Ordentlich Karate bei "Avengers: Endgame"

Das "Marvel Cinematic Universe" ist die bisher erfolgreichste Filmreihe der Kinogeschichte. Mit dem Drei-Stunden-Epos "Avengers: Endgame" kommen ihre zahllosen Comic-Handlungsstränge zum guten Ende. Echt?

Chemnitz.

Wer sich einmal so richtig brachial langweilen möchte, der sollte ohne den Hauch einer Vorkenntnis in "Endgame" gehen: Dass der Film, an dem sich Fans und Kinobranche aneinander nennenswert zu bereichern hoffen, gar keine eigene Handlung hat, kann man zwar nicht sagen - die ist aber global gesehen papierdünn und kommt auch erst nach rund zwei langatmigen Stunden halbwegs in die Gänge: Normalkinogänger sind da längst im Tiefschlaf.

Für solche Besucher ist das vierte "Avengers"-Abenteuer aber auch gar nicht gemacht - sondern eben für jene Millionen, die, frei nach Kraftklub, statt "Fernsehen mit Bildung / Reportagen auf Arte" lieber "Comicbuchverfilmungen mit ordentlich Karate" schauen und dabei den ersten Reimteil schonmal ein wenig Lügen strafen: Der Erfolg der mittlerweile über 20 Kinofilme umfassenden Marvel-Comic-Großadaption des "Marvel Cinematic Universe" beruht ja nicht auf Action und Effekten, sondern auf deren geschicktem Mix mit Humor und gesellschaftlicher Relevanz: Die Stars dieses Universums sind eine wildes Super-Charaktere-Miteinander vom übermächtigen Gott bis zum linkischen Teenager, was eine beispiellos durchgeknallte wie eben auch herrlich in der Jetztwelt nachvollziehbare Sehnsuchtsmischung erzeugt. Und noch ein Trick: Marvel-Filme bringen immer gewisse philosophische Grundfragen unserer Zeit mit, wobei auch hier eine clevere Balance besteht - da ist zwar stets ein großes, zugängliches küchenpsychologisches Potenzial, es gibt aber auch viele wirklich gute Fragen für die Tiefe.

Überlappende Handlungsstränge aus Strängen wie "Captain America", "Iron Man", "Thor", "Spider-Man", "Ant-Man" oder den "Guardians Of The Galaxy" schafften daher seit 2008, als der erste "Iron Man"-Film den Auftakt des originären Marvel-Gigantismus markierte, immer wieder hervorragend mehrdimensionale Unterhaltung mit stets gewissem Anspruch. Selbst die Kunst, in Konkurrenz etwa zu "Star Wars"-Filmen die Schraube der exorbitanten Schauwerte immer ein ungesundes Stückchen weiterzudrehen, ohne sie zu überdrehen, beherrschten die Marvel-Studios in ihrem überbordenden Universum schlicht meisterlich. Im "Endgame" laufen all diese Dinge nun also zusammen: Der Streifen kann sich also gar nicht auf so etwas wie eine sinnige Handlung konzentrieren - er muss die Geschichten der zahllosen Einzelcharaktere sinnig zusammenführen, dabei viele in den Vorgängern aufgebaute Handlungspirouetten sicher landen - und nicht zuletzt den Fans noch fette Überraschungen liefern, ohne ihnen dabei einige erhoffte feste Gewissheiten kaputtzuschlagen.

Hat man diesen dicken Anforderungskatalog im Hinterkopf, kann man nur befinden: Mission auf gewohnt hohem Niveau erfüllt! "Endgame" ist tatsächlich die saubere Punktlandung, von der nicht wenige Anhänger befürchtet hatten, sie sei gar nicht möglich. Allerdings muss der Film dafür einen Preis zahlen - und auf eine eigene Originalität verzichten.

Erst einmal gilt es nämlich, das brutal überraschende Ende des Vorgängers "Avengers: Infinity War" einzufangen, bei dem der superböse Thanos per Fingerschnippen eine willkürliche Hälfte aller Bewohner des Universums zu Staub zerfallen ließ. Zwar leistet "Endgame" sich ein paar Hauruck-Aktionen - im Wesentlich geht man aber angemessen zäh und besinnlich der Frage nach, ob stetig gepredigte Durchhalteparolen nicht am Ende in eine Sackgasse führen: Könnte es sein, dass man mitunter in der Lage sein muss, auch kapitale Fehler zu akzeptieren, um mit den Folgen klarzukommen? Weil man anderenfalls alles schlimmer macht? Kurz hat man da die Hoffnung, "Endgame" könnte ein ganz großer gewagter Wurf werden und eine Alternative zur obligatorischen Finalschlacht entwickeln.

Diese kommt dann aber doch und erfreut mit bekannten Marvel-Werten: dem richtigen Action-und-Humor-Mix nämlich sowie dem Händchen für wirksamen Gigantismus. Die letzte Stunde ist wirklich blankes Holla-die-Waldfee! Eine Hauptfigur, vor der man es irgendwie erwarten musste, stirbt tatsächlich, und eine andere, bei der es keine Not getan hätte, wird dem geforderten Überraschungsmoment geopfert. Ansonsten: Frohes Massenüberleben und Zusammentreffen quasi aller Marvelcharaktere. Solch ein Gewimmel? Möcht' ich sehn! Dazu muss der Film zwangsläufig auf Zeitreise-Tricks zurückgreifen. Damit die inklusive von innigen Verwandtentreffen in der Vergangenheit auch klappen, erklärt Dr. Bruce Banner kurzerhand alle anderen Zeitreise-Streifen wie "Terminator" für Unsinn: Kann man machen.

Die Vor-Filme

Wer mitreden möchte bei "Endgame", dem großen Endgefecht im "Marvel Cinematic Universe", muss aus Vorgänger-Filmen die wesentlichen Helden samt Kräften, Schwächen und Problemen kennen. Zwar ist es natürlich hilfreich, alle 21 der von Superhelden-Comics adaptierten Blockbuster gesehen zu haben, die ja seit 2008 immerhin fast 20 Milliarden (!) Dollar in die Kasse der Marvel-Studios spülten. Wer aber schnell aufholen möchte oder muss, kann sich mit folgenden Streifen noch das nötige Grundgerüst draufschaffen:

"Avengers: Infinity War" (2018) ist der direkte Vorgänger von "Avengers: Endgame". Das dritte Abenteuer des Superhelden-Teams baut zwar seinerseits wesentlich auf "Marvel's The Avengers" (2012) und "Age Of Ultron" (2015) auf - die wesentlichsten Twists, vor allem der erste verheerende Kampf mit Endgegner Thanos, kommen jedoch aus diesem dritten Teil.

"Captain Marvel" (2019) führte mit Carol Danvers eine bis dato neue und besonders mächtige Superheldin ein: Captain Marvel ist, anders als etwa Spider-Man, dabei nicht Teil des Popkultur-Kanons und allgemein eher unbekannt - in "Endgame" wird sie jedoch für einige wesentlichste Wendungen verantwortlich sein.

"Ant-Man and The Wasp" (2018) führt, basierend auf "Ant-Man" von 2015, ebenfalls sehr wichtige Nebencharaktere aus dem Marvel-Comic- universum in die Kinoreihe ein, welche sich am Ende an einigen Punkten als recht entscheidend entpuppen: Wer sie in "Endgame" nicht erkennt, hat ziemlich die Brille auf.

"Guardians of The Galaxy 2" war 2017 der etwas krampfige Nachfolger des 2014 überraschenderweise enorm erfolgreichen kultigen "Nebenfilms" "Guardians Of The Galaxy". Hier haben aber einige der wichtigsten Handlungsstränge um Welt- vernichter Thanos ihren Anfang.

"The First Avenger: Civil War" (2016): Im Kern setzt "Endgame" natürlich alle Teile von "Iron Man" und "Captain America" voraus - warum aber das Verhältnis dieser beiden Haupthelden so angespannt ist, dürfte man sich in "Endgame" vor allem fragen. Dieser Film erklärt es!

"Thor: Tag der Entscheidung" (2017) ist wesentlich für die gesamte "Asgard"-Line des Films und daher aufbauend auf "Thor" (2011) und "The Dark Kingdom (2013) ein Muss.

"Black Panther" (2018) und "Dr. Strange" (2016) liefern schließlich einige Marvel-Nebenfiguren, die bei und vor allem nach dem großen Endkampf essenzielle Rollen spielen. (tim)

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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    2
    Blackadder
    26.04.2019

    Hier ist dem Herrn Hofmann wirklich eine ausführliche Kritik ohne jeglichen Spoiler gelungen und die Überschrift kann ich bestätigen: der Film ist wirklich Ordentlich Karate. Sehr unterhaltsam.



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