Oma Ursula und das große Schweigen

Ausgerechnet ein Begräbnis gerät zum Familien-Scharmützel. Die Konflikte liegen im 2018er Chemnitzer Theaterpreis-Stück "Sieben Geister" sehr tief.

Chemnitz.

Die Konstellation kennt man aus Kino, Fernsehen und auch von der Bühne: Ein Familienmitglied stirbt, die Hinterbliebenen treffen aufeinander, und es brechen bislang verborgene Konflikte mit aller Macht hervor. Ähnlich verhält es sich in Sören Hornungs "Sieben Geister" - für das Stück, das am Freitag im Schauspielhaus-Ostflügel Chemnitz seine Uraufführung erlebte, erhielt der Autor den Chemnitzer Theaterpreis für junge Dramatik 2018.

Dem Zuschauer wird zunächst das vorgeführt, was man gemeinhin eine dysfunktionale Familie nennen darf. Frank (Christian Ruth), Ursulas Sohn, inszeniert sich als ziemlicher Kotzbrocken, für seine Schwester Elise (Ulrike Euen), die jahrelang die Mutter pflegte, hat er nur Verachtung und Spott übrig. Elise kümmerte sich nicht nur um Ursula, sondern auch noch um den dementen Onkel Wolfgang (Horst Damm) und Franks Tochter Franziska (Magda Decker), die sich mit Omas Pillen betäubt. Frank, der als Werbefilmer die Familie finanziell absichert, würdigt das Engagement der Schwester kein bisschen, denn diese habe sich genau dieses Leben ausgesucht. Woher nur diese emotionale Kälte?

Oma Ursula (Maria Schubert), die als erzählender Geist auf der Bühne zu sehen ist, scheint keine sehr angenehme Person gewesen zu sein. Warum, darüber klärt Hornung zunächst nur bruchstückhaft auf. Darunter leidet fast ein wenig das Stück: Die Konflikte, die die Protagonisten unter- und gegeneinander auf einem Bretterverschlag austragen, scheinen eher banal. Franziska zieht zum Ärger des Vaters nicht ihre Schuhe aus, und während die Mutter Kartoffeln schält und unentwegt putzend für Sauberkeit sorgt, holt sie Dreck aus den tiefen Taschen ihrer Kapuzenjacke und verteilt ihn in Form eines Hakenkreuzes. Gerade als das Geplänkel zu ermüden droht, nimmt das Stück hochdramatische Wendungen. Ursula muss nicht nur erleben, wie ihr Vater, ein SS-Mann, am Ende des Krieges von den Russen abgeholt wird, ein russischer Soldat ritzt ihr ein Hakenkreuz in den Schenkel und missbraucht sie. Frank muss sich erinnern, wie er als Kind beim Spielen mit seiner Freundin Bettina zu nahe an die DDR-Grenzanlagen gerät. Auf die Kinder wird geschossen, Bettina wird tödlich getroffen.

Regisseurin Laura Linnenbaum inszeniert gerade diese erschütternde Szene mit Wucht. Da ist es dann plötzlich gar nicht mehr wichtig zu ergründen, warum die Regisseurin die allesamt toll agierenden Schauspieler die ganze Zeit in Unterwäsche auftreten lässt. Und auch der Sinn einer angedeuteten Kartoffellawine, die über den Verschlag rollt, will sich nicht recht erschließen. Auch das Stück selbst ist nicht ganz frei von Schwächen. Frank nämlich begründet seine Stasi-Mitarbeit damit, dass er irgendwann entdeckte, ein guter Schauspieler zu sein. Das ist dann doch ein wenig zu billig.

Anerkennenswert ist freilich, dass dem noch nicht mal 30-Jährigen Autor eine alles in allem stimmige Story gelungen ist, die sich ernsthaft mit DDR-Geschichte befasst, die, so man Umfragen vertraut, gerade bei jungen Leuten in seltsam diffusem Licht aus Unwissen und/ oder Desinteresse zu versinken droht. Das ist den jungen Leuten gar nicht vorzuwerfen, zumindest dann nicht, wenn über die Dinge, die nun einmal passiert sind, der Mantel des Schweigens ausgebreitet wird. Und genau diese Übung beherrschte Oma Ursula offenbar prächtig, ohne zu ahnen, welche seelischen Verwüstungen sie damit anrichtete.

Weitere Aufführungen am 25. und 31. Mai sowie am 29. September, 20 Uhr im Schauspielhaus-Ostflügel Chemnitz. Kartentelefon 0371 4000430.

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