Peggy Guggenheim: "Immer nur dem Herzen gefolgt"

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Sophie Villard hat über eine außergewöhnliche Frau und ihre Bedeutung für die Kunstwelt geschrieben

Fortsetzungsroman.

Mit "Peggy Guggenheim und der Traum vom Glück" hat Sophie Villard einen Roman über eine der schillerndsten und für die Kunstwelt bedeutendsten Frauen des 20. Jahrhunderts verfasst. Im Gespräch mit Reinhard Oldeweme erzählt die Autorin, warum ihre Protagonistin mehr als nur eine rebellische Erbin war und wie sie es in schweren Zeiten geschafft hat, weit über das eigene Wohl hinaus vielen bedeutenden Künstlern dieser Zeit ein Überleben zu sichern.

Freie Presse: Gab es für Sie so etwas wie einen Schlüsselmoment, an dem Sie sich sicher waren, die Geschichte dieser außergewöhnlichen Frau erzählen zu wollen?

Sophie Villard: Als ich in Peggy Guggenheims ehemaligem Wohnhaus, dem Palazzo Venier dei Leoni am Canal Grande in Venedig ihre unfassbare Sammlung gesehen habe: Miró, Kandinsky, Dalí, Giacometti, Brancusi - Bilder und Skulpturen, die heute jeder kennt und die Millionen wert sind. Zu ihren Zeiten galten sie als skandalös oder gar als Schrott. Ich wollte ergründen, wer diese Frau war, die diesen Schatz mit sicherem Gespür zusammengetragen und dann auch noch so geschickt vor der Zerstörung durch die Nazis gerettet hat.

Demnach ist Peggy Guggenheims Bedeutung für die Geschichte der zeitgenössischen Kunst im 20. Jahrhundert immens.

Sie ist eine zentrale und schillernde Figur der modernen Kunst, ohne sie wäre unsere Welt um viele bedeutende Kunstwerke ärmer.

Aber ihre Lebensleistung ging noch darüber hinaus, ist Ihrem Roman zu entnehmen?

Ihr größtes Verdienst ist sicherlich, Menschen die Flucht aus Europa ermöglicht zu haben, indem sie das Emergency Rescue Committee (ERC) in Marseille finanziell unterstützte. Das ERC beschaffte legal und illegal Visa und Schiffspassagen für die USA. Marc Chagall, Heinrich und Golo Mann, die Werfels und die Feuchtwangers sind durch diese Organisation ins Exil entkommen. In meinem Roman besucht Peggy die legendäre Villa Air-Bel, die für diese Flüchtlinge als geheime Wartestation bis zur Ausreise diente.

Sie beschränken sich auf die Jahre 1937 bis 1942. Warum erzählen Sie nicht ihr ganzes Leben?

Es sind die Initial-Jahre für Peggy. Sie war nach ihrer ersten Ehe nun im mittleren Alter und setzte sich in den Kopf, die Kunstwelt zu revolutionieren. Gegen den Widerstand der Familie - besonders den von Onkel Solomon, der später das heute so berühmte Guggenheim-Museum in New York gründete. Sie ließ sich von Spöttern, Traditionalisten und Leuten, die sagten, sie schmeiße ihr Geld zum Fenster raus, nicht irritieren. Außerdem traf sie in dieser Zeit ihre interessantesten Männer: Samuel Beckett und Max Ernst.

Sie sprechen die Familie an. Im Klappentext des Romans ist von einer "rebellischen Erbin" die Rede. Welche Rolle spielte ihr Hintergrund für den Werdegang?

Sie stammt aus einer jüdischen Familie von der Upper East Side in New York. Ihr Vater starb beim Untergang der Titanic, ein Trauma, das sie ein Leben lang begleitete. Ihre Mutter hatte für Peggy eine Existenz als Ehefrau geplant, die einen festen Hutmacher hat und Wohltätigkeitsdinner besucht. Das war ihr aber zu langweilig, und so brach sie aus nach Europa.

War sie eine Heimatlose, eine Getriebene, wie ist sie zu einer Weltbürgerin geworden?

Ich glaube, sie ist einfach immer ihrem Herzen gefolgt. Nur als sie im Zweiten Weltkrieg als Jüdin fliehen musste, kehrte sie für kurze Zeit in die New Yorker Heimat zurück. Und entdeckte dort prompt herausragende amerikanische junge Maler wie Jackson Pollock.

Peggy Guggenheim gilt als eine starke und selbstbewusste Frau, welche Eigenschaften zeichnen sie besonders aus?

Bei einigen Weggefährten galt sie interessanterweise als naiv, weil diese meinten, sie ließe sich von den Künstlern ausnutzen und sei keine Intellektuelle. Ich bin aber der Meinung, dass sie sehr wohl klar und klug durchs Leben ging. Klarer und klüger jedenfalls als etliche andere, die viel redeten, aber nichts taten.

Alle handelnden Personen haben tatsächlich gelebt. Wie viel Fiktion ist in dem, was sie erleben und durchmachen müssen?

Ich bin so nah wie möglich an den Ereignissen geblieben, aber natürlich muss ein Roman romanhaft erzählt sein. Peggys Autobiografie "Ich habe alles gelebt" hat mir sehr geholfen, weil sie einen direkten Einblick in ihr Empfinden zu den Geschehnissen und den Personen gewährt.

Peggy Guggenheim träumt von ihrem Glück, verbindet sie dies nur mit der Kunst oder geht es in dem Roman auch um die eine oder sogar mehrere große Lieben?

Die stürmische Affäre mit Samuel Beckett in Paris und die Flucht ins Exil samt folgender Ehe mit Max Ernst brachten ihr Glück und Schmerz. Die Kunst hingegen war ihre beständige und leidenschaftliche Liebe, lebenslänglich.

In Ihrem Roman sind der Krieg und die Verfolgung allgegenwärtig, aber nie wirklich das Thema. Sie gehen darauf mehr am Rande ein, sie sind für die Handlung so etwas wie ein Rahmen. Warum haben Sie sich für diesen Weg entschieden?

Ich erzähle den Roman aus der Perspektive der Amerikanerin Peggy in Paris. Auch wenn sie Jüdin ist, weiß sie, dass ihr Pass sie schützt. Sie besucht die Cafés, bemerkt immer mehr deutsche Flüchtlinge, bekommt Bilder angeboten von Künstlerfreunden, die Devisen brauchen, um Europa zu verlassen. Sie kauft die Bilder, aber sie will noch nicht wahrhaben, dass auch ihr Leben, wie sie es liebt, nicht mehr funktioniert. Erst als im Juni 1940 die Deutschen anrollen, wird ihr bewusst, dass sie Paris verlassen muss.

Ist das Leben von Peggy Guggenheim schon einmal verfilmt worden? Wäre Ihr Roman nicht eine wunderbare Grundlage für ein Drehbuch?

Es gibt noch keine Verfilmung, und ich freue mich sehr, dass eine Drehbuchautorin die Rechte erworben hat und gerade ein Drehbuch entwickelt. Außerdem wird er in drei Sprachen übersetzt.

Gibt es eigentlich dokumentarische Filmaufnahmen und Fotos von Peggy Guggenheim, die Sie beim Schreiben des Romans auch inspirieren konnten?

Der Dokumentarfilm "Art Addict/Peggy Guggenheim - ein Leben für die Kunst" von Lisa Vreeland ist eine Montage des letzten Interviews mit Peggy Guggenheim mit den schönsten Fotos und Filmausschnitten ihres Lebens.

Wenn die Leserinnen und Leser Ihres Romans nach der letzten Seite das Buch zur Seite legen, aber mehr von Peggy Guggenheim erfahren wollen, welche Tipps können Sie ihnen geben?

Fahren Sie nach Venedig in den Palazzo Venier dei Leoni und erkunden Sie die "Peggy Guggenheim Collection" selbst! Wer lieber im Lesesessel reist, dem empfehle ich die Biografie von Mary Dearborn "Ich bereue nichts!".

Sie schreiben unter einem Pseudonym, den Grund oder sogar Ihren echten Namen müssen Sie nicht verraten, aber was dürfen die Leser über Sophie Villard wissen?

Ich bin Wahl-Sächsin und lebe mit meiner Familie nahe Dresden. Dass wir mit den Kunstsammlungen in Chemnitz und Dresden und mit der Leipziger Schule eine so reiche Kulturszene vor Ort haben, genieße ich sehr. In meinen Romanen erzähle ich von Frauen, deren Entscheidungen uns bis heute berühren und von denen wir lernen können, unsere Träume zu leben.

Ihr nächster Roman ist schon fertig und soll am 13. September ebenfalls beim Penguin-Verlag erscheinen. Geht es wieder um eine starke und außergewöhnliche Frau? Können Sie uns schon et-was verraten?

Es ist die Geschichte der großen Liebe des Kleinen Prinzen - der Malerin Consuelo de Saint-Exupéry, Ehefrau des Schriftstellers und Piloten Antoine de Saint-Exupéry. Mit diesen beiden geht es in meinem Roman "Madame Exupéry und die Sterne des Himmels" auf einen turbulenten Flug durch die Künstlerehe von Paris über Casablanca, Kaffeeplantagen in Mittelamerika bis ins Exil nach New York - und wir sind hautnah dabei, wenn "Der kleine Prinz" entsteht. (old)

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