Ost-Biografin: "Die Missachtung wirkt nach"

Germanistin Katrin Rohnstock veröffentlicht Lebensberichte "einfacher Leute" - Ein Gespräch über Wende-Fehler, Erinnerungskultur und Reichtum der besonderen Art

Katrin Rohnstock fördert Erinnerungskultur auf spezielle Art: Die Germanistin aus Thüringen gibt den sogenannten einfachen Leuten Raum, zu Wort zu kommen - sie gibt ihre Autobiografien heraus und organisiert Erzählsalons. So hilft sie, Zeitgeschichte zu bewahren. Gunnar Leue hat mit ihr gesprochen.

Freie Presse: Sie widmen sich dem Bewahren von Geschichten, die das Leben schreibt. Kann man das so sagen?

Katrin Rohnstock: Durchaus. Vermutlich hat in diesem Land niemand so viele Lebensgeschichten gehört wie ich.

Wie viele dürften es sein?

Über 1000 wohl. Wir haben als Unternehmen über 400 Einzelbiografien publiziert und einige Sammelbände mit mehreren Biografien.

Der Buchmarkt bedient die Leser vor allem mit Biografien von Promis und von Leuten, die ein außergewöhnliches Leben führen. Sie geben den sogenannten einfachen Leuten die Möglichkeit, ihre Lebensgeschichte aufzuzeichnen und in Buchform an die Nachkommen weiterzureichen.

Das ist unser Konzept: Wir wollen den Geschichten der Leute Raum geben, die nicht prominent sind, aber trotzdem ein interessantes Leben haben. Egal, ob das ein Handwerker, ein Flüchtling, eine Krankenschwester oder ein Betriebsdirektor ist. Oft wird unterschätzt, wie spannend, klug und witzig die Leute erzählen können, weil die Geschichten aus Kopf, Herz und Bauch kommen. Unternehmer erzählen zum Beispiel oft sehr lebhaft, wohl auch, weil sie viele Entscheidungen aus dem Bauch heraus fällen mussten. Mich haben am meisten die Geschichten von Menschen beeindruckt, die ihr Schicksal selbst in die Hand genommen haben. Schicksalsschläge gibt es in jedem Leben. Sie haben oft Auswirkungen über Generationen hinweg. Ich glaube, es geht jetzt erst richtig los, dass sich die Enkel für das Leben ihrer Vorfahren aus der Kriegsgeneration interessieren.

Haben Ihnen Ihre Großeltern viel über deren Leben erzählt?

Ich bin bei meiner Großmutter auf einem Dorf bei Jena aufgewachsen. Sie hat mir viel aus ihrem Leben erzählt, mehr als ihren drei Töchtern. Das ist oft so, weil ältere Menschen gern erzählen und Enkel quasi ein unbeschriebenes Blatt sind. Das ist eine traditionelle Konstellation, die aber heutzutage häufig entfällt, weil Familienmitglieder verschiedener Generationen nicht mehr zusammenleben und wenig unmittelbarer Kontakt besteht. Umso wichtiger ist es, die Lebensgeschichte der Familienmitglieder aufzuschreiben.

Würden Sie jedem älteren Menschen empfehlen, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben, um sie den Kindern und Enkeln weiterzugeben?

Unbedingt, denn das Erlebte wird weitergetragen, egal, ob es erzählt wird oder sich nur im familiären Verhalten ausdrückt. Wenn die Enkel die Geschichte ihrer Vorfahren kennen, die ja oft mit Kriegserlebnissen verbunden sind, können sie sich ihr eigenes Erleben - bis hin zu Depressionen, Ängsten oder Krankheiten - besser erklären. Doch auch für ältere Menschen ist es gut, ihr Leben Revue passieren zu lassen. Im Rückblick kann man Erlebnisse besser deuten. Erst mit Abstand werden Zusammenhänge klar. Daher rührt der Spruch: Leben kann man nur vorwärts, verstehen nur rückwärts. Ich begreife Lebenserfahrung als Reichtum, den man für die Nachfahren festhalten soll. Die Autobiografie ist eine gute Form dafür. Aber auch Tagebücher und Briefe werden mehr und mehr als Zeugnisse der Vorfahren geschätzt.

Inwiefern spielt da auch unsere extrem beschleunigte Digitalwelt eine Rolle?

Man sagt ja: Jeder Trend gebiert einen Gegentrend. Die Muße, lange komplexe Geschichten aufzunehmen, wächst in allen Generationen. Das merken wir daran, dass die Leute gezielt nach unserem Angebot suchen.

Leute von überallher?

Ja, die Anfragen kommen gleichermaßen aus Ost und West. Letztlich geben aber mehr Westdeutsche den Auftrag für ihre Autobiografie. Das Anhören, Aufschreiben, Aussuchen und Einfügen der Fotos und die Textgestaltung sind aufwendig. Es kann bis zu zwei Jahren dauern. Dadurch wird es leider auch teuer. So ein exklusives Buch, das nur 10- bis 50-mal gedruckt wird, kostet mehrere tausend Euro, weshalb es sich viele Ostdeutsche nicht leisten können. Das hat mich innerlich oft umgetrieben.

So spiegelt sich quasi auch die jüngere deutsche Ost-West-Geschichte.

Sicher. Um den Erfahrungen der Ostdeutschen eine Plattform zu geben, haben wir deshalb vor vielen Jahren das Veranstaltungsformat "Erzählsalon" entwickelt: Im Erzählsalon geben wir unterschiedlichen Menschen einen Raum, zu Wort zu kommen. Wir hatten Ost-West-Erzählsalons, Wirtschafts-Erzählsalons, Erzählsalons mit alten und jungen Menschen und mit Unternehmern. Seit 2012 veranstalten wir Erzählsalons mit früheren Generaldirektoren von DDR-Kombinaten. In Sachsen haben wir innerhalb der von der Bundeszentrale für politische Bildung unterstützen Veranstaltungsreihe "Wirtschaft erzählt" Erzählsalons zur Musikinstrumentenproduktion in Markneukirchen, zur Spielzeugproduktion in Olbernhau und zur Textilindustrie in der Villa Esche in Chemnitz veranstaltet. Dorthin haben wir Vertreter von Betrieben mit verschiedenen Eigentumsformen eingeladen. Im Erzgebirge ist ein Know-how konzentriert, das europaweit einmalig sein dürfte. Oder Chemnitz: Dort war das Zentrum der deutschen Textilindustrie, es gab volkseigene, genossenschaftliche, halbstaatliche und Privatbetriebe, die 1972 verstaatlicht und an Kombinate angegliedert wurden. Nicht wenige Leute halten diese Verstaatlichung für einen der größten Fehler der DDR-Wirtschaftspolitik. Nach der Wende wurde vielfach versucht, die Betriebe zu reprivatisieren. In einigen Fällen gelang es, in anderen wurde es von der Treuhand behindert. Es gibt erfolgreiche Betriebe, doch die meisten sind klein und können nicht die Arbeitsplätze schaffen, die durch die Wende verloren gingen. Die Zahl der Arbeitsplätze in der Spielwarenindustrie ist von 22.000 vor der Wende auf heute 800 geschrumpft. Diese Zahl ist für mich ein Schlüssel für die Probleme, die Sachsen heute hat.

Als nostalgische Plauderveranstaltungen sind die Erzählsalons aber nicht gedacht?

Überhaupt nicht. Es geht darum, die DDR-Erfahrungen als gesellschaftlichen Reichtum zu begreifen. In einem hoch industrialisierten Land 40 Jahre lang mit Volkseigentum zu wirtschaften, ist eine ganz besondere Erfahrung. Ich moderiere seit Jahren Erzählsalons in Mestlin bei Parchim. Das Musterdorf Mestlin ist eine gebaute Utopie, wie man sich im Arbeiter- und Bauernstaat vorstellte, die Nachteile des Dorfes gegenüber dem städtischen Leben auszugleichen: eine Schule, eine Ambulanz, ein Altersheim. In einem riesigen Kulturhaus wurde Kultur aufs Land gebracht. Im Erzählsalon erzählen die Dorfbewohner, wie sie in der LPG gewirtschaftet und im Kulturhaus gefeiert haben. So bewahren wir die Erfahrungen aus der Vergangenheit, um sie für die Zukunft produktiv zu machen.

Beim Aufbau Ost unmittelbar nach der Wende waren die DDR-Erfahrungen kaum gefragt. Nicht zuletzt aus dem Impuls heraus haben Sie Ihr Unternehmen Rohnstock-Biografien 1998 gegründet?

Wir wollten helfen, dass die Ostdeutschen die Definitionsmacht über ihre eigene Geschichte wiedererlangen. In den westdominierten Medien fanden sie sich und ihre Geschichten damals schlicht nicht wieder. Die Missachtung der Lebensleistung der Ostler wirkt ja zum Teil bis heute nach. Wir haben damals schon den riesigen Bedarf zum Erzählen gesehen, nicht nur beim Einzelnen, sondern auch bei der Gesellschaft. Um sich zu begreifen, muss sie wissen, woher sie kommt.

30 Jahre nach dem Mauerfall scheint bei vielen Ostlern der Redebedarf über die oft mit Verletzungen verbundenen Wendeerfahrungen immer noch vorhanden. In Sachsen hat deshalb Integrationsministerin Petra Köpping eine Erzählveranstaltung initiiert, bei der sich die Leute von der Seele reden können, was sie immer noch bedrückt.

Sie hat eben auch erkannt, wie wichtig es ist, die individuelle und damit die gesellschaftliche Geschichte zu erzählen. Das wird meist auseinanderdividiert. Da gibt es die Historiker, die in die Akten gucken und aus denen heraus Geschichte konstruieren. Völlig getrennt vom Erleben der Menschen. Mit den Alltagsgeschichten beschäftigen sich die Biografieforscher, allerdings fokussiert auf eine wissenschaftliche Fragestellung. Doch die Perspektive derer, die die Geschichte gelebt und gestaltet haben, kam nur gefiltert vor.

Wenn einfache Leute erzählen, was sie erlebt haben, ist das für Sie ein wichtiger Pfeiler von Erinnerungskultur?

Eindeutig. Erinnern und Erzählen gehörten zum Alltag des Menschen. Unsere Erzählsalons beruhen auf einer jüdischen Tradition. Immer freitags nach dem Gottesdienst versammelten sich die Leute zum Essen an einem Tisch, an dem jeder über seine Erlebnisse in der Woche erzählte. Leider ist das Erzählen mit der Industrialisierung immer mehr aus dem Alltag verschwunden.

Dabei ist Erzählen die Basis des Verstehens?

So ist es. Dabei geht es nicht nur um Dialog. Dialogformate dienen dem Austausch von Anschauungen. Erzählen, zuhören, ohne das Gesagte zu bewerten, bieten die Chance, sich einzufühlen, einander zu begreifen. Ich habe oft erlebt, welche Offenheit entsteht, wenn die Leute einfach ihre Lebenserfahrung schildern können. Sie sind dann authentisch und reden nicht abstrakt über ihre eigentlichen Bedürfnisse hinweg. Ich habe es erst neulich wieder erlebt bei einem unserer Wirtschaft-Erzählsalons in Olbernhau, wo nach der Wende viele Menschen ihre Arbeit in der Spielzeugindustrie verloren hatten. Ein Mann aus dem Publikum äußerte sich aggressiv, aber auch sehr allgemein. Ich sagte zu ihm: Erzählen Sie doch mal Ihre persönliche Geschichte. Das hat er dann getan und war danach wie ausgewechselt, er wirkte richtig glücklich.

www.rohnstock-biografien.de

 


Katrin Rohnstock

Die studierte Germanistin Katrin Rohnstock, geboren 1960 in Thüringen, hatte 1998 die Idee, die Lebenserinnerungen von Menschen "wie du und ich" aufzuschreiben und auf diese Weise Zeitgeschichte zu bewahren. Mit ihrem Unternehmen Rohnstock-Biografien, das inzwischen 30 Mitarbeiter hat, gibt sie seither Biografien von Privatpersonen sowie Chroniken von Unternehmen und Institutionen heraus. Zudem veranstaltet sie Erzählsalons zu unterschiedlichsten Themen, in denen sich unter anderen Ossis und Wessis, Unternehmer und Angestellte, Bewohner von Dörfern und Städten ihre Geschichten erzählen. Aus vielen Erzählsalons entstanden Bücher. Für ihre Förderung der Erinnerungskultur wurde Rohnstock mehrfach ausgezeichnet. leu

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