Ornament als Verbrechen

Die Band Bauhaus erfand vor 40 Jahren nicht nur den Gothic Rock: Sie übertrug auch das Prinzip schnörkellos mystischer Schönheit auf den Pop.

Wenn man von 100 Jahren Bauhaus spricht, sollte man auch die parallel zu feiernden 40 Jahre Bauhaus nicht vergessen: Die gleichnamige, von der Weimarer Schule inspirierte Band aus Northampton veröffentlichte 1979 ihre bahnbrechende Single "Bela Lugosis Dead". Die vier höchst unterschiedlichen Engländer hatten damit nicht nur den Gothic Rock erfunden - wie die Bewegung um Walter Gropius läuten auch die Brüder Haskins (Drums, Bass), Daniel Ash (Gitarre) sowie Sänger Peter Murphy eine komplett neue Ära ein. Stand die Schule in Weimar letztlich für den totalen Bruch mit dem Wilhelminischen Zeitalter, steht die Band für den Einzug einer schnörkellosen, ästhetischen Kühle in die Popkultur, der die Aura der Moderne anhaftet und die mit dem Wave der 80er-Jahre zu ungeahnter Blüte kam. Zwar wird hier keine Monarchie zu Grabe getragen - wohl aber die popkulturelle Diktatur eines Schwitzkastens aus Progressive Rock, Punkrock und Disco in der Mitte. Nicht von ungefähr kam mit Bauhaus erstmals der Begriff des Postpunks auf. Ist es doch vor allem jene von Murphy und Co. als grobschlächtig, flach und eindimensional wahrgenommene Richtung, deren Stumpfheit man Schärfe entgegensetzt, ohne den hohen Level explosiver Energie preiszugeben. Teils berstend, teils bis ins chansoneske zurückgenommen erzeugen Bauhaus eine Welle absoluter Sinnlichkeit, deren mysteriöse Düsternis überwältigt.

Besonders auf ihrer 1980 veröffentlichten Debüt-LP "In The Flat Field" huldigen sie mit jedem Ton jener monochromen Erscheinung, in der sich ebenso etliche Gegenstände der gleichnamigen Kunstrichtung bewegen. Man höre nur den Opener "Dark Entries": Der Song ist ein glühendes Fest synästhetischer Wahrnehmung. Klänge zwischen Stroboskop und Stalinorgel, strenge Muster und flackernde bis hämmernde Kontraste planieren den Weg ins Gehör des Publikums. Live unterstützen sie diesen Effekt durch perfekt abgestimmte Lichteffekte und Peter Murphys darstellerisches Charisma: Der Sänger setzt seine äußere Wirkung als eine Art mimisches Design ein und schaut sich viele Tricks bei stilbildenden Stummfilmen ab. Die Atmosphäre auf der Bühne, die er dabei erschuf, erinnerte nicht selten an Oskar Schlemmers experimentelles "Triadisches Ballett". Die Form wurde allumfassend, das Ornament getreu eines Mottos des architektonischen Moderne-Vorreiters Adolf Loos zum Verbrechen. Auch hier liegt eine Parallele zu Weimar: Ob schneidig wie ein Bajonett, sezierend wie ein Skalpell oder wabernd wie eine Lavalampe - Bauhaus steht gegen Kitsch, freie Kreativität ist der Ansatz.

Wer sich mit dem Kernkatalog der Band bis 1983 beschäftigt, erkennt unweigerlich, wie weit das Quartett bereits im Alter zwischen 20 und 25 Jahren war. Die strikte Vision, große Unterhaltung zu bieten, ohne sich künstlerisch nach unten zu orientieren, trägt gravierend dazu bei. Keines ihrer Alben weist auch nur geringste Spuren von Patina auf. Mithin gelingt ihnen sogar die Integration heftiger Saxophon-Attacken aus der Freejazz-Abteilung oder dem Reggae entnommener Dub-Elemente. Balladenfreunde hingegen werden an der galeerenhaft wogenden Moritat "The Three Shadows Part II" Freude haben. Der Song hat viel vom Geist von Jaques Brel oder Scott Walker. Mit "She's In Parties" verbuchte man sogar einen Charterfolg.

Doch all diese qualitativen Höhenflüge kommen nicht an jenem einen Stück vorbei, das ihren Namen für immer in die Musikgeschichte meißelt. Die Rede ist von "Bela Lugosi's Dead". Einerseits bilden diese zehn Minuten Urknall und ewigen Maßstab der nachfolgenden Gothic-Kultur. Gleichzeitig ragt die Bedeutung des einen Liedes weit über jegliche Szenegrenzen hinaus. Es verkörpert einen der interessantesten Tracks der 70er, um diese durch seine Andersartigkeit lässig zu beenden. Seiner Zeit weit voraus, beeinflusst der Song verschiedenste spätere Ikonen ihres Faches. Zu den Jüngern der Band zählen heute so unterschiedliche Künstler wie Massive Attack, Nine Inch Nails, Chris Cornell, Mike Patton oder Sepultura. Sogar David Bowie bekannte sich zu Einflüssen durch das Lied und bescherte Bauhaus einen Auftritt im Film "Begierde" - einem Vampirthriller, in dem neben dem Thin White Duke auch Catherine Deneuve und Susan Sarandon glänzten.

Verdient sind derlei Meriten allemal. Murphys inbrünstiges Timbre erhebt sich aus einem filigranen Geflecht nachtschattiger Percussion, Gitarren und Basstönen. Lugosi, erster und nie übertroffener Dracula-Darsteller, ließ sich willensgetreu im Kostüm jener Rolle bestatten, die ihm zeitlebens Fluch wie Segen bedeutete. Doch Bauhaus drehen den Pflock um und kredenzen statt eines Requiems eine untote Erweckungshymne. Vor des Hörers geistigem Auge erscheint das Bild des aufgebahrten Lugosi. Die Lider öffnen sich langsam, erfüllt von unirdischem Leben. Ein Lächeln auf den Lippen entblößt er lange, spitze Hauer, scharf wie Rasierklingen: "Oh Bela ... Bela's undead!"

 

Das Video zum Bauhaus-Song "She's In Parties":

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