Osmar Osten gestaltet den Zusammenprall der Spiel-Kulturen

Osmar Osten hat alte erzgebirgische Spielzeugmusterbücher wiederentdeckt und mit zwei Künstlerinnen in eine moderne Spielwiese verwandelt.

Augustusburg.

Der Chemnitzer Künstler Osmar Osten ist immer für eine Überraschung gut. Oder auch zwei. Er hat schon den Schneemann für die Kunst neu entdeckt, den Hasen, den Hirsch, Spiegeleier - und jetzt alte erzgebirgische Spielzeugmusterbücher aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Die Bücher aus dem Museum Olbernhau haben tatsächlich ihren Reiz: In liebevoll kolorierten Federzeichnungen tummeln sich akkurat ausgerichtete Reihen von Tieren, Häusern und Bürgern, Soldaten, Fahrzeugen, Indianern. Es war die erste Blüte der erzgebirgischen Spielzeugmacher, die die schönen Dinge fürs entstehende mittlere und größere Bürgertum herstellten, auf dass deren Kinder schon mal spielen konnten, wie es später im richtigen Leben zugehen würde. Immerhin ist Spielen "die höchste Form der Forschung", wie der große Albert Einstein erkannte.

Darum geht es auch in Osmar Ostens neuestem Projekt, einer Ausstellung zu einem gleichnamigen Buch unter dem Titel " Urban - sozial - normal" in der Turmgalerie Au-gustusburg, in der er gemeinsam mit der Leipziger Künstlerin und Buchgestalterin Katja Schwalenberg und der Chemnitzer Musikerin und Autorin Nina Kummer Bilder und Texte um einzelne Seiten aus den alten Spielzeugmusterbüchern gestellt hat.

Alle drei greifen sie das Thema spielerisch auf. Nina Kummer plaudert in ihren Texten mit intelligenter Naivität über die dummen Streiche der Reichen und Armen der Gegenwart: Mister und Miss Sachsen, die Straßen ihrer Heimatstadt, die so breit sind, "dass 10 Menschen nebeneinander Männerspagat machen können", das Verhältnis von Fruktariern zu Fallobst, Opas, die sich im Auto das Gebiss aus dem Mund nehmen. Katja Schwalenberg steuert lustige, manchmal grellbunte Bilder und Sprüche bei: "schaust du auch mal, was so da ist?", die auf den ersten Blick banal sind, aber damit gerade diese Banalität hinterfragen. Und Osmar Osten stellt der heilen Welt der historischen Spielzeugbilder seine bissigen Kommentare zur Gegenwart gegenüber. Oft nur einzelne Worte oder halbe Sätze wie "Neureich", "Neuarm", "Armut für Alle", "Altdoof - Neudoof".

Diese Mischung schafft reizvolle ästhetische Kontraste, zumal Osten teilweise Figuren aus dem Spielzeugarsenal wie Räuchermann und Nussknacker benutzt, denen er einen Kniefall verordnet oder ein knackiges Attribut wie die "Revolution". Das steht in krassem Widerspruch zur stoischen Betulichkeit in weihnachtlichen Fenstern, in denen sich die Figuren meist aufhalten. Was das alles mit "urban, sozial, normal" zu tun hat, erschließt sich nicht immer ganz, es sei denn, man geht von der richtigen Annahme aus, dass alles mit allem zusammenhängt. Entstanden ist so ein buntes Bilderbuch, das im Spielen schwelgt und nach dem Leben sucht, in dem die einzelnen Beiträge aber trotz abwechslungsreicher und origineller Gestaltung merkwürdig einsam und ein bisschen selbstverliebt nebeneinanderstehen, eher zum Nachdenken über den Wandel der Ästhetik und der Auffassung vom Spiel in den vergangenen 150 Jahren denn zum spielend leben anregen. Womit die Frage in einem der Bilder - "meinst du, wenn alles gesagt ist, ist alles gesagt?" - spielerisch offenbleibt.

Die Ausstellung "urban - sozial - normal" zum gleichnamigen Buch von Katja Schwalenberg, Nina Kummer und Osmar Osten ist bis 17. Mai in der Turmgalerie Augustusburg zu sehen; geöffnet täglich 9 bis 17 Uhr. Das Buch: 72 Seiten, farbig, Pappeinband, kostet 17 Euro.

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