Passender Auftakt mit Romantik bei den Dresdner Musikfestspielen

Ivor Bolton und das Dresdner Festspielorchester haben am Donnerstagabend die Musikfestspiele mit Weber, Schubert und Schumann eröffnet.

Dresden.

Die Vorfreude war zum Greifen. Das Foyer des Dresdner Kulturpalastes schien regelrecht zu vibrieren, obwohl noch keine einzige Note gespielt worden war. Das Publikum war sehr gemischt und aufgekratzter als gewöhnlich: Dresdner, Sachsen und Weitgereiste, die Generation Silberschopf mit ihrer Klassikerfahrung, aber auch überraschend viele Junge und Jüngere waren am Donnerstagabend zur Eröffnung der Dresdner Musikfestspiele gekommen.

Ein passenderer Auftakt als dieses romantische Programm mit Weber, Schubert und Schumann ist kaum denkbar, und mit Ivor Bolton und seinem Dresdner Festspielorchester vollzog ihn ein in seinem Anspruch und Klang einzigartiges Ensemble. Das Motto der diesjährigen Musikfestspiele, "Visionen", deckt sich nämlich mit einem Hauptanliegen der Romantiker im 19. Jahrhundert: dem Aufbruch zu neuen Ufern, dem Freischwingen der Seele auf der Suche nach Wesentlichem. Auch wenn uns vieles heute selbstverständlich erscheint, der Ausdruck individuellen Empfindens in der Reibung mit dem, was möglich ist, das verdanken wir auch jener künstlerischen Strömung, die wir heute "die Romantik" nennen.

Carl Maria von Webers "Freischütz" gilt als Inbegriff der frühromantischen Oper. Auch wenn seine anderen Musikdramen nicht so erfolgreich waren, spüren auch sie einem sich verändernden Ideal nach. Dass die Themen, wie in "Euryanthe", bisweilen dem Mittelalter entlehnt waren, ändert nichts an der Kühnheit der Form. Mit der Ouvertüre zu diesem 1823 in Wien uraufgeführten Dreiakter demonstrierte Ivor Bolton in nur knapp zehn Minuten, zu welcher Raffinesse Weber imstande war, welche Kühnheiten er sich traute - da blitzen harmonische Einfälle auf, die erst Jahrzehnte später bei Wagner zum musikdramatischen Standard wurden. Mit seinen aus Originalklangspezialisten gespeisten Orchester, das Bolton 2012 in Dresden mit Musikern aus zahlreichen europäischen Spitzenensembles aus der Taufe hob, gelang es ihm sofort, den reichen Zauber der Klangfarben zu entfalten und einen warmen, kraftvollen Sound zu reproduzieren, von dem wir annehmen dürfen, dass er dem recht nahekommt, was Anfang und Mitte des 19. Jahrhunderts im Konzertsaal zu hören war. Das hat viel mit den historischen Bläsern zu tun, mit dem vibratoarmen Spiel auf mit Darmsaiten bespannten Streichinstrumenten und mit einer Intonation, die vielfach andere Akzente setzt als das moderne Sinfonieorchester.

Bolton ließ in modifizierter deutscher Aufstellung spielen, mit den Bässen zur Linken, den ersten und zweiten Geigen dialogisch vis-à-vis und den Bratschen und Celli zentral vor den Bläsern. Das fächert den Klang speziell auf und sorgt bisweilen, dezent geführt, für feine Transparenz. Bei den Franz-Schubert-Liedern, die dann folgten, war das sozusagen ohrenfällig. René Pape faszinierte mit seinem ungemein nuancenreichen Vortrag von "Prometheus" und sechs Heine-Vertonungen aus dem Zyklus "Schwanengesang". Der in Dresden geborene Weltstar setzte den Höhepunkt mit "Der Doppelgänger" und hatte nur einmal zu kämpfen, als ihn das Orchester in "Die Stadt" im Forte gar sehr überdeckte.

Sehr dankbar war das Publikum auch für die folgende "Frühlingssinfonie" des Schubert-Bewunderers Robert Schumann. Diese seine erste Sinfonie hatte der gebürtige Zwickauer im Januar 1841 in nur vier Tagen zu Papier gebracht, in einem emotionalen, vitalen Schreibrausch. Und genau den ließen Bolton und seine junge Musikerschar hier nacherleben. Das blühte und jubilierte, das brauste und schwoll, es war eine einzige musikalische Freude vom behutsamen Beginn bis zum kraftvollen, lebensfrohen Finale.

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