knochen und Gelenken, chronische Erkrankungen der Atemwege wie die "Staublunge" oder sogar die oft tödlich verlaufende Tuberkulose und Lungenkrebs wurden bis dahin als Werk böser Berggeister gesehen. In Teilen tat dies selbst Agricola, der schrieb, dass Berggeister durch Gebete und Fasten vertrieben werden könnten. Unter "Bergsucht" wurden viele dieser Erkrankungen zusammengefasst. Paracelsus erkannte das Einatmen metallischer Dämpfe als Ursache dafür. Von schlechtem Wetter (Luft) schrieb auch Agricola. "Das Wasser, das in manchen Schächten in großen Mengen und recht kalt vorhanden ist, pflegt den Unterschenkeln zu schaden, denn die Kälte ist ein Feind der Muskeln", wusste der Sachse zu berichten. Krankheiten begleiteten die Bergmänner in ihrer Tätigkeit bis in die Neuzeit. Der Uranbergbau in Sachsen und Thüringen entwickelte sich zu einer schlimmen Katastrophe.

Fast 10.000 Menschen sind an Lungenkrebs infolge ihrer Tätigkeit im Uranbergbau der Wismut AG erkrankt. Schon 1990, nach dem Ende der DDR, waren rund 5500 Fälle von Lungenkrebserkrankungen bekannt, die meisten davon verliefen tödlich. Von 1991 bis (vermutlich) 2010 kamen noch einmal 3700 Lungenkrebserkrankungen hinzu, die als Berufskrankheit anerkannt wurden, heißt es in einer Untersuchung der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, die im April 2012 veröffentlicht wurde. Die fast 10.000 (als Berufskrankheit anerkannten) Lungenkrebserkrankungen sind offenbar durch die Radioaktivität in den Bergwerken verursacht. Hinzu kommen noch weitere Erkrankungen wie Kehlkopfkrebs und vor allem 15.000 Silikose-Erkrankungen (Staublunge). Tausende andere Krebserkrankungen wurden freilich nicht als Berufskrankheit anerkannt.

Die Krankheiten waren allerdings nicht die einzige Plage, die Bergarbeiter seit jeher zu erleiden hatten. "Bisweilen stürzen die Arbeiter von den Fahrten (Leitern) und brechen Arme, Beine und das Genick, oder sie ertrinken auch, wenn sie in den Sumpf (Grubenwasser) fallen", wies Agricola auf die vielen, damals noch ungezählten Unfallopfer des Bergbaus hin. "Außerdem stürzen Gruben ein und die durch den Zusammenbruch verschütteten Menschen gehen zugrunde". Gevatter Tod war also von Anfang an ständiger Begleiter der Bergmänner. Bei Schlagwetter-, Kohlenstaub- und Sprengstoffexplosionen, Wassereinbrüchen und Einstürzen kamen unzählige Bergmänner ums Leben.

Krankheiten und Unfälle trugen zwar zum Reichtum Sachsens bei, das Erzgebirge und ihre Menschen blieben aber oft sehr arm. Denn Reichtum an Rohstoffen macht Menschen und Regionen nicht zwangsläufig reich, wie man noch heute in einigen Ländern in Zentralafrika erkennen kann, wo Kleinschürfer unter schlimmsten Bedingungen Rohstoffe wie Zinn, Wolfram, Tantal oder Gold aus Minen für Handys und Computer holen. Im Erzgebirge herrschte oft große Not, in einzelnen Orten betrug um 1850 herum die Kindersterblichkeit um die 70 Prozent. Es wurde oft gehungert im Erzgebirge, wenn die Minen kein Erz mehr gaben oder Krieg war. Klitscher (Reibekuchen aus Kartoffeln) gelten heute als Arme-Leute-Essen in der Region - im Ersten Weltkrieg dienten jedoch nicht selten in Wasser gekochte Futterrüben als Nahrungsquelle. Nach dem Berggeschrey mussten die Menschen zur Existenzsicherung oft gleich mehreren Jobs nachkommen: Sie waren kleine Landwirte, schnitzten, verdingten sich als Schuster, vermieteten Zimmer an Sommerfrischler für das besser gestellte Bürgertum aus Freiberg oder Chemnitz.

Die Bergparaden würden zur bloßen Folklore geraten, wenn das schwere Leben und die harte Arbeit der Bergmänner in Vergessenheit gerieten. Zumindest einen Eindruck davon kann man in über 20 Besucherbergwerken im Erzgebirge gewinnen - vielleicht nach dem Besuch der Paraden.

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