Pen-Chefin vor Kongress in Chemnitz: "Rassismus betrifft uns in ganz Europa"

Regula Venske über die Tagung des Pen in Chemnitz und Lesungen im öffentlichen Raum, die auch auf den vergangenen Sommer reagieren

Chemnitz.

Poets, Essayists, Novellists - dafür stand ursprünglich die Abkürzung Pen, gegründet 1921 in London, unter anderem von George Bernhard Shaw, H. G. Wells und Joseph Conrad. Die Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Regula Venske ist seit 2017 Präsidentin des Deutschen Pen-Zentrums, dessen Jahrestagung von Mittwoch bis Sonntag in Chemnitz stattfindet. Warum gerade Chemnitz? Unter anderem darüber sprach Matthias Zwarg mit Regula Venske.

"Freie Presse": Frau Venske, warum tagt der Pen in Chemnitz - hat das auch etwas mit den Ereignissen des vorigen Sommers hier zu tun?

Regula Venske: Nein, der Vorlauf in unserer Planung ist viel länger. Das geht schon auf 2016 zurück. Wir haben im Pen immer die Überlegung, dass wir abwechseln wollen zwischen großen und kleinen Städten, Norden und Süden und natürlich auch Osten und Westen, modern oder beschaulich mit Fachwerk ... Nachdem wir 2015 in Magdeburg waren, 2016 in Bamberg, haben wir überlegt, dass es jetzt wieder schön wäre, in den Osten zu gehen, und haben von uns aus in Greifswald und Chemnitz nachgefragt. Greifswald hatte nicht die Möglichkeiten, Chemnitz aber ist uns mit offenen Armen entgegengekommen. Darüber haben wir uns sehr gefreut und sind dankbar. Die Ereignisse des letzten Sommers haben uns natürlich - wie alle Menschen in Deutschland, denen Demokratie und Mitmenschlichkeit am Herzen liegen - bestürzt. Leider hätten diese rassistischen Übergriffe und Ausschreitungen auch anderswo passieren können, das ist nicht Chemnitz-spezifisch. Das Problem, dass sich rassistisches Gedankengut ausbreitet, betrifft uns in ganz Europa, und in Deutschland in Ost und West. Das ist ein Thema, das uns gemeinsam angeht.

Es gibt eine große poetisch-politische Kundgebung am Freitag auf dem Theaterplatz. Ist das eine Reaktion auf das Geschehen in Chemnitz in den vergangenen Monaten?

Ich hatte schon vor zwei Jahren in Dortmund, nachdem ich zur Präsidentin gewählt wurde, gesagt, dass ich gern eine Veranstaltung machen würde, wie ich sie in Mexico City bei einem amerikanischen Pen-Gipfel erlebt habe. Da gab es eine Veranstaltung namens "Pen Pregunta", der Pen fragt. 50 Autorinnen und Autoren haben jeweils eine Minute lang eine Frage gestellt, manchmal in Form eines Gedichtes, manchmal in Form eines Mini-Essays - Fragen zu politischen Themen. Mich hat das damals sehr beeindruckt: diese 50Stimmen, ohne Moderierung, diese 50 Fragen an die Regierung, an die politisch Verantwortlichen, an die Bevölkerung. Solch ein Format auszuprobieren, hatte ich schon länger im Kopf. Und jetzt hat es sich angeboten, in Chemnitz auch in die öffentlichen Räume, auf die Straße zu gehen. Das hat sich organisch miteinander verbunden, die seit Längerem bestehende Idee und unser Anliegen jetzt. Wir freuen uns auch über die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern aus Chemnitz.

Es werden auch Lesungen in drei der angegriffenen ausländischen Restaurants stattfinden ...

Damit tragen wir den Ereignissen in Chemnitz Rechnung. Wir wollen unsere Solidarität zeigen. Es wurden ja vier Restaurants angegriffen, das vierte ist leider in der Renovierung noch nicht so weit.

Es gibt auch einen Abend mit Stefan-Heym-Preisträgern. Wer hatte die Idee dazu?

Damit kommen wir einem Wunsch der Stadt entgegen, die diesen schönen Preis verleiht. Amos Oz ist leider verstorben, aber er wird mit seiner Stimme aus Radioaufnahmen anwesend sein, und von Joanna Bator wird ein Text gelesen, sodass neben Bora Ćosiæ und Christoph Hein alle Stefan-Heym-Preisträger zu hören sein werden. Außerdem wird mit Kerstin Hensel eine Tochter der Stadt auf die Bühne kommen. Wir verdanken ihr das Motto unserer Tagung: "Endlich morgen vielleicht". Ein weiterer "Überraschungsgast" wird Tanja Kinkel sein, die ebenfalls vorher schon auf dem Theaterplatz lesen wird. Beide werden den Bogen zu unserer Tagung in Chemnitz spannen.

Was steht noch auf der Tagesordnung des Pen in Chemnitz?

Wir sind ja ein gemeinnütziger Verein. Das heißt, wir haben unsere Mitgliederversammlung, und die wird auch spannend werden, weil ein neues Präsidium gewählt wird. Unsere Themen sind zum einen unser Engagement für inhaftierte und bedrohte Kolleginnen und Kollegen, Writers in Prison. Wir setzen uns ein für Autoren, die aufgrund dessen, was sie geschrieben haben, inhaftiert oder mit ihrem Leben bedroht sind. Diese Themen sind uns ja sehr nahegerückt, denken Sie etwa an Malta oder an die Slowakei. Zum anderen haben wir im deutschen Pen noch das besondere Programm Writers in Exile. Zurzeit können wir acht Kolleginnen und Kollegen, die in ihren Ländern bedroht waren und sind, in Deutschland Zuflucht geben. Darüber hinaus gibt es noch weitere Komitees im internationalen Pen, Autoren für den Frieden zum Beispiel - der Pen ist ja 1921 gegründet worden nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs als ein Zusammenschluss von Schriftstellern aus aller Welt, die sich für Frieden und Völkerverständigung einsetzen. Die meisten von uns sind mit diesen Sätzen aufgewachsen: "Nie wieder Krieg" und: "Solche Barbarei darf nie wieder von Deutschland ausgehen! Wehret den Anfängen!" Weitere Themen sind Urheberrecht, die spezifische Situation von Autorinnen sowie der Themenkomplex Übersetzungen und linguistische Rechte, also etwa im Hinblick auf Muttersprachen, die unterdrückt werden. Das ist vor allem in ehemals kolonial besetzten Ländern ein eminent politisches Thema. Wir haben aber auch in Deutschland die sorbische Sprachgemeinschaft zum Beispiel, über die gar nicht so viel bekannt ist in anderen Gegenden.

Die Writers in Exile kommen auch mit nach Chemnitz. Womit werden sie sich hier beschäftigen?

Sie werden sich natürlich die Stadt ansehen und hoffentlich Kontakte knüpfen. Unsere Gäste haben ja oft abenteuerliche Lebensläufe. Wir hoffen, dass sich für alle Beteiligten interessante Gespräche ergeben. Es ist doch immer wieder spannend für uns, uns selbst mit den Augen anderer zu sehen. Wir sind ja in unserem Alltag in unserer Perspektive gefangen. Da ist es eine Bereicherung, auch einmal mit anderen Augen auf uns selbst, auf unser Land zu schauen.

Freuen Sie sich auf Chemnitz?

Ich bin in gespannter Vorfreude. Chemnitz ist eine Stadt, die viele aus dem "alten Westen" nicht kennen, weil ja manchmal die Entfernungen doch groß sind. Wir hatten schon früh viele Anmeldungen. Wir freuen uns, die Stadt kennenzulernen und zum Beispiel am Sonntagvormittag gemeinsam über das Thema Heimat nachzudenken. Es wird hoffentlich eine gute Tagung - und ganz persönlich freue ich mich auch auf die Lange Nacht der Museen.

Im Rahmen der PEN-Tagung finden zahlreiche Veranstaltungen statt, so am Mittwoch, 20 Uhr, eine Lesung für den inhaftierten ukrainischen Filmemacher Oleg Sentsov in der Buchhandlung Lessing & Kompanie Chemnitz. Das gesamte Programm finden Sie am Donnerstag in der Beilage "Wohin".

Von der Juristin zur Krimiautorin

Regula Venske, 1955 in Minden geboren, studierte Rechtswissenschaften, Germanistik und Anglistik. 1987 promovierte sie zum Thema "Mannsbilder - Männerbilder. Konstruktion und Kritik des Männlichen in zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur von Frauen". Seitdem arbeitet sie als freie Autorin in Hamburg, war auch Verlagsleiterin im Rotbuch-Verlag und Literaturredakteurin der Zeitschrift "Brigitte". 1991 publizierte sie ihren ersten Kriminalroman, danach Gemeinschaftsromane mit anderen Autoren, Kurzgeschichten, Kinderbücher und experimentelle Texte.mz

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2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    3
    Einspruch
    08.05.2019

    Ich hätte ein paar Vergleiche zwischen Halle Neustadt und Problemzonen in den alten BL. Da zeichnen sich dieselben Probleme ab. Aber wenn ich die schreibe oder die Bilder nachlege, ist das Rassistisch, obwohl es eben die Realität ist. Insofern sollte erstmal geklärt werden, was ist rassistisch, alles was das Ansprechen realer Probleme betrifft?

  • 2
    5
    Blackadder
    08.05.2019

    Vielen Dank für den Hinweis auf die Lesungen und Veranstaltungen, das hatte ich so noch nicht auf dem Schirm.



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