Ostrale in Dresden: Die Narben im Gesicht der Welt

Die Ostrale in Dresden ist in schickere Räume umgezogen, was ihr einen Teil des alten Charmes nimmt. Sehenswert ist die Biennale zeitgenössischer Kunst trotzdem.

Dresden.

Manchmal ist das Naheliegende das Berührendste, das, was einem am nächsten geht. Weil es so naheliegt. In den Wochen nach den Attentaten auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo und einen koscheren Supermarkt zeichnete die deutsche Künstlerin Brele Scholz 77 Gesichter in schnellen schwarzen und roten Tuschestrichen, die sie "Selbstporträts" nennt und auf denen sie doch nicht erkennbar ist. Die Zeichnungen sind an die Wand gepinnt, davor hockt eine in sich gekrümmte, verzweifelte Holzfigur und schaut verzweifelt-zweifelnd auf die ebenso krakelig an die Wand gekritzelten Sätze: "Ich bin eine der namenlosen Toten im nassen Grab des Mittelmeeres. Ich bin eine der vergewaltigten jesidischen Frauen. Ich bin der zu 1000 Peitschenhieben verurteilte Blogger ..." Die Installation sagt weniger als sie fragt "Wer bin ich?" in all diesen Konflikten in der Welt, in denen jeder gegen jeden zu kämpfen scheint. Obwohl die Dinge hier ganz deutlich benannt werden, lässt das Werk Fragen offen, fordert es den Betrachter auf, selbst Stellung zu beziehen.

Es sind solche Arbeiten, die den Reiz der Ostrale in Dresden, der Biennale für zeitgenössische Kunst, ausmachen. Und davon gibt es einige. Das historische Geschirr etwa von Frenzy Höhne, ebenfalls aus Deutschland, "Es ist angerichtet", aber nun nicht mehr mit Sprüchen wie "Trautes Heim - Glück allein", sondern mit neudeutschen Weisheiten wie "Es mangelt nie Gelegenheit, was Gutes zu verrichten - Es mangelt nie Gelegenheit, was Gutes zu vernichten". Oder das goldene "Volksklo" von Stephan Hörnig. Die militärisch ausgerichteten Schüler im Gemälde des Tschechen Jakub Janovský, die "Architektur der Gewalt" des Slowaken Robert Kunec, die in Beton gegossen die Szenerie nach einem Selbstmordattentat zeigt. Der in Italien lebende israelische Komponist und Videokünstler zeigt in einer großen Videoinstallation die "Fremden Körper" von Frauen in Landschaften, die ihnen noch mehr als die Körper fremd sind - eindrucksvoller als eine weitere Installation von ihm, "Lands V2", die trotz ihres Aufwands kaum berührt. Anders als der Animationsfilm des Beiruter Studios Kawakeb, das sich des Versagens der Welt angesichts der Kriege, des Hungers und der Flüchtlinge auf der Erde annimmt und nicht ohne beklemmende Ironie konstatiert: "Danke, dass ihr unseren Tod in den Nachrichten vermeldet. Danke fürs Traurigsein." Doch die Welt schließt auch Humor nicht aus, wenn etwa Thorsten Passfelds "Beschwerdemobil" unterwegs ist mit den schlichten Aufforderungen: "Schnauze - Lasst gut sein - Gebt Frieden - Geht weg".

Die Ostrale ist aus den Futterställen des ehemaligen Schlachthofs im Ostra-Gehege nach längerer Suche nach einer neuen Heimat (auch mit einer Anfrage in Chemnitz) für dieses Jahr in einen Teil der leerstehenden Räume der ehemaligen F6-Tabakfabrik in Dresden-Striesen umgezogen. Das nimmt ihr etwas den Charme der unsanierten, aber eben auch baufälligen Gebäude des Schlachthofes, die für sich schon ein Kunstwerk waren. Die neuen Räume ähneln eher einer provisorischen Galerie mit weißen Wänden und Resten des Interiors der früheren Fabrik, was mitunter aber zu interessanten Blickachsen und Konstellationen der Kunst mit der realen Vergangenheit des Gebäudes führt - wenn etwa die Skulptur "Nike" aus Computerplatinen von Sebastian Hertrich in der Nachbarschaft einer alten Maschine steht, die nun ebenso nutzlos ist wie die von dem Ungarn Gyula Varnai zu einem "Regenbogen" versammelten Abzeichen aus sozialistischen Zeiten. Und auch die fast unveränderte Waschecke aus Zeiten, als in dem Gebäude noch produziert wurde, wirkt wie ein unfreiwilliges Kunstwerk. Hinzu kommen kleinere Ausstellungen an dezentralen Orten wie der Gedenkstätte im ehemaligen Stasi-Untersuchungsgefängnis an der Bautzener Straße, dem Goethe-Institut und dem Gebäude des Ausländerrats. Insgesamt werden auf etwa 6000 Quadratmetern mehr als 300 Werke aller Genres, von der winzigen Zeichnung bis zur aufwendigen Multimediainstallation, von 180 Künstlerinnen und Künstlern aus 34 Nationen gezeigt. Es fehlt auch nicht an weniger originellen Bildern - unter Schachfiguren begrabene Menschen sind "Schachmatt", ein okkupierter Quadratmeter friedliches "Arkadien" in verschiedenen Ländern als zaghafter Gegenentwurf zur verdorbenen Welt - und es will sich auch kein Gesamtbild der Ostrale ergeben, das ihrem Motto "Ismus" irgendwie entspräche.

Im Gegenteil: Eine ausliegende kleine Broschüre des ebenfalls an der Ostrale beteiligten Künstlers Daniel Chluba behauptet nicht nur "Kapitalismus ist keine Kunst", sondern listet auch 500 weitere Ismen auf, die allesamt "keine Kunst" sind. Sehenswert aber ist die Ostrale, weil sie das Gesicht einer offenen, vielfarbigen, vielformigen Welt zeigt, das immer dann am meisten berührt, wenn es die Narben vom Glück und Unglück in diesem Gesicht benennt.

Die Hauptausstellung der Ostrale in der Historischen Tabakfabrik f6 Striesen in Dresden ist bis 1. September zu sehen: mittwochs bis freitags 10 bis 19 Uhr, samstags und sonntags 11 bis 20 Uhr. www.ostrale.de

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